Darf ich vorstellen: AC Milan

Da ich heute im Stadion sein werde und T-Mobile es bislang nicht geschafft hat, mir mein bestelltes iPhone zuzuschicken, kann ich vom Spiel gegen Milan leider nicht live bloggen/twittern (es sei denn, es passiert ein kleines Wunder und das Handy wird heute Nachmittag noch geliefert).

Ich könnte jetzt Gerhard-Delling-mäßig überleiten: Ein kleines Wunder braucht auch Werder heute Abend. Doch das wäre nicht zutreffend. Milan hat genug eigene Schwierigkeiten in der Serie A und Werder hat kein Problem, auf diesem hohen Niveau für die Dauer eines einzelnen Spiels mitzuhalten. Fehlende Konstanz lässt sich im UEFA-Cup gut vertuschen. Pokalspiele kommen der Mannschaft sicher mehr entgegen, als der Bundesliga-Alltag. Es muss kein Punkterückstand aufgeholt werden. Die Mannschaft startet von der selben Position, wie ihre 31 verbliebenen Konkurrenten. Endlich muss einmal nicht über die Frage diskutiert werden, ob Werder nur noch Mittelmaß ist. Das kann auch für die Spieler befreiend wirken. Ähnliches gilt aber auch für Milan.

Ich werde jetzt den Teufel tun und Milan als dankbaren Gegner für Werder abqualifizieren. In deren Kader steckt mehr fußballerisches Talent als in jedem anderen in Europa. Das Wort "Talent" wird ja dieserorts nur mit jungen, unerfahrenen Spielern in Verbindung gebracht. Warum Ronaldinho 2009 weniger Talent haben sollte als 2006, muss mir erst noch jemand erklären. Die Namen der Spieler lesen sich wie eine Weltauswahl der letzten 1-2 Jahrzehnte der europäischen Fußballgeschichte.

Nun bilden überragende Einzelspieler nicht automatisch eine überragende Mannschaft. Real Madrid kann ein Lied davon singen, dass zu viele Köche den Brei auch ordentlich verderben können. Objektiv betrachtet, ist in Milans Kader jede einzelnen Position mit mindestens zwei Spielern internationaler Klasse besetzt. Es ist kein Geheimnis, dass einige dieser Spieler seit Monaten ihrer besten Form hinterher laufen. Trotzdem bleibt es mir unbegreiflich, wie bereitwillig und hämisch viele Sportjournalisten Spieler wie Andrea Pirlo, Filippo Inzaghi oder eben Ronaldinho herunterputzen. Der nächste auf der Liste dürfte Cristiano Ronaldo sein ("schon immer überbewertet"). Und irgendwann wird auch Lionel Messi mal eine Krise haben.

Der Großteil der Mannschaft von Milan spielt seit vielen Jahren zusammen. Der letzte große Erfolg ist nicht einmal zwei Jahre her. 2007 gewann die schon damals als "Rentnertruppe" verspottete Mannschaft die Champions League. Viele der damaligen Stützen fallen für das Spiel gegen Werder aus, z.B. Kaka, Alessandro Nesta, und Gennaro Gattuso. Dazu sind David Beckham und Alexandre Pato noch fraglich. Große Vorteile kann man sich als Werderfan davon jedoch nicht versprechen. Im Kreativbereich stehen mit Clarence Seedorf, Massimo Ambrosini und Ronaldinho genügend Alternativen zur Verfügung. Im defensiven Mittelfeld dürfte Mathieu Flamini auflaufen. Der laufstarke Franzose (13-14km legt er pro Spiel zurück) wird beim FC Arsenal noch immer schmerzhaft vermisst. Er dürfte Diego das Leben schwer machen, da er sehr zweikampfstark ist und meist mit wenigen Fouls auskommt.

Im Sturm spielt Wunderkind Pato in dieser Saison den Alleinunterhalter. Neben Kaka ist er der torgefährlichste Spieler. Sollte er ausfallen, wäre Inzaghi die erste Alternative. Der auf Wunsch von Berlusconi zurückgeholte  Andriy Shevchenko hat bislang noch überhaupt nicht zu seiner Form gefunden (0 Tore in 12 Spielen). Ronaldinho und Seedorf auf den Außenpositionen bügeln die vermeintliche Schwächung im Angriff jedoch aus. Und sollte Beckham noch rechtzeitig fit werden, bin ich wieder bei jeder Standardsituation gegen Werder schweißgebadet. Es sollte mich wundern, wenn Werder hinten die Null halten könnte.

Der größte Schwachpunkt der Italiener – wenn man ihn denn so nennen will – liegt in der Abwehr. Seit Alessandro Nestas schwerer Verletzung, klafft hinten eine Lücke. Hinzu kam später noch der langfristige Ausfall von Daniele Bonera. Von 25 Gegentoren nach 24 Spielen kann Werder zwar nur träumen, doch Milan schafft es nur noch selten, zu Null zu spielen. Paolo Maldini ist auch mit 40 noch eine Bank und mit Gianluca Zambrotta konnte im Sommer ein vielseitiger Spieler verpflichtet werden, der die Außenbahnen beleben kann. Doch es fehlt insgesamt an der Klasse in der Innenverteidigung. Kakha Kaladze und der von Arsenal geliehene Phillipe Senderos sind beide gute Spieler, zählen jedoch nicht zu den weltweit besten ihres Fachs. Ähnliches gilt für Torwart Christian Abbiati. Hier könnte für Werder eine Chance liegen, wenn sie es schaffen, dass Mittelfeld schnell zu überbrücken und die Milan-Abwehr zum Laufen zwingen.

Milan spielt vermutlich ein 4-3-2-1 System. Sollte Beckham
spielen, kann man davon ausgehen, dass er versuchen wird, viel Druck
über die rechte Seite zu machen. Dann könnte sich Seedorf eher nach
innen orientieren und man hätte ein 4-2-3-1.

Voraussichtliche Aufstellungen:

Werder: Wiese – Fritz, Mertesacker, Naldo, Boenisch – Baumann, Tziolis, Özil, Diego – Pizarro, Almeida

Milan: Abbiati – Zambrotta, Senderos, Bonera, Jankulovski – Beckham (Pirlo), Flamini, Ambrosini – Seedorf, Ronaldinho – Pato (Inzaghi)

Update: Laut der Startaufstellung im Kicker spielen Maldini und Kaladze in der Innenverteidigung. Bei Spox sind Senderos und Bonera aufgeführt. Mal schauen, ob der Kicker hier ausnahmsweise mal Recht hat.

Update 2: Kicker hatte natürlich nicht Recht. Überraschend war aber, dass Bonera statt Jankulovski auf Links gespielt hat und Favalli in der Innenverteidigung auflief. Dass Dida statt Abbiati im Tor stehen würde, hätte ich mir eigentlich denken können. Sonst alles wie oben angekündigt. Beckham und Pato blieben verletzt draußen.

Bleibt mir nur noch, ein gutes Spiel zu wünschen, für Werder, für mich, für euch. Jungs, macht uns stolz!

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