Der schlechteste Kader seit 2003

Noch 10 Tage, bis das Pokalspiel bei Union Berlin die neue Werdersaison offiziell eröffnen wird. Die konditionellen Grundlagen sollten zu diesem Zeitpunkt der Saison bereits gelegt sein und das taktische und spielerische Konzept langsam zum Vorschein kommen. Langsam aber sicher nimmt auch der Kader, mit dem Werder in die neue Saison geht, erkennbare Formen an. Tim Borowski, das steht seit gestern fest, ist zurück in Bremen. Der Transfer war keine wirkliche Überraschung mehr. Eine Rückkehr Claudio Pizarros kann ebenfalls als wahrscheinlich angesehen werden. Und sonst?

Weitere Transfers scheinen vorerst nicht geplant zu sein. Der Kader hat bereits eine stattliche Größe. Es ist schon aus finanziellen Gründen wahrscheinlich, dass noch der eine oder andere Spieler abgegeben wird. Der Verkauf von Diego hat Geld in die Kasse gespült. Das Gehaltsniveau dürfte mit Neulingen wie Marin, Moreno, Borowski und unter Umständen Pizarro jedoch kaum gesunken sein. Aus sportlicher Sicht wären Spielerverkäufe ebenfalls sinnvoll. Zum einen braucht man keinen aufgeblähten Kader mit 5-6 unzufriedenen Spielern, die nie zum Einsatz kommen und zum anderen sind einige Spieler in den letzten Monaten auf dem sportlichen Abstellgleis gelandet. Zu nennen wären hier Boubacar Sanogo, Dusko Tosic, Markus Rosenberg oder auch Jurica Vranjes. Die Gründe dafür sind von Spieler zu Spieler unterschiedlich. Eigentlich haben (mit Ausnahme von Tosic) alle dieser Spieler ihre Klasse in der Vergangenheit schon im Werdertrikot nachgewiesen. Spielten sie bei einem anderen Verein, würden sie also perfekt in Werders Beuteschema passen.

Man kann Allofs in diesem Sommer nicht nachsagen, zu knauserig mit dem vorhandenen Geld umzugehen. Alle drei bisherigen Transfers sollen Werders Qualität verbessern und nicht nur die Breite des Kaders auffüllen. Allerdings verleiten die Namen kaum zum Träumen. Niemand wird ernsthaft daran zweifeln, dass Pizarro und Borowski in Normalform Werder weiterhelfen. Auch das Talent Marko Marins und Marcelo Morenos steht außer Frage. Dennoch garantiert das nicht, wie in der Vergangenheit, einen Platz im internationalen Geschäft. Neben den übermächtig scheinenden Bayern kann mit Schalke, Hamburg, Wolfsburg, Hoffenheim, Dortmund, Leverkusen, Berlin und Stuttgart gleich die halbe Bundesliga als ernsthafte Konkurrenz um die Champions- und Europaleague-Plätze angesehen werden. Alle diese Mannschaften standen letzte Saison in der Tabelle vor Werder und haben sich diesen Sommer personell kaum verschlechtert. Muss man also Angst um Werder haben?

Meine Antwort ist ein klares Nein! Zum Vergleich sollte man vielleicht einen Blick auf die Situation vor der Doublesaison 2003/2004 werfen: Im Tor hatte man mit Pascal Borel ein Nervenbündel, das zwar eine passable Rückrunde gespielt hatte, jedoch kaum als sicherer Rückhalt angesehen wurde. In der Abwehr verabschiedete sich Führungsspieler Frank Verlaat. Nun konnte Schaaf endlich auf Viererkette umstellen, was bei den Fans jedoch nicht nur zu positiven Reaktionen führte. Im Mittelfeld gab es mit Johan Micoud einen brillianten Regisseur, dazu zwei solide Abräumer (Baumann, Ernst) einen technisch starken Mitläufer (Lisztes) und ein phlegmatisches Talent (Borowski). Im Angriff hatte man neben dem alternden Ailton keine adäquate zweite Spitze (der langzeitverletzte Klasnic galt noch als verhindertes Talent). Und dann diese Neuverpflichtungen! Ein greiser Torhüter aus der zweiten spanischen Liga (Reinke), ein unbekannter Franzose, der bei keiner seiner bisherigen Stationen glücklich geworden war (Ismael) und ein türkischer WM-Held, der so gut nicht sein konnte, da Inter Mailand ihn ablösefrei ziehen ließ (Davala). Gesamtausgaben: 300.000 Euro.* Allofs raus!

Aus heutiger Sicht klingt das eigentlich viel zu unwahrscheinlich, um wahr zu sein. Anno 2003 passte bei Werder einfach vieles zusammen, was nicht als selbstverständlich anzusehen ist. Ein solcher Erfolg kann nicht kopiert werden. Dennoch ist die Situation heute nicht viel anders als damals. Es gibt mehr Fragezeichen hinter den Spielern, als in den letzten Jahren. Spielen Fritz und Frings noch einmal so unter ihren Möglichkeiten? Kann Boenisch sich steigern? Findet Borowski zu alter Stärke? Passt Marin ins System? Fällt Özil in ein Loch? Platzt bei Almeida endlich der Knoten? Wie gut ist Moreno wirklich? Und die vielleicht wichtigste Frage: Findet sich die Mannschaft wieder zu einer Einheit zusammen, die für einander kämpft und zusammen hält? Die letzte Frage klingt klischeehaft, ist es vielleicht auch, doch der Teamgeist zählt nun mal auch heute noch zu den elementaren Voraussetzungen für Erfolg im Fußball. Und hier könnte, ohne dem Brasilianer Unrecht tun zu wollen, eine große Chance im Jahr 1 nach Diego liegen.

* Für den ausgeliehenen Ismael zahlte man ein Jahr später weitere 750.000 Euro Ablöse.

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    6 Gedanken zu „Der schlechteste Kader seit 2003

    1. Gehe eigentlich weitesgehend d’accord mit deinen Ausführungen. Ich hätte gerne noch einen Außenverteidiger gesehen, wobei es unglaublich schwierig scheint, dort einen geeigneten Akteur zu finden. Ich blicke eigentlich ganz positiv in die Saison. Interessant wird eben sein, ob man die Fehler der Vorsaison vermeiden kann. Und das wurde, wenn man Thomas Schaaf glauben kann, ja reichlich auf Norderney geübt.
      Vielleicht noch zu Pizarro, was im Moment eigentlich meine größte Sorge ist. Denn Werder braucht Pizarro. Dennoch sehe ich hinter seiner Rückkehr noch drei Fragezeichen. Einerseits: Wie geht es weiter, nachdem sich Pizarro selbst angezeigt hat? Kann er dann auch verurteilt werden? (Wo sind die Juristen unter den Lesern). Andererseits: Wie vertragen sich Pizarros Gehaltsvorstellungen im Werder Gesamtgefüge. Durch die Presse geisterten knapp vier Millionen Euro. Und last but not least: Ich traue Pizarro auch zu, dass er sich bei Chelsea einfach auf die Bank setzt, wenn er da mehr Geld verdient. Will sagen: Sogar ganz wahrscheinlich sehe ich eine Rückkehr von Pizarro nicht, wobei ich sie so schnell wie möglich gerne sehen würde. Momentan glaube ich aber noch nicht dran.

    2. Ich glaub nicht, dass Pizarro sich bei Chelsea auf die Bank setzt. Das hätte er auch letzte Saison haben können. Ich glaube schon, dass er gerne weiter in Bremen spielen will. Die Gehaltsvorstellungen könnten aber wirklich ein Problem sein. Pizarro weiß ja, was er bei Werder maximal bekommen könnte und wird versuchen, das auch rauszuholen. Die Frage ist nur, ob er sich nicht verpokert.
      Pizarros Anwalt hat die Meldung übrigens dementiert, dass er sich selbst angezeigt hat. Oder gibt’s da was neues?
      Also sicher ist der Transfer natürlich nicht, aber ich bin optimistisch, dass es klappt.

    3. >Pizarro weiß ja, was er bei Werder maximal
      >bekommen könnte und wird versuchen, das auch
      >rauszuholen. Die Frage ist nur, ob er sich
      >nicht verpokert.
      Wenn er weiss was er maximal rausholen kann, kann er sich doch nicht verpokern.

    4. Hast Recht, hab mich falsch ausgedrückt. Er SOLLTE wissen, was er rausholen kann. Die Frage ist also: Gibt er sich damit zufrieden oder versucht er Werder über die Schmerzgrenze zu treiben.

    5. Der eigentliche Schwachpunkt ist für mich die Außenverteidigung, die letzte Saison zu planlos nach vorne spielte und hinten nicht allenfalls mittleres BUndesliganiveau bot.
      Gelingt es Werder wieder einmal durch Qualität vorne von den Problemen hinten ablenken können, spielt es wieder um den internationalen Wettbewerb.

    6. Die Außenverteidigung war vor allem auch deshalb schwach, weil Fritz eine unterirdische Hinrunde gespielt hat und Boenisch einfach noch nicht so weit war (eigentlich war ja auch Dusko Tosic für die Position vorgesehen, aber der erfüllte nicht annähernd die Erwartungen). In der Rückrunde lief es da aber schon deutlich besser, sprich man war einigermaßen stabil.

      Ich erwarte von Özil und Marin auch mehr Engagement nach hinten. Bei fast allen internationalen Topmannschaften unterstützen die Außenstürmer bzw. äußeren Mittelfeldspieler die Außenverteidiger wesentlich mehr. Wenn dort immer die zentralen Mittelfeldspieler aushelfen müssen, gibt es einfach zu viele Lücken.

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