Der Nörgler als Mensch

Trainer Baade hat sich gestern in einem Beitrag über nörgelnde Fans und andere nörgelnde Zeitgenossen beklagt. Nein, beklagt hat er sich nicht, sondern festgestellt. Festgestellt und mit ironischem Unterton sein Missfallen ausgedrückt. Jeder, der einigermaßen regelmäßig ein Fußballstadion besucht, kennt diese Spezies bestens. Man braucht gar nicht bis in die Stadien zu gehen. Auch auf dem Sportplatz um die Ecke findet man ihn: Den Nörgler.

Meistens ist es ein gescheitertes Jahrhunderttalent, 1976 auf dem Sprung zum Fußballprofi, doch dann kam diese blöde Knieverletzung. Und nun sitzt er im Vereinsheim und erzählt wildfremden Leuten nach dem dritten Bier seine Leidensgeschichte. Seit Jahren. Klar, dass für ihn das Gegurke der 1. Herren des lokalen Sportvereins eine Zumutung ist. Sein Leiden ist ihm in den Augen anzusehen, wenn der übergewichtige Libero mal wieder den Ball misshandelt. Er würde doch so gerne, doch er kann nicht. Ich bin mir nicht sicher, ob er jemals konnte, oder ob er sein eigenes Talent mit den Jahren schöngesoffen hat. Vielleicht hat er niemals Fußball gespielt. Doch er weiß, wie es besser geht. So jedenfalls nicht, wie es die Herren da auf dem Spielfeld versuchen. Nun gut, das sehe selbst ich und ich war weit davon entfernt, ein Profi zu werden. Ich kann mir nur ausmalen, welche Qualen dieser Mensch durchleidet, weil er es statt ins Camp Nou nur an den Tresen des Vereinsheims geschafft hat. Welche Bitterkeit ihn überkommt, wenn er sieht, wie viele schlechte Fußballer es gibt, die ihm doch eines voraus haben: Sie spielen Fußball. Und doch kann er von diesem Spiel nicht ablassen, findet er keine bessere Beschäftigung, als am Sonntagnachmittag am Spielfeldrand zu stehen und neunzig Minuten und darüber hinaus zu nörgeln. Warum nicht? Es bleibt mir ein Rätsel. Und doch bleibt da ein kleiner Rest an Respekt für die Leistung, die dieser Mensch vollbringt. Auch wenn sie niemandem nutzt, am wenigsten ihm selbst.

Wäre Nörgeln als Kunstform anerkannt, müsste man hier nach ihren größten Vertretern suchen. Die Stadien der Bundesligavereine sind geradezu Auffangbecken für verkannte Nörgelkünstler. Hier wird das Nörgeltum auf die Spitze getrieben und das schichtübergreifend auf den Stehplätzen wie in der VIP-Loge. Sie nörgeln und schimpfen und quängeln und raufen sich die Haare, doch sie kommen alle Woche für Woche wieder. Dabei ist es ein schlechter Ort für sie. Im Stadion treffen sie auf Gleichgesinnte, doch in der Masse geht ihre nörgelnde Stimme im Stimmgewirr unter. Es hört ihnen niemand zu, nicht mal sie selbst. Clevere Nörgler gehen daher gerne zum Mannschaftstraining, wo sie ganz dich dran sind, den Spielern und der Mannschaft ganz direkt sagen können, was sie verkehrt machen. Als Belohnung gibt es nur manchmal einen Platzverweis, wenn es den Beteiligten irgendwann zu bunt wird. Die große Bühne ist es trotzdem nicht.

Oft wird fälschlicherweise behauptet, der Nörgler sei nur auf Aufmerksamkeit oder gar Anerkennung für seinen  angeblichen Sachverstand aus. Dabei geht es dem Nörgler gar nicht um Akzeptanz. Es geht ihm ums Nörgeln selbst, nichts weiter. Das Recht, alles und jeden, meist auch sich selbst, zum Kotzen zu finden. Der Nörgler ist deshalb nicht zwangsläufig ein unzufriedener Mensch. Manche Nörgler führen außerhalb der Fußballstadien ein ganz normales Leben, so wie du und ich. Wir würden sie im Alltag nicht einmal erkennen. Wer sich in seinem Freundeskreis als Nörgler outet, muss dennoch auch in unserer ach-so-liberalen Gesellschaft mit Ausgrenzung rechnen. Nörgler treffen sich daher vermehrt abseits der großen Arenen auf Rastplätzen und Waldlichtungen, wo sie den Nörglern anderer Vereine die wildesten Nörgeleien an den Kopf werfen. Dabei gibt es klare Regeln: Der Ehrenkodex der Nörgler schreibt beispielsweise vor, dass nicht weiter genörgelt wird, wenn der Gegenüber auf dem Boden liegt. Nicht alle halten sich daran, was dem Ansehen der Nörgler in der Öffentlichkeit großen Schaden zufügt. Müssen sie bald alle auf den Adrenalinrausch beim Nörgeln verzichten? Das immer stringentere Einschreiten der Polizei und die Registrierung bekannter Nörgler in einer Kartei machen ihnen das Leben schwer. Der Nörgler 2010, eine aussterbende Spezies.

Artikel teilen

    2 Gedanken zu „Der Nörgler als Mensch

    1. Toller Beitrag! Bin über die Kontextschmiede hier drauf gestolppert. Werde wohl öfter hier vorbei schauen müssen;-)
      So als alter Nörgler.

    Kommentare sind geschlossen.