Das Leben der Anderen (1)

Milan – Bayern 2:2

Vorweg: Es passiert nicht oft, dass ich mit dem FC Bayern sympathisiere. Ich kenne viele Leute, die im Europapokal grundsätzlich zu den deutschen Teams halten. Diese Haltung verstehe ich zwar, kann sie aber nicht nachempfinden. Auch im Ausland gibt es Mannschaften, die ich mag und weniger mag. Davon hängt es dann auch ab, ob ich für die deutsche Mannschaft bin oder nicht. Spielt beispielsweise Arsenal gegen eine deutsche Mannschaft, dann müsste es schon Werder sein, damit ich nicht für die Londoner bin. Im Fall FC Bayern gibt es nicht viele Vereine, die ich noch weniger mag. Real Madrid gehört dazu. Früher war Real Madrid eine schöne, erfolgreiche und noch dazu stilvolle Dame. Vor ein paar Jahren wurde sie dekadent und versuchte allzu aufreizend die Blicke auf sich zu lenken. Heute erinnert das große Real nur noch an Britney Spears im Endstadium. Oder eine in die Jahre gekommene Schauspielerin, die zwar schon aussieht wie ein chinesischer Faltenhund, aber trotzdem versucht, mit Liftings und Fettabsaugen noch etwas zu retten.

Ebenfalls dazu gehört der AC Mailand. Bis vor einem Jahr noch eine meiner Lieblingsmannschaften in Italien (trotz Berlusconi), hat es diese Mannschaft ganz nach oben auf meiner Hassliste geschaft. Grund dafür ist die skandalös milde Bestrafung in Zusammenhang mit dem Manipulationsskandal. Juventus musste – völlig zu Recht – in die zweite Liga. Milan bekam nur ein paar lächerliche Punkte abgezogen – und das obwohl zumindest sehr wahrscheinlich ist, dass beide Vereine gleichermaßen manipuliert haben. Durch die Abschwächung des Urteils (Milan wurden statt 44 nur noch 30 Punkte aus der Saison 05/06 abgezogen), durften die Milanesen trotzdem an der Qualifikation zur Champions League teilnehmen. Der eigentliche Skandal war jedoch, dass einer der Hauptdrahtzieher, Vizepräsident Adriano Galliani, nur zu einer neunmonatigen Sperre verurteilt wurde. Im Gegensatz zu Luciano Moggi, seinem "Kollegen" bei Juve, hatte er sich die Hände selber nicht allzu schmutzig gemacht. Und sie müssen schon sehr schmutzig sein, damit man als mächtiger Mann in Italien verurteilt wird.

Das alles ändert natürlich nichts daran, dass der AC Mailand
sportlich weiterhin zur Weltspitze im Fußball gehört. In den letzten 5
Jahren gab es keine andere Mannschaft in Europa, die konstant auf solch
einem hohen Niveau gespielt hat. Auch gestern wurde das wieder
deutlich. Zwar kann man nicht sagen, dass sie ein spielerisches
Feuerwerk abfackelten. Doch insgesamt waren sie Bayern im Mittelfeld
schon ein ganzes Stück überlegen. Wäre dieses Spiel nach 77 Minuten zu
Ende gewesen, hätte man aus Sicht der Bayern nur eine positive Sache
nennen können: Man hat nur 0:1 verloren. Dann kam alles ganz anders,
viel besser für den FC Bayern. Trotzdem fühlten die sich nach dem Spiel
verschaukelt und warfen dem Schiesrichter unverhohlen Betrug vor.
Bedenken gegen den Mann mit der Pfeife sind nach der oben geschilderten
Vorgeschichte sicher berechtigt. Ob man sie so offen zur Schau stellten
muss, wie die Verantwortlichen der Bayern, ist fragwürdig. Nicht so
fragwürdig allerdings, wie die Elfmeterentscheidung, die in der 84.
Minute zu Gunsten der Rot-Schwarzen getroffen wurde: Ein perfektes
Tackling, bei dem Lucio nichts als den Ball trifft, nutzt Kaka zu einer
Flugeinlage. Der Schiri zeigt auf den Punkt und Kommentator Marcel Reif
springt in der Reporterkabine springt im Dreieck.

Obwohl das 2:1 hoch verdient war, hinterließen die Umstände bei den
Bayern einen faden Beigeschmack. Der Beigeschmack wurde dann wiederum
abgeschwächt durch den erneuten Ausgleich in der Nachspielzeit. Nicht
genug jedoch, um die Gemüter nach Spielende vollends zu besänftigen.
Was die Herren Reif, Hitzfeld und auch Beckenbauer vom Stapel ließen,
war einfach nur traurig. Einem Schiedsrichter, der ein Champions League
Viertelfinale leitet, sollte zwar ein solcher Fehler nicht passieren.
Was im Premierestudio nach dem Spiel stattfand war eines Champions
League Viertelfinales wirklich nicht würdig. Egal, ob es nun die
rot-weiße oder die schwarz-rot-goldene Brille war, die dort offenbar
von allen Beteiligten getragen wurde. Ein Mindestmaß an Objektivität
darf man zumindest von der Journalisten doch erwarten. Betrachtet man
das ganze Spiel, kann man den Betrugsvorwurf kaum aufrecht erhalten. In
der ersten Halbzeit entscheidet Schiedsrichter Baskakov in einer
umstrittenen Szene nicht auf Elfmeter für Milan. Lucio trifft mit
rechts den Ball und mit links den Gegenspieler. Grenzwertig, aber
spricht für den Schiri hier weiterspielen zu lassen. Zweite Situation:
Gilardinos Tor wird wegen Abseits aberkannt. Zu Unrecht, wie die
Fernsehbilder zeigen. Knappe Entscheidung, knapp daneben, kann
passieren. Vor dem 2:2 durch Van Buyten stützt sich Santa Cruz klar
auf. Da die Aktion aber nicht direkt Einfluss auf die Entstehung des
Tores hatte, ließ der Schiri weiterlaufen. Ebenfalls eine vertretbare
Entscheidung, die nicht darauf hindeutet, dass der Schiedsrichter nur
das Schlechteste für die Bayern wollte. Worauf ich damit hinaus will
ist folgendes: Es ist sehr wahrscheinlich, dass Schiedsrichter Baskakov
auf ein grober Fehler unterlaufen ist. Mehr nicht.

Warum sich die Bayern trotzdem, mal wieder, betrogen fühlen, weiß wohl nur der Herrgott
persönlich. Der Ärger war verständlich. Die Art und Weise wie damit
umgegangen wurde nicht. Der "unerfahrene Schiedsricher" also war Schuld
an allem. Und trotzdem haben die bravourösen Bayern ein Top-Ergebnis
fürs Rückspiel in der Tasche. Was für eine Mannschaft! Leider geht das
an der Wirklichkeit noch weiter vorbei als Baskakovs Elfmeterpfiff.

Milan Trainer Ancelotti zeigte da mehr Sportsgeist. Nach Anblick der
Fernsehbilder gab er sofort zu, dass der Elfmeter nie im Leben einer
war. Er verwies jedoch auch zu Recht auf die Fehlentscheidung bei
Gilardinos aberkanntem Tor. Bei Premiere machte man sich erst in der
Folge daran, diese Situation aufzuarbeiten. Elfmeterentscheidung hin
oder her, die Bayern hatten verdammtes Glück, dass sie statt mit einem
saftigen Rückstand nun mit einem 2:2 zuhause antreten dürfen. Und die
Geschichte vom käuflichen Schiedsrichter ist nur eines: ein Märchen!

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