Darf ich vorstellen: UC Sampdoria

Werders letzte Hürde auf dem Weg in die Champions League Gruppenphase 2010/11 heißt UC Sampdoria (oder auch Sampdoria Genua, wie der Verein in Deutschland besser bekannt ist).

Der Verein

Unione Calcio Sampdoria wurde relativ spät gegründet, nämlich erst im Jahr 1946. Die Wurzeln reichen jedoch bis ins Jahr 1891 zurück, als der Verein Ginnastica Sampierdarenese gegründet wurde. Dieser schloss sich nach dem 2. Weltkrieg (und nachdem er zuvor mehrere weitere Fusion durchgemacht hatte) mit einem Verein mit dem wunderbaren Namen Society Andrea Doria zur Unione Calcio Sampdoria zusammen.

Fans und Spieler des Vereins werden in Italien als Blucerchiati (Blaumumrahmte) bezeichnet, weil auf ihren Trikots einige weiß-rot-schwarze Querstreifen auf einem blauen Untergrund abgebildet sind – eine aus Werdersicht fürchterliche Farbkombination.

Sampdoria spielt im Stadio Comunale Luigi Ferraris, das es sich mit dem Lokalrivalen CFC Genua teilen muss. Das 1911 erbaute Stadion wurde vor der WM 1990 komplett abgerissen und neu aufgebaut. Heute hat es ein Fassungsvermögen von 36.600 Zuschauern.

Historie

Die mit Abstand erfolgreichste Zeit erlebte Sampdoria in den späten 80er und frühen 90er Jahren unter dem jugoslawischen Trainer Vujadin Boskov, der noch heute als Scout für den Verein arbeitet. Ende der 70er Jahre spielte Sampdoria in der Serie B und wurde von einem italienischen Öl-Millionär gekauft, der mit einigen Finanzspritzen den Wiederaufstieg in die Serie A ermöglichte. 1985 gewann der Verein seinen ersten großen Titel, den Coppa Italia. Seit dieser Zeit machte sich Sampdoria vor allem als Pokalmannschaft einen Namen. Es folgten weitere Pokalsiege 1988 und 1989, sowie einige Ausrufezeichen im Europapokal. 1990 kam es zum größten internationalen Erfolg der Vereinsgeschichte, als Sampdoria mit einem Sieg über RSC Anderlecht den Europapokal der Pokalsieger gewann. Im Jahr zuvor hatte das Team ebenfalls das Finale dieses Wettbewerbs erreicht, verlor jedoch gegen den FC Barcelona. Gegen den selben Gegner unterlag man auch 1992 im letzten Finale des Europapokals der Landesmeister vor der Einführung der Champions League.

In der zu jener Zeit von Arrigo Sacchis AC Milan und Diego Maradonas SSC Neapel dominierten Serie A konnte Sampdoria nur einen großen Erfolg verbuchen: 1991 gewann das Team um Stars wie Gianluca Pagliuca, Gianluca Vialli und Roberto Mancini die italienische Meisterschaft, den Scudetto. Mit dem erneuten Pokalsieg 1994 begann jedoch der langsame Niedergang des Vereins. Trotz namhafter Neuzugänge wie Ruud Gullit, Juan Sebastian Veron, Clarence Seedorf, Ariel Ortega und Christian Karembeu in den folgenden Jahren verabschiedete sich der Verein nach und nach aus der italienischen Spitze. 1999 folgte das, was Werder unter Thomas Schaaf gerade noch verhindern konnte: Der Abstieg in die 2. Liga.

Erst 2003 gelang der Wiederaufstieg in die Serie A. Seitdem kämpft man um Anschluss an die Ligaspitze. Platz 4 in der vergangenen Saison stellt dabei den vorläufigen Höhepunkt dar. Mit einem Sieg über Werder könnte Sampdoria zum ersten Mal den Einzug in die Champions League schaffen und damit den größten internationalen Erfolg seit 18 Jahren.

Die Mannschaft

Insgesamt gab es diesen Sommer abgesehen vom Torwart keine größeren Veränderungen am Kader. Im Gegensatz zum Stadtrivalen hat sich Sampdoria auf dem Transfermarkt bislang zurückgehalten. Die Mannschaft ist eingespielt und dürfte gegen Werder in ähnlicher Zusammensetzung auflaufen, wie in der Vorsaison.

Sampdoria hat keine großen Stars im Kader, doch es wäre falsch, sie als ein Team der Namenlosen zu bezeichnen. Nicht zuletzt Außenverteidiger Reto Ziegler dürfte bei Werderfans bekannt sein, war er doch bis vor kurzem noch als möglicher Neuzugang in Bremen im Gespräch. Der klangvollste Name im Kader ist sicherlich Antonio Cassano. In Genua konnte das enfant terrible des italienischen Fußballs nach der erfolglosen Zeit bei Real Madrid endlich wieder an alte Erfolge bei der Roma anknüpfen. Die riesigen Vorschusslorbeeren, die er zu Beginn seiner Karriere erhielt, konnte er jedoch nie ganz rechtfertigen.

Torhüter Marco Storari wechselte nach nur einem halben Jahr bei Sampdoria zusammen mit dem Trainer zu Juventus Turin. Auch die etatmäßige Nummer 1 der letzten Jahre Luca Castellazzi hat den Verein verlassen, so dass ein neuer Torwart her musste. Verpflichtet wurde Gianluci Curci aus Siena, der lange Zeit Ersatztorwart bei der Roma war und alle Jugendabteilungen der italienischen Nationalmannschaft durchlief. Klingt nach einem interessanten Mann, den ich aber noch nicht bewusst spielen gesehen habe.

Die Viererkette ist mit Ziegler auf der linken Seite gut besetzt. Auf rechts muss der Weggang von Luciano Zauri kompensiert werden. Die Aufgabe könnte zwar von Defensivallrounder Marius Stankevicius übernommen werden, der aus Sevilla zurückkam, aber auf der Position hat Sampdoria eigentlich noch Bedarf. In der Mitte spielen mit Stefano Lucchini und Daniele Gastaldello zwei zuverlässige und taktisch gut geschulte Innenverteidiger, die aber nicht die ganz große Klasse haben.

Im zentralen Mittelfeld stehen mit Kapitän Angelo Palombo und U21-Nationalspieler Andrea Poli zwei defensiv sehr begabte Spieler, die sich jedoch nur selten in die Offensive einschalten und engen Kontakt zu ihren Hinterleuten halten. Im rechten Mittelfeld wird meistens Franco Semioli eingesetzt, ein typischer Flügelspieler, der die Außenbahn beackert und gute Flanken schlägt. Auf der linken Seite gibt es mehrere Möglichkeiten. In der letzten Rückrunde startete oft Stefano Guberti, der nach nach einem halben Jahr Leihe zurück zur Roma ging. Linksverteidiger Ziegler wäre eine sehr defensive Option, wahrscheinlicher ist der Einsatz von Daniele Mannini, der dank seiner Flexibilität auch einen guten Joker abgibt.

Im Angriff sind Cassano und Mittelstürmer Giampaolo Pazzini gesetzt. Pazzini ist ein klassischer Strafraumstürmer, der in der letzten Saison der mit Abstand beste Torjäger Sampdorias war. Er ist extrem Kopfballstark und verwertet die Hereingaben in den Strafraum sehr effektiv. Cassano spielt etwas versetzt hinter ihm und ist mit seinen technischen Fähigkeiten ein guter Sturmpartner für Pazzini. Zusammen haben die beiden mehr als die Hälfte der Ligatore ihrer Mannschaft erzielt. Dieses Sturmduo ist wohl das Prunkstück der Mannschaft.

Die Taktik

Erfolgstrainer Luigi Delneri wechselte nach Ende der letzten Saison zu Juventus wechselte. Der neue Trainer Domenico Di Carlo führte zuletzt Chievo auf den 14. Platz der Serie A und hat bislang keine großen Spuren als Cheftrainer hinterlassen. Fraglich ist, ob er das 4-4-2 System seines Vorgängers unverändert lässt oder Änderungen vornimmt. Bei Chievo spielte er meist mit einer Mittelfeldraute, die er mangels eines hochklassigen Spielmachers bei Sampdoria jedoch eher nicht beibehalten wird.

Bislang spielte Sampdoria ein 4-4-2/4-2-2-2 System, das im Aufbau an den FC Bayern erinnert. Vor der Viererkette spielen zwei defensive zentrale Mittelfeldspieler und zwei offensive Außen. Von den beiden Stürmern spielt einer leicht zurückgezogen, so dass man auch von einem 4-4-1-1 sprechen könnte. Im Unterschied zu den Bayern bleiben die beiden defensiven Mittelfeldspieler meistens weit hinten und schalten sich nicht (wie etwa Schweinsteiger) ins Offensivspiel ein. Die hängende Spitze, in der Regel Cassano, ist nicht besonders fleißig was die Defensivarbeit angeht, weshalb im offensiven zentralen Mittelfeld häufig ein Loch klafft. Im Spiel nach vorne ist die Mannschaft daher auf die Flügelspieler angewiesen. Hier folgte Sampdoria bisher nicht dem Trend, sondern setzt die Außenspieler auf ihrer “richtigen” Seite ein, damit sie Flanken zu den beiden Stürmern in den Strafraum bringen.

Diese Taktik ist relativ berechenbar und statisch (49 Tore in 38 Ligaspielen sprechen nicht für große Offensivstärke), doch für die traditionell über Außen anfällige Werderdefensive bedeutet sie dennoch einen ernsthaften Test. Verhindert man die Flanken in den Strafraum, kann man Pazzini einigermaßen aus dem Spiel nehmen – schafft man das nicht ist es nur eine Frage der Zeit, bis er ein Tor erzielt. Cassano ist das unberechenbare Element im Spiel der Italiener, mitunter genial, aber ab und zu auch lustlos. Er ist der Mann für die besonderen Tore. Defensiv ist Sampdoria durch die solide Viererkette und das tief stehende defensive Mittelfeld eine gute Mannschaft, jedoch kein Bollwerk. Werder dürfte vor allem im zentralen Mittelfeld viel Platz bekommen, den Frings und Bargfrede (oder wer immer dort spielen wird) ausnutzen können. Ausgehend von diesem Überzahlspiel im Mittelfeld sollte es möglich sein, die Offensivreihe gut ins Spiel zu bringen.

Der Ausblick

Ob das Rückspiel auswärts stattfindet oder zuhause scheint mir aus sportlicher Sicht nicht so wichtig. Für uns ist es mit Hinblick auf den Umbau des Weserstadions jedoch ein Nachteil, schon am 18.8. das Heimspiel zu haben. Insgesamt denke ich, dass Sampdoria ein starker Gegner ist, der leistungsmäßig etwas über unseren Gegnern 2005 (Basel) und 2007 (Dinamo Zagreb) steht. Dennoch geht Werder als Favorit in die Begegnungen, wenn die Liste der Ausfälle nicht noch größer wird. Mit unseren schnellen und technisch beschlagenen Spielern in der Offensive sollten wir für genug Torgefahr sorgen. Dazu kommt die internationale Erfahrung, die Werder deutliche Vorteile verschaffen sollte. Diese Spiele ganz zu Beginn einer Saison sind immer schwierig einzuschätzen, doch mit der nötigen Ernsthaftigkeit (die angesichts der Bedeutung der Partie selbstverständlich sein sollte) wird sich Werder durchsetzen.

Mein Tipp: Hinspiel 2:1, Rückspiel 1:1

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    5 Gedanken zu „Darf ich vorstellen: UC Sampdoria

    1. Danke für diesen guten, informativen Text – jetzt weiß ich endlich mehr über Sampdoria. Bisher beschränkte sich mein Wissen ja weitgehend auf Cassano, Ziegler und den vierten Platz der letzten Saison. Und so langsam fängts jetzt auch schon an zu kribbeln wegen Mittwoch…

    2. Schöne Zusammenfassung. Klingt nach einer interessanten Partie, in der ich hoffe, dass Genua in die reactio Rolle gedrängt wird…naja, oder besser einfach verliert. ;-)

      Würde das Spiel zu gern sehen, aber nachts um halb 3 aufstehen is schon hart… :-)
      Auf ein schönes Spiel und ein grün-weißes Ende.

      Viele Grüße
      Andreas

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