Danke, Radio Bremen!

1 1/2 Monate lang war es hier still. Ich hatte eigentlich gar nicht vor, eine Sommerpause zu machen, aber es hat mir mal ganz gut getan, ein paar Wochen Abstand vom Blog zu haben.

Der Zeitpunkt zum Wiedereinstieg hat sich dann ganz von selbst ergeben. Manchmal braucht es eben ein Thema, zu dem man sich unbedingt äußern muss, weil man gar nicht anders kann. Ein solches ist die finanzielle Situation bei Werder Bremen, die derzeit sehr emotional im Verein, im Umfeld und in den Medien diskutiert wird.

Eigentlich ist die Situation sehr übersichtlich: Ohne die Zusatzeinnahmen aus dem internationalen Geschäft kann sich Werder den teuren Kader der letzten Jahre nicht mehr leisten. Das Gehaltsbudget wurde durch die Abgänge von Frings, Jensen und Pasanen bereits gesenkt. Mit den zu den Topverdienern zählenden Mertesacker und Wiese wurde bislang trotz auslaufender Verträge nicht ernsthaft verhandelt. Damit fährt Werder einen Konsolidierungskurs, der der Situation angemessen ist. Wer angesichts der ungewissen sportlichen Zukunft große Investitionen fordert, sollte sich der Folgen bewusst sein: Externe Kapitalgeber, Verschuldung, Abhängigkeiten. All die Dinge, die Werder nie gewollt hat und die man anderen Vereinen gerne vorhält.

Auf der anderen Seite muss sich der Verein natürlich auch sportlich auf die neue Saison vorbereiten. Ganz ohne Investitionen geht es dann doch nicht. Mit Ekici, Schmitz und Wolf hat Werder bereits drei Spieler verpflichtet und im Gegensatz zu den Vorjahren eine deutlich negative Transferbilanz aufgestellt. Dem traditionell sehr vorsichtigen Aufsichtsrat wird dieses Transferminus nun zu hoch. Er fordert Transfereinnahmen, bevor weitere Ausgaben für Spieler bewilligt werden. Auf der anderen Seite stehen Klaus Allofs und Thomas Schaaf, die neben der finanziellen Seite auch die sportliche Saisonplanung im Auge haben und nach Verstärkungen für die personell gebeutelte Abwehr verlangen.

Dank einer wieder einmal wenig vorteilhaften Außendarstellung steht Werder nun jedoch in der Öffentlichkeit als ein Verein, der so klamm ist, dass er sich nicht einmal mehr eine sechsstellige Ausleihgebühr für einen griechischen Innenverteidiger leisten kann. Die einzige wirklich wichtige Frage in diesem Zusammenhang lautet: Soll Werder in dieser besonderen Situation mit vier langfristig verletzten Innenverteidigern den bisherigen Weg der Risikovermeidung weitergehen oder im Interesse der sportlichen Zielsetzung eine Ausnahme machen?

Diese Frage ist den Boulevardmedien wenig überraschend nicht interessant genug. Dass jedoch ausgerechnet Radio Bremen auf diesen Zug aufspringt und mit an Volksverdummung grenzenden Aussagen das Bild eines fast-insolventen Fußballvereins zeichnet, das hat mich schon sehr enttäuscht. Während sich in den Bremer Lokalzeitungen durchaus interessante Artikel über die Situation bei Werder finden lassen (z.B. hier und hier), muss eines der Urgesteine in Sachen Fußballberichterstattung, nämlich Henry Vogt, auf Radio Bremen Vier den Kronzeugen für Werders finanzielle Nöte geben (Moderator: “Werder Bremen steht kurz vor der Pleite. Henry Vogt, wo ist das ganze Geld hin?” Vogt: “Alles ausgegeben.”).

Bremen Vier wurde gerade als Bremens beliebtester und meistgehörter Radiosender ausgezeichnet – auch, weil man häufig aus dem Einheitsbrei des Radiomainstreams herausragt und Mut zu ausgefallenen Sendungen bewiesen hat. Von einem solchen Sender – wie auch vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk allgemein – erwarte ich einfach mehr Information, weniger Sensationsgeilheit und vor allem den Willen, seinen Zuhörern einen Erkenntnisgewinn zu bieten. In diesem Sinne hat mich Radio Bremen gestern schwer enttäuscht. Trotzdem sage ich Danke: Danke, dass ihr mir einen Grund geliefert habt, meine Sommerpause zu beenden.

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    6 Gedanken zu „Danke, Radio Bremen!

    1. Die einzige Lösungsmöglichkeit, die ich hier sehe, wäre weitere Topverdiener, die konsequent unter ihren Möglichkeiten spielen, zu veräußern, um dass Gehaltsniveau weiter zu senken.

      Die spezielle Situation im Fall Wiese und Mertesacker (Vertrag läuft aus, verlangen mehr Geld, bzw. würden evt. gerne Wechseln) lasse ich mal kurz außen vor. Zumal beide auch – sofern gesund, bzw. mit einem funktionierenden def MF – Leistung liefern und das nötige Gerüst bilden könnten in einer rundum verjüngten Mannschaft. Mertesacker, in der derzeitigen Verfassung, wird eh schwer zu transferieren sein, bzw. sein Transferwert eher niedrig. Sein Verkauf somit taktisch eher unklug. Ausser man nagt am Hungertuche… Wenn sich die Möglichkeit einer Verlängerung böte, wäre dies finanziell auf die längere Sicht wohl die schlauere Alternative, als ihn jetzt (wo wir ihn auch brauchen) zu einem schlechten Preis ziehen zu lassen. Aber das ist nur meine laienhafte Vermutung, denn, wie du bereits sehr richtig angemerkt hast, gibt es schon genug Milchmädchenrechnungen und laienhafte Kommentare in diversen Foren. Dem möchte ich nicht eine weitere hinzufügen. Nur soviel – Wiese wäre der einzige, den man ziehen lassen könnte – auch wenn es sehr viel Druck für Miele bedeuten würde – besonders, wenn er eine zusammengestoppelte Abwehrkette vor sich haben würde ohne Verstärkungen – ob dies Papastopholous sein kann oder ein anderer IV sei mal dahingestellt.

      Somit blieben andere Spieler, deren Transfers Werder’s Budget entlasten könnten -d.h sofern man sie loswerden würde. Nicht nur nach dem heutigen Spiel gegen Chemnitz FC (NULL:NULL) empfiehlt sich dabei Hunt nachhaltig. Zwar wirkte er im Kombinationsspiel vor allem mit Marin und ansatzweise auch Arnautovic während des Trainingslagers auf Norderney hoffnungsvoll, sofern ich das beobachten konnte – aber die alten Fehler schlichen sich spätestens gegen Chemnitz wieder ein. Ballverluste im MF, bzw. vorm Sechzehner, besonders zum Ende der 2. Hälfte als Werder (sehr spät, zu spät) auf ein Tor drängte und es eh eng wurde, wurden von Hunt und Bargy verursacht. Normalerweise (wenn Werder nicht von Moody’s (und div. Boulevardmedien) angezählt werden würde also scheinbar noch abgebrannter als Griechenland und Italien zusammen ist ;)) hätte Hunt noch Chancen auf Besserung verdient. Keine Frage, einen Bremer Jung’ würde ich SEHR gerne in der Startelf sehen, denn lichte Momente in der Offensive gibt es durchaus wenn er spielt. Aber sein Verlust wäre am ehesten zu kompensieren.

      Im heutigen Spiel mit Schoppe und Wolf als IV’s gab es vor allem auf der linken Seite mit Schmitz Abstimmungsprobleme und man konnte bereits erahnen, wie schwer es für die Abwehrreihe in der Buli werden wird, wenn mit Bargy und Wesley (bzw Kroos) in der Raute gespielt werden sollte und Marin sowie Hunt auf den Halbpositionen und ohne Pizarro. Ignjovsky wäre da durchaus eine Verstärkung, da auch Trybull – trotz guter Ansätze – noch mehr Erfahrungen sammeln muss. Und für ein 4-2-3-1 brauchen wir eh einen def. Sechser, Bargy allein reicht nicht, bzw. wäre risikoreich. Und Aleksandar Stefanovic zeigte zwar gute Ansätze auf Noderney im Training (extrem wendig und bissig in der Balleroberung) – aber auch hier gilt: sehr riskant.

      Gut, das Spiel wurde in der Offensive “verloren” – drei dicke Chancen (Thy, 2x Rosi) wurden von den guten Paraden des Chemnitzer Torhüters zunichte gemacht. Außerdem fehlte ein Spielmacher, was Ekici’s Adduktorenproblemen geschuldet ist – somit war noch nicht die Idealbesetzung auf dem Feld. Dennoch waren die Probleme der letzten Saison schon alle (wieder) da! Leichte BV im Mittelfeld, zu harmloser Abschluss und keine eindeutigen Spielaufbau, sondern diverse Ansätze, mal Fritz, der ankurbelt, oder Marin und Boro.

      Schoppe hat mir – abgesehen von seinen der mangelnden Erfahrung geschuldeten Fehlern und offensichtlichen Nervosität – von der Anlage sehr gut gefallen. Beim Trainingslager konnte man schön beobachten, dass er durchaus offensive Power besitzt und sehr laufstark ist aber ein Stellungsspiel besitzt, das noch Feinabstimmung bedarf. Er braucht einen erfahrenen Spieler an seiner Seite. Dennoch ein klasse junger Spieler, der sich IMO auf Norderney extrem rein gehängt hat und auch bei den Übungen (15 Kontakte oder Spiel auf verengtem Raum) oft vermochte, einen nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen. Ich würde ihm wünschen, dass er in dem ganzen finanziellen Chaos und öffentlichem Rumgebitche nicht unter die Räder kommt, bzw. verheizt wird.

      Fazit meines etwas sehr langen Exkurses: entweder wird Werder sehr riskant aufstellen müssen und daraus folgend, die Fehler der jungen Spieler akzeptieren müssen – was heißen kann, nicht die vielbeschrienen int. Plätze, die Lemke vorlaut ausgeschrieben hat, zu erreichen. Ein Risiko, das ich – im Gegensatz zu vielen Empörten in div, Foren – durchaus bereit wäre einzugehen. Nur dann bitte richtig und alle alten Zöpfe abschneiden, bzw. Erbhöfe kündigen.

      Die andere, etwas konservativere Variante, die durchaus auch ihre Reize hätte, aber Geld benötigte, sähe so aus: Ignjovski und einen guten IV holen. Wiese verkaufen, Hunt verleihen und mit Merte noch verlängern, aber mit Ausstiegsklausel für irgendwas in England nach einem Jahr in Bremen – so das Werder kein Verlustgeschäft machen würde. Aber hier ist der SVW wohl ganz in Mertesackers Händen, so wie ich das verstanden habe, denn vertragsfrei könnte er 2012 eine nette Summe Handgeld kassieren – wenn er denn so tickt…

      Ein Letztes, ein Faktor mag auch der Imageverlust sein, der dem Verein drohen würde, ohne Wiese und Per hätte Werder “nur” noch Marin als Nationalspieler. Inwiefern das in den Transferüberlegungen zählt, kann ich nicht absehen, aber ein Verlust wäre es schon.

    2. Ich kann irgendwie beide Seiten verstehen, aber auch nicht verstehen.

      Allofs und Schaaf werden von der Öffentlichkeit ans Kreuz genagelt, wenn es nicht läuft. Übrigens auch vom Aufsichtsrat und auch nicht nur intern. Dementsprechend versuchen Allofs und Schaaf auch, einen Kader aufzustellen, der den Ansprüchen von Werder genügt – und diese Ansprüche sind (nicht nur bei Fans und Öffentlichkeit, sondern auch beim Aufsichtsrat) nicht, nur im Mittelfeld rumzudümpeln.

      Dass der AR auf die Ausgabenbremse tritt, kann ich durchaus nachvollziehen, besonders unter dem Gesichtspunkt, dass im kommenden Jahr und im Jahr darauf verdammt viele Verträge auslaufen (Naldo, Prödl, Marin, Pizza, Fritz, etc.) und diese entweder verlängert oder ersetzt werden müssen.
      Allofs hat ein Budget bekommen, mit dem er arbeiten musste, was er bislang auch recht gut gemacht hat.

      Andererseits war dieses Budget vor der Verletzung von Silvestre und der erneuten Verletzung von Pizarro festgelegt. Wäre Sly fit, hätte man besonders Sokratis nicht unbedingt sofort und jetzt und überhaupt haben müssen. Jetzt muss man ihn bekommen. Und einen Ignjovski muss man zwar auch nicht unbedingt und zwingend und dringend haben, aber ein solches Talent zu einem solchen Kurs darf man eigentlich auch nicht liegen lassen. Und hätte sich nicht Pizza mal wieder für 6 oder 8 Wochen verabschiedet, hätte man auch Rosenberg guten Gewissens jetzt schon abgeben können.

      Dass der AR sagt: erst verkaufen, dann kaufen, ist nachvollziehbar. Ich sehe es aber zum jetztigen Zeitpunkt als absolut kalkulierbares Risiko, mit 2 Millionen in Vorlage zu gehen (eine Menge Holz, aber im Fussballbusiness eher “Peanuts”), wenn das Transferfenster noch 6 Wochen offen ist und man davon ausgehen kann, dass man einen Wiese, einen Rosenberg oder auch einen Mertesacker noch gut loswerden kann.

      Alles andere (Gehaltsetat, Konsolidierung und Kram) hat mit dieser ganzen Diskussion nur rudimentär etwas zu tun, denn sowohl Sokratis als auch Iggy werden nicht so Unsummen verdienen (wahrscheinlich in Summe weniger als 2 Mio), dass das wirklich schmerzhaft ist – diesen Spielraum hätte man alleine schon dann, wenn man Rosenberg verkaufen würde – dafür müsste aber Pizza wieder fit sein.

    3. Also, dein artikel fasst schon alles recht gut zusammen, das jedoch bremen 4 aus dem mainstream herausragt ist nun wirklich so ein völliger blödsinn. dieser sender geht gar nicht. angefangen von diesem unsäglichen morgensdingens und dann die ganze quitschentchenregattascheiße, blablablabla.
      bin ich foh, dass jetzt motorfm in bremen ist.
      und: wenn die kommunikation im verein besser wäre, gäbe es auch eine bessere außendarstellung. irgendwie werde ich aber das gefühl nicht los, dass werder doch ganz schön heftig klamm ist, warum auch immer….(man stelle sich mal vor, sie wären abgestiegen, dann hätten sie die komplette mannschaft abgeben können.

    4. @ wb_deep_play und borttronic: Das fasst es ganz gut zusammen. Es dürfte in erster Linie Politik des Aufsichtsrats sein, die Situation jetzt etwas zu dramatisieren. Am Ende wird man schon noch ein bisschen Geld freigeben, aber dazu muss Allofs alles in die Waagschale werfen, so wie damals auch bei Klose.

      @Jens: Deine letzten beiden Sätze sind totaler Quatsch. Mit klamm hat das überhaupt nichts zu tun, es geht darum, sich in Zukunft nicht durch zu hohe Kaderkosten zu verschulden und das bisherige Finanzierungskonzept bei Transfers nicht zu verlassen. Meinst du bei einem Abstieg hätte Werder plötzlich überhaupt keine Einnahmen mehr gehabt?

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