Der Kopf des Fischs

Mitgliederversammlungen sind bei Werder Bremen traditionell eine ziemlich dröge Angelegenheit. Bestenfalls werden die eingefahrenen Erfolge beklatscht. Kritische Fragen sind dagegen selbst in finsteren Zeiten die Ausnahme. So kann Geschäftsführer Klaus Filbry vor den versammelten Mitgliedern ein Minus von 9,8 Millionen Euro präsentieren, dies mit einem höchst unglaubwürdigen Verweis auf “Abschreibungen für Spielertransfers der Vergangenheit begründen und muss sich dafür nicht weiter rechtfertigen. Die Werderfamilie feiert lieber das (unbestritten sehr große) Lebenswerk des neuen Ehrenpräsidenten und denkt an vergangene glorreiche Zeiten.

Es ist durchaus möglich, dass die vernichtend schlechten Geschäftszahlen – und als solche muss man sie im Vergleich zur Vergangenheit und zu anderen Bundesligisten bezeichnen – ein Überbleibsel der im nachhinein noch finstereren Jahre 2010 – 2013 sind. Eventuell sind mit dem Jahresabschluss einige Leichen aus dem Keller geholt worden, die sich schon im fortgeschrittenen Verwesungszustand befanden. Hinreichend Anlass dies zu glauben, geben Filbrys Aussagen allerdings nicht. Kommunikativ war die Präsentation der Zahlen ein Debakel. Entweder hat Filbry also bewusst gelogen oder er hat schlicht selbst keinen Überblick über Werders Finanzen. Welches Szenario schlimmer wäre, ist nicht leicht zu sagen. Tragbar wäre Filbry als Geschäftsführer nach meinem Dafürhalten in beiden Fällen nicht mehr.

Nehmen wir dennoch einmal an, dass Filbry in sofern die Wahrheit sagt, als dass im laufenden Geschäftsjahr mit einem deutlich verbesserten Ergebnis gerechnet werden kann (von der vielzitierten “schwarzen Null” möchte ich gar nicht reden). Zurück bleibt die Frage, wodurch Werders Kostenapparat so dermaßen aufgebläht wurde, dass trotz eines um drei Millionen Euro gestiegenen Umsatzes und eines um sechs Millionen Euro reduzierten Spieleretats noch immer der zweithöchste Verlust der Unternehmensgeschichte eingefahren wurde. Wenn die Fehler in der (nicht ganz so nahen) Vergangenheit liegen, müssten doch die Verantwortlichen, die damals schon am Steuer saßen, stärker hinterfragt werden. An vorderster Front stehen hier Fischer und Lemke (Allofs, Born und Müller lassen sich schlecht noch befragen). Stattdessen reicht ein lapidarer Hinweis darauf, dass “wir alle Fehler gemacht haben” und schon ist Ruhe im Karton. Mehr noch: Es kommt zur unerwarteten Versöhnung der zerstrittenen Altvorderen. Die Werder-Familie ist wieder intakt.

Über ihre tatsächlichen finanziellen Verhältnisse wird hingegen der Mantel des Schweigens gehüllt. Man muss wahrlich kein Finanzexperte sein, um Filbrys Nebelkerze als solche zu erkennen. Selbst Kreiszeitung und Weser-Kurier, die nicht für ihre allzu kritische Berichterstattung über Werder Bremen bekannt sind, haben große Zweifel an der offiziellen Begründung. Den mit den Transfers von Sokratis, Arnautovic und Avdic verbundenen Aufwendungen, die Filbry als Grund für die “einmaligen Effekte” nennt, stehen die erzielten Transfererlöse gegenüber. Selbst wenn die Anschaffungskosten dieser Spieler über den angenommenen Werten liegen, dürften die Spieler in Summe kaum mit so hohen Restwerten in den Büchern gestanden haben, dass diese die Transfererlöse übersteigen. Die Transfereinnahmen nun zum operativen Ergebnis zu zählen, die (völlig normalen und bei vielen Transfers anfallenden) buchhalterischen Aufwendungen hingegen als einmalige Effekte zu bezeichnen, ist irreführend und in meinen Augen unredlich.

Die Mitgliederversammlung hinterlässt mehr als nur einen schalen Beigeschmack. Sie zeichnet das Bild eines Vereins, der Probleme weiterhin lieber schönredet als offen anspricht. In der Kommunikation wird der gleiche Weg gegangen, mit dem schon die in einem Beitrag des NDR erhobenen Vorwürfe gegen Klaus-Dieter Fischer gekontert wurden: Was sich noch dementieren lässt, wird dementiert. Was sich nicht mehr leugnen lässt, ist längst bekannt und liegt in der Vergangenheit, also Schwamm drüber. Ein paar Fehler wurden gemacht, von wem ist nicht genau zu sagen und über verschüttete Milch lohnt es sich nicht zu weinen. Der Blick geht voraus in Richtung Zukunft. Der Glaube daran, dass die für Werder positiver wird als die triste Gegenwart, ist bei mir indes nicht mehr vorhanden. Der Verein befindet sich strukturell in einer andauernden Krise, die auch mit den vollzogenen Personalwechseln noch längst nicht überwunden ist.

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    4 Gedanken zu „Der Kopf des Fischs

    1. Durch den Verkauf und den Wertverlust der Spieler hat Werder an Wert verloren. Selbst wenn Werder keinen einzigen Cent ausgegeben hätte, wäre man in die Miesen gelangt. Die Bilanz funktioniert etwas anders als im privaten Haushalt.

      1. Natürlich funktioniert sie anders und es geht auch nicht darum, dass Werder an Wert verloren hat, sondern darum, dass in der Darstellung von Filbry Abschreibungen und die Ausbuchung von Restbuchwerten als Hauptursache für den Verlust genannt werden. Bei Sokratis, Arnautovic und Avdic waren das den Angaben von Filbry nach 8,2 Millionen Euro. Die Transfererlöse lagen bei den dreien bei knapp 13 Millionen Euro, wenn man den tm.de Zahlen glaubt. Selbst wenn sie ein gutes Stück drunter lagen, haben wir hier keine Grundlage für einen 9,8 Millionen-Verlust.

        Was meinst du denn konkret mit “Wertverlust” der Spieler? Die Abschreibungen erfolgen doch linear, da macht es mWn keinen Unterschied, ob der Spieler einen (nicht realisierten) Marktwertverlust hat. Das schlägt sich dann irgendwann in niedrigeren Transfereinnahmen wieder, hat aber vorher keine Auswirkungen auf die Bilanz. Generell ist natürlich klar, dass Werder in den letzten Jahren ein ordentliches Minusgeschäft bei den Transfers gemacht hat. In diesem Geschäftsjahr sieht es da aber eher noch schlechter aus. Die Transfereinnahmen dürften kaum die Restbuchwerte von Ekici und Akpala überschritten haben. Wenn da im Winter keine Spieler verkauft werden, sehe ich keinen Weg, wie Werder das Defizit verringern will, WENN der Grund letzte Saison wirklich bei den Abschreibungen und “Einmaleffekten” lag.

    2. Finde die präsentierten Zahlen auch sehr erstaunlich, insbesondere vor dem Hintergrund der Berichterstattung über das gesamte vergangene Jahr.
      Hier hätte man doch ein erheblich geringeres Minus erwartet – Stichworte: konsequente Reduktion der Kaderkosten, Verschlankung und Kostenoptimierung der administrativen Bereiche und Verwaltung, Generierung neuer Sponsoren in 2./3./4. Reihe (eine Zeit lang fast täglich neue Sponsoring-Präsentation auf der Vereinshomepage) etc.

      Bei den Transfererlösen könnte ich mir nur vorstellen, dass da über mehrere Jahre laufende Ratenzahlungen vereinbart wurden und damit die erzielten Summen nicht in Gänze gebucht werden können?!?

      Eine andere Erklärung kann ich nicht finden und verbleibe ebenso sprachlos wie Du…

    3. Interessante Zahlen und Fakten und auf der anderen Seite ziemlich enttäuschend. Traurig finde ich auch dass die Verantwortlichen nicht mehr Transparenz zu der Finanziellen Situation liefern.

      Naja man wird es sehen..

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