Der Spielfluss im Fußball

Gastbeitrag von Sepp Blatter

Spielfluss ist wichtig. Ein Spiel mit wenigen Unterbrechungen ist schön anzuschauen. Wir mögen Schiedsrichter, die das Spiel laufen lassen und nicht so kleinlich sind.

Der Spielfluss ist aber noch mehr als das: Er ist ein hohes Gut, das es zu verteidigen gilt. Verteidigt werden muss es vor den Bedrohungen der Technik. Torkameras, Videobeweis und andere technische Neuerungen drohen dem Fußball den Spielfluss zu nehmen und ihn dem American Football immer ähnlicher zu machen. Was aus Amerika kommt kann aber nicht gut sein, denn dort ist der Sport nur ein Zeitvertreib, um die verschiedenen Werbeunterbrechungen überbrücken. Unser Fußball soll schön so bleiben wie er ist.

Gut, der Spielfluss ist jetzt nicht immer zu hundert Prozent vorhanden. Es gibt eine Halbzeitpause von 15 Minuten. Die wird benötigt, um aufs Klo zu gehen und für feste und flüssige Nahrung zu sorgen. Und die Spieler brauchen schließlich etwas Erholung. Das Spiel geht auch nicht ohne Unterbrechungen vonstatten, ist doch ganz klar. Es gibt Anstöße, Abstöße, Einwürfe, Ecken, Freistöße, Elfmeter, Schiedsrichterball. Es gibt rote Karten, gelbe Karten, Ermahnungen, Platzverweise gegen Trainer und Auswechselspieler. Es gibt Verletzungsunterbrechungen, Schwalben, Ballwegschlagen, Spielverzögerung. All diese Dinge gehören zum Fußball, deshalb sind sie Teil der 90 Spielminuten. Würde man dafür jedes Mal die Zeit anhalten, schliefen die Zuschauer in den Pausen ein. Oder schlimmer noch: die Spieler!

Am Ende jeder Halbzeit wird die entgangene Zeit wieder hinten drangehängt, damit Zeitschinderei nicht belohnt wird. Ok, in der Bundesliga eigentlich nur nach der zweiten Halbzeit, aber da passiert ja auch mehr. Bis zu drei Minuten (in England auch mal sechs oder sieben Minuten) müssen die Spieler dann nachsitzen. Summa summarum kommen wir so auf etwa 45 bis 60 Minuten Nettospielzeit. Nicht sonderlich viel. Gerade das zeigt, dass wir uns die Zeit, die etwa ein Videobeweis dauern würde, gar nicht leisten können. Noch kürzer würde das Spiel werden, noch weniger Zeit bliebe dem Spielfluss, sich zu entwickeln. Sollen wir etwa im Gegenzug an anderen Stellen Zeit sparen? Ich bitte euch!

Ja, vielleicht könnte man versuchen, Spielverzögerungen aus dem Spiel zu verbannen, und schon vor der 80. Minute Spieler bestrafen, die den Spielfluss stören wollen. Aber es gehört nunmal dazu, dass vor jeden Freistoß schnell noch mal ein Fuß gehalten oder der Ball kurz weggekickt wird, damit er nicht schnell ausgeführt werden kann. Wir wollen es schließlich auch nicht übertreiben mit dem Spielfluss. Außerdem: was will man denn da machen? Etwa strengere Regeln einführen und Spieler für solche Aktionen verwarnen? Na, viel Spaß! Wir wissen doch, dass Fußballer nicht lernfähig sind und es Jahrzehnte brauchen würde, bis sich ihr Verhalten angepasst hat. Bis dahin gäbe es dann eine echte Kartenflut und somit eine Spieler-Wut (BILD). Nein, an diesen Dingen soll nicht gerüttelt werden.

Wozu überhaupt Videobeweis oder Chip im Ball? Unsere Schiedsrichter sind so perfekt, dass wir darauf gut und gerne verzichten können. 96% der Entscheidungen bei der letzten WM waren korrekt, sagt unsere offizielle Statistik. Nur vier Prozent Fehlerquote bei unseren Schiris. Und die machen den Fußball aus. Wir brauchen sie, damit wir nach dem Spiel etwas zu reden haben. Worüber sollen wir sonst sprechen? Etwa über das Spiel selbst? Ohne das Wembley-Tor wüsste ich nicht einmal mehr, dass 1966 überhaupt eine WM stattgefunden hat.

Wir brauchen keine Technik im Fußball. Technische Fähigkeiten der Spieler brauchen wir, sonst nichts. Ganz im Sinne der Erfinder dieses großartigen Sports sollte der technische Fortschritt im Fußball nur für zwei Dinge genutzt werden: Animierte Werbebanden und das Einblenden von Blitztabellen. Oder wie sagt das alte chinesische Sprichwort: Uns doch egal, wir sind eh nicht dabei.

Artikel teilen

    2 Gedanken zu „Der Spielfluss im Fußball

    1. :)
      Ist aber nicht aufgrund der Abseitstore gestern entstanden?

      BTW: Sorry, aber dein CAPTCHA-Code nervt. Andere Blogs werden doch nun uch nich gerade zugespamt, oder was soll das?

    Kommentare sind geschlossen.