Danke, Per!

Zum Ende der Transferperiode kam er also doch noch zustande: Der Wechsel von Per Mertesacker zum FC Arsenal, der seit Jahren im Raum stand; solange, dass man ihn schon ins Reich der ewigen Transfersagen verbannen wollte. Mit Merte verlässt Werder nicht nur der Kapitän und ein großer Sympathieträger, sondern auch ein weiterer Spieler, der für die erfolgreiche Ära Schaaf steht.

Debüt gegen Eto’o und Messi

Als Per Mertesacker im Sommer 2006 verpflichtet wurde, war er bereits gestandener Nationalspieler, beteiligt am Sommermärchen und trotz seines jungen Alters schon mit einiger Erfahrung. Es war eine Zeit, in der Werder einen Quantensprung vollzogen hatte und dank regelmäßiger Champions-League-Einnahmen bei den Einkäufen nicht mehr nur auf Schnäppchen und hervorragendes Scouting setzen musste, sondern sich auch Spieler mit geradlinigem Lebenslauf leisten konnte. Was 2004 mit Miroslav Klose begann und 2005 mit Torsten Frings fortgesetzt wurde, erreichte 2006 mit den Verpflichtungen von Diego, Pierre Womé, Clemens Fritz und eben Mertesacker seinen Höhepunkt. Endlich schien man das Team auch auf dem Papier einmal verstärken zu können, musste Spieler von damals (mindestens) gehobener internationaler Klasse wie Klose und Frings nicht abgeben und konnte auch deshalb den Abschied von Spielmacher Johan Micoud relativ gut und nahtlos kompensieren.

Mertesacker kam verletzt nach Bremen und konnte in den ersten Spielen nach seinem Wechsel noch nicht mitwirken. Er musste von der Tribüne verfolgen, wie sein neues Team einen geglückten Saisonstart mit Niederlagen gegen Schalke und Stuttgart sowie ein Unentschieden gegen den HSV in ein kleines Debakel verwandelte. Nach dem Sieg im Ligapokal und einer ansprechenden Vorbereitung war man schließlich als einer der Topfavoriten auf die Meisterschaft in die Saison gestartet. Auch in der Champions League Gruppenphase, in der man mit dem FC Barcelona und dem FC Chelsea die vermeintlich größten Brocken erwischt hatte, musste nach der Auftaktniederlage in London im Heimspiel gegen Barcelona dringend ein Punkt her. Mertesackers Debüt fiel ausgerechnet auf dieses Spiel, das im Nachhinein als Wendepunkt einer überaus erfolgreichen Hinrunde gewertet wurde. Werder trat mit neun deutschen Spielern (Wiese, Fritz, Mertesacker, Schulz, Baumann, Frings, Borowski, Klose, Hunt – allesamt früher oder später Nationalspieler) gegen das Starensemble um Ronaldinho an und bot eine herausragende Leistung. Bis kurz vor Schluss führte Werder gegen den Champions-League-Sieger und ließ nur wenige Chancen zu – auch weil Mertesacker von Anfang an mit seinem Partner Naldo in der Innenverteidigung funktionierte. Kurz vor Schluss erzielte ein Einwechselspieler (ein gewisser Lionel Messi) noch den Ausgleich für die Katalanen und verhinderte so die große Überraschung.

Führungsspieler mit kleinen Schönheitsfehlern

Im Prinzip brachte Mertesacker schon damals alle Eigenschaften mit, die seine Zeit in Bremen prägten: Solidität, Verlässlichkeit, Zweikampfstärke, gute vertikale Spieleröffnung. Dazu war er charakterlich eine große Bereicherung. Nie hatte man das Gefühl, dass er sich in den Mittelpunkt drängen oder mit großen Sprüchen auf sich aufmerksam machen wollte. Dennoch war er kein Mitläufer, sondern übernahm sukzessive mehr Verantwortung, als die alte Führungsgarde um Baumann, Diego und Frings sich dem Ende ihrer jeweiligen Werderzeit näherten. In Zeiten flacher Hierarchien und antiquierter Führungsspielerdiskussionen stellt Mertesacker den Gegenentwurf (nach Prägung von Frank Baumann) dar: Neben dem Platz eher ruhige Töne anschlagen, aber sich auf dem Platz nicht der Verantwortung entziehen. In dieser Hinsicht ist er ein gutes Vorbild für viele Spieler der neuen Generation und steht wohl auch deshalb trotz längerer Formkrise bei Bundestrainer Joachim Löw weiterhin hoch im Kurs.

Dennoch kann man Mertesackers Zeit bei Werder Bremen nicht auf diese positiven Aspekte beschränken. Schaut man zurück auf die fünf Jahre fällt es schwer, auf dem Platz eine große Entwicklung zu erkennen. Merte spielte auf hohem Niveau, als er zu Werder kam und er spielt auch heute noch auf hohem Niveau. Die Schwachstellen, die er 2006 in seinem Spiel hatte, konnte er bis heute nicht nachhaltig verbessern. Seine tiefe Formkrise im letzten Jahr kam zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt. Jahrelang hatten Naldo und Mertesacker die kleineren Formschwankungen des jeweils anderen gut kompensieren können. Nun fehlte der Brasilianer verletzt und Mertesacker konnte der wackeligen Viererkette lange Zeit keinerlei Stabilität verleihen. Sein Ruf hat unter der letzten Saison und der durchwachsenen WM in Südafrika gelitten. Der ersehnte Wechsel zu einer der Topmannschaften der Premier League schien nach der Verletzung in weite Ferne zu rücken. Nach seiner Genesung zeigte er jedoch erstaunlich starke Leistungen und ist wohl auch deshalb für Arsène Wenger nach dem desaströsen Saisonstart der Gunners die erste Option für eine Verstärkung der Innenverteidigung gewesen.

Wie groß ist der Verlust für Werder?

Ob Mertesacker die Herausforderung Arsenal erfolgreich bewältigen wird, will ich an dieser Stelle nicht erörtern. Ich wünsche es ihm auf jeden Fall. Bei Werder hinterlässt er definitiv ein Loch. Über seinen Status in der Mannschaft besteht keinerlei Zweifel. Menschlich ist er ein großer Verlust für diese sich im Umbruch befindende Mannschaft, doch auch auf dem Platz sollte man Mertesackers Bedeutung nicht unterschätzen. Die sich anbahnende Rückkehr von Naldo und die Verpflichtung von Andreas Wolf und Sokratis Papastathopoulos mögen den sportlichen Verlust in Grenzen halten, aber man sollte nicht erwarten, dass sein Weggang völlig Reibungslos kompensiert wird. Durch den späten Zeitpunkt des Wechsels steht Thomas Schaaf nun vor einem Problem: Er muss abwägen, ob er Mertesacker vorübergehend – bis zu Naldos Rückkehr – durch Sebastian Prödl ersetzt oder die bislang recht solide Defensivabteilung komplett durcheinander wirbelt: Sokratis in die Innenverteidigung und den im Mittelfeld aufblühenden Fritz zurück auf die rechte Abwehrseite. Im ersten Fall würde Andreas Wolf, der bislang nicht immer überzeugt hat, wohl für längere Zeit in der Innenverteidigung gesetzt sein. Im zweiten Fall könnte sich im Mittelfeld die Chance für Neuzugang Aleksandar Ignjovski bieten. Nachdem Schaaf seine favorisierte Formation für diese Saison gefunden hat (was ihm letzte Saison bis weit in die Rückrunde nicht gelang), wird er wenig erfreut über diese Veränderung sein.

Mach‘s gut, Per! Danke für die tolle Zeit. Du wirst immer ein Spieler sein, an den man sich bei Werder gerne erinnert.

Artikel teilen

    2 Gedanken zu „Danke, Per!

    1. Ich glaube ja, dass Merte wegen der miesen Saison 2010/11 zur Zeit einer der meistunterschätzten IV ist. Er wird uns definitiv fehlen, mit Grausen denke ich an einige von Wolfs Aussetzern. Trotzdem gefällt mir Fritz auf rechts zu sehr, als dass ich das Risiko nicht in Kauf nehmen würde ;)

      Alles Gute in der PL, Peer!

    Kommentare sind geschlossen.