Darf ich vorstellen: AS St. Etienne

Die französische Liga genießt nicht den besten Ruf in Deutschland. Obwohl Deutschland in den letzten Jahren eine ganz Zeit lang in der 5-Jahres-Wertung hinter den Franzosen stand, wird allenfalls Olympique Lyon als wirklich starker Gegner angesehen (was auch mit zwei Spielen in der Champions League vor 4 Jahren zusammenhängen dürfte, auf die ich hier nicht weiter eingehen will).

So wird auch der französische Rekordmeister AS St. Etienne eher als Fallobst auf dem Weg ins UEFA-Cup Viertelfinale angesehen, denn als ernst zu nehmende Hürde. Das könnte zudem mit der aktuellen Tabellensituation zu tun haben: "Les Verts" ("die Grünen", für die Frankophoben unter euch) sind 17. in der Ligue 1, mit gerade einmal 3 Punkten Vorsprung auf einen Abstiegsplatz. Erst 26 Tore hat die Mannschaft in 27 Spielen geschossen, was auch an der Torflaute von Mittelstürmer Gomis liegt, der letzte Saison noch 16 mal erfolgreich war (in dieser Saison nur 6 mal).

Im UEFA-Cup sieht die Sache jedoch völlig anders aus (wo neben den grün-weißen Vereinsfarben die wohl größte Parallele zu Werder zu sehen ist). Hier ist St. Etienne noch ohne Niederlage, holte in der Gruppe G vor Valencia den Gruppensieg und zog mit zwei Siegen über Olympiakos Piräus ins Achtelfinale ein. Die besten drei Torschützen (Gomis, Ilan und Payet) haben in der Liga zusammen nur 14 mal geknipst – im UEFA-Cup (8 Spiele) schon 12 mal.

Die großen Zeiten des Vereins sind schon lange vorbei. Namen wie Michel Platini, Roger Milla, der spätere Weltmeistercoach Aimé Jaquet, Laurent Blanc und Willy Sagnol zeugen von einer goldenen Vergangenheit. Zehnmal war St. Etienne französischer Meister. 1976 scheiterte man im Finale des Europapokals der Landesmeister an Bayern München. 1983 kam der Abstieg in die zweite Liga und das Ende einer Ära. Heute gehört St. Etienne zum erweiterten Umfeld der Kandidaten fürs internationale Geschäft, kann jedoch den Spitzenmannschaften aus Lyon, Bordeaux und Marseille nicht das Wasser reichen.

l'ASSE gilt in der torarmen Ligue 1 als offensivstarke Mannschaft, die versucht das Spiel selbst in die Hand zu nehmen. Trainer Alain Perrin lernte sein Handwerk bei AS Nancy unter einem wahren Meister des Offensivspiels: Arsène Wenger. Die derzeitige Torflaute hat St. Etienne jedoch vorsichtiger werden lassen. Gerade auswärts gegen starke Gegner steht die Mannschaft sehr tief. Von einem mitspielenden Gegner sollte man heute Abend also nicht unbedingt ausgehen. Die Schwäche bei gegnerischen Standards dürfte Werder entgegen kommen (wobei das ja durchaus auch eine Schwäche unserer Mannschaft ist).

Sollte Werder wie schon gegen Milan wieder die Lufthoheit haben, ist St. Etienne definitiv zu knacken. Gibt man den Franzosen im Mittelfeld zu viel Platz und lässt sie ihr Angriffsspiel aufziehen, könnten es heute Abend 90 sehr unangenehme Minuten werden.

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