Der U-UEFA Cup (5): Gemischte Gefühle

Alkmaar – Werder 0:0

Es ist immer so eine Sache mit Fußballgucken auf Geburtstagsfeiern. Gewinnt die Lieblingsmannschaft, kann es eine Party so richtig anheizen. Ich erinnere mich da an das 1:0 gegen Schalke im "Unplugged-Spiel" zum Auftakt der Saison 04/05. Damals war ich auf einer Grillparty mit Fernseher im Garten. Als Valdez kurz vor Schluss das erlösende Siegtor schoss, explodierte die angespannte Stimmung auf einen Schlag und es konnte endlich richtig gefeiert werden. Gibt es aber eine Niederlage, noch dazu eine bittere Niederlage, dann besteht allerdings immer die Gefahr, dass die Stimmung total kippt. 2001 kassierte die deutsche Nationalmannschaft ein 1:5 gegen England, eine der bittersten Niederlagen, an die ich mich erinnern kann. Das Spiel fand damals an meinem Geburtstag statt und sorgte für ein ca. einstündiges Schweigen unter den Gästen. Zum Glück waren genügend Leute anwesend, die sich nicht für Fußball interessierten und so die Party retteten.

Das Viertelfinal-Hinspiel beim AZ Alkmaar bildete nun am Donnerstag
den Auftakt zur Geburtstagsfeier eines Freundes. Obwohl hauptsächlich
Fußball- (bzw. Werder-) Fans unter den Gästen waren, stand das Spiel
aber kaum im Mittelpunkt. Es wurde geredet, getrunken, sogar Musik
gehört. Das Spiel plätscherte so vor sich hin und schien sich dem
allgemeinen Zuschauerverhalten anzupassen. Langweiliger Kick für
gelangweilte Zuschauer. Werders größtes Problem dieser Tage ist eher
nicht die Erfolglosigkeit. So erfolglos ist man eigentlich gar nicht.
Statt vieler eigener Tore gibt es nun viel weniger Gegentore: Gerade
mal eines in den letzten 7 Spielen. Geschossen hat man in der selben
Zeit immerhin zehn und dabei keines der Spiele verloren. Die Bilanz
kann sich durchaus sehen lassen, zumal sich die Konkurrenz auch nicht
gerade mit Ruhm bekleckert. Trotzdem schafft es die Mannschaft in
dieser Rückrunde nicht, Begeisterung bei den eigenen Fans auszulösen.

Warum eigentlich nicht? Sind die Fans ein erfolgsverwöhnter Haufen,
der jetzt seine hässliche Fratze zeigt? Haben sich im Laufe der sehr
erfolgreichen letzten 3 Jahre zu viele "Erfolgsfans" am Osterdeich
angesammelt? Oder täuscht die objektiv gute Situation in Liga und UEFA
Cup über die tatsächlich gezeigten Leistungen hinweg? Sich hier eine
Meinung zu bilden, ist nicht gerade leicht. Ich ändere meine derzeit je
nach persönlicher Stimmungslage. Dass dies nicht möglich ist ohne sich
ständig selbst zu widersprechen, weiß nicht nur Franz Beckenbauer. Zwei
Zusammenfassungen der Situation, zwei Extrempunkte:

Nummer 1: Sicher, Werder spielt in der Rückrunde weniger spektakulär
als im letzten Herbst. Die Gegner werden nicht mehr gedemütigt, die
Spiele bleiben bis zum Ende spannend. Doch nach demselben Rezept
verfuhr man schon in der letzten Saison (erfolgreichste
Rückrundenmannschaft, 16 Gegentore) und auch in der Meistersaison
(erfolgreichste Rückrundenmannschaft, 18 Gegentore). In der aktuellen
Rückrundentabelle steht Werder nur auf Rang 8. Doch welche Optionen gab
es für Trainer Schaaf denn schon? Gegen Schalke und Stuttgart wurde man
vorgeführt, weil man a) zu offensiv ausgerichtet war und b) nicht
bissig genug in die Zweikämpfe ging. Spätestens nach dem Spiel gegen
den HSV war allen Verantwortlichen klar, dass diese Taktik nicht mit
der aktuellen Spielstärke und Personalsituation vereinbar ist. Seitdem
steht bei Werder meistens die Null. Dass sie dann auch vorne ab und an
steht, ist nur eine logische Konsequenz. Auswärts wird es so sicherlich
nur selten zu drei Punkten reichen, doch im Weserstadion wird Werder
wieder zu einer Macht: Kontrollierte Offensive wie unter König Otto!
Der Zweck heiligt bekanntlich die Mittel. Die Konkurrenz ist kein Stück
souveräner, deshalb wird es wohl auf jeden Punkt ankommen. Wenn es am
Ende zur Meisterschaft oder auch Platz 2 reicht, nehme ich gerne in
Kauf, dass der Spaßfußball dabei auf der Strecke blieb. Werder ’07 ist
halt nicht Diego, Klose, Hunt sondern Merte, Naldo, Vranjes. Die Leute,
die sich jetzt darüber beschweren, sind doch dieselben, die Werder
sonst vergeworfen hätten, dass der Ergebnisfußball von Schalke und
Bayern sich am Ende wieder durchsetzt.

Auf ähnlichem Niveau erfolgt die Diskussion um Miro Klose. Auch ein
Stürmer, der regelmäßig gut spielt, verliert sein Selbstvertrauen, wenn
er lange nicht trifft. Die Leistungen der letzten paar Spiele war
sicher schwach, doch die Unsicherheit des Stürmers bei Ballannahme,
Zweikampf und Abschluss nimmt man ihm nicht indem man ihn auf die Bank
setzt. Klose wird sich selbst befreien, wie er es schon oft zuvor getan
hat. Und auch Werder wird den Rest der Saison gut durchziehen. Das 0:0
bei Alkmaar, einer der Heim- und Offensivstärksten Mannschaften auf
europäischer Ebene, ist eine gute Ausgangslage um Werders größten
internationalen Erfolg seit 1992 perfekt zu machen.

Nummer 2: Was wollen uns die Herren Schaaf, Allofs und Frings uns da
eigentlich jede Woche erneut andrehen? Die Ausflüchte und
Durchhalteparolen nach jedem Spiel gleichen sich, genau wie die
Publikumsbeschimpfungen unseres langhaarigen Möchtegern-Turiners. Auch
das Gros der Spiele unterscheidet sich kaum. Was Werder in dieser
Rückrunde anbietet, ist lustloser, langweiliger Fußball, der sich von
der Konkurrenz nicht mehr positiv abhebt. Waren es nicht gerade die
Spielstärke und der Mut zur Offensive, die den SVW in den letzten
Jahren auszeichneten und so für die zahlreichen Erfolge verantwortlich
waren? Wieviele Nullzunulls müssen gegen die Cottbusse dieser Liga
müssen wir eigentlich noch über uns ergehen lassen, bis endlich auch
die Verantwortlichen einsehen, dass die derzeitige Mannschaft einfach
nicht mit den hohen Zielen vereinbar ist? Warum darf Klose Woche für
Woche auflaufen, obwohl seine Leistungen kontinuierlich schlechter
werden? Warum gibt man Rosenberg oder Schindler nicht mal eine Chance,
wenn auch Hunt und Almeida kaum besser sind? Warum sind Grätschen von
Vranjes das dominierende Element im Mittelfeld und nicht mehr der
schnelle Kurzpass? Warum dribbelt sich Diego mangels Anspielstationen
um Kopf und Kragen und wird nicht vom Rest der Raute unterstützt? Die
Ausfälle von Baumann, Borowski und Klasnic können kaum als Grund
gelten, denn sie waren auch in der Hinrunde kaum präsent. Mit Zidan und
Andreasen wurden offensichtlich die falschen Spieler abgegeben. Die neu
gekauften Rosenberg und Niemeyer sind bisher nicht bundesligatauglich.
Da lassen sich Allofs und Schaaf über den grünweißen Klee loben, ob
ihrer tollen Einkaufspolitik und meinen nun anscheinend, dass es egal
ist, wen sie verpflichten. Sie werden schon einschlagen, sind ja
schließlich von uns ausgesucht worden!

Sicherlich gehören Schwächephasen zum Fußball. Es ist auch nicht
weiter schlimm, wenn man in so einer Phase gegen Schalke und Stuttgart
spielt, dann kassiert man halt auch mal Niederlagen. So weit, so gut.
Doch was hat sich seitdem bitte verbessert? Dass man gegen Mannschaften
wie Cottbus, Bochum und Celta Vigo keine Gegentore bekommt, kann doch
nicht darüber hinweg täuschen, dass offensiv praktisch keine
Offensivkraft mehr vorhanden ist. Ein einziges Mal zeigte Werder in
diesem Jahr bislang, womit sie sich in der Hinrunde in die Herzen der
deutschen Fußballfans spielten: Beim 3:0 im Hinspiel gegen Ajax
Amsterdam. Ansonsten gab es viel Leerlauf und heiße Luft. Muss erst
wieder ein Gegner wie Chelsea ins Weserstadion kommen, damit sich die
Herren mit dem W auf dem Trikot wieder genötigt fühlen, das abzurufen,
was sie erwiesenermaßen drauf haben? Wenn weiterhin Teams wie Mainz,
Celta Vigo und Alkmaar zu Topmannschaften erklärt werden, könnte sich
Werder am Ende leicht auch Platz 3 verpassen. Wie dann Spieler wie
Klose, Diego und Frings gehalten werden sollen, muss mir erst noch
jemand erklären. Die Konkurrenz hat uns schon genügend Gefallen getan,
irgendwann reicht ein 0:0 dann eben nicht mehr um dran zu bleiben
(geschweige denn um ins Europacup-Finale einzuziehen).

Irgendwo zwischen diesen beiden Extremansichten pendelt meine
Meinung hin und her. Ob die Wahrheit näher an Meinung 1 oder 2 liegt,
kann ich nicht beantworten. Glaubt man Otto Rehagel, liegt sie auf dem
Platz. Dort muss sich Werder dann in den nächsten spannenden Wochen
auch beweisen. Ein Tor von Miro Klose, die Qualifikation fürs UEFA Cup
Halbfinale, der Sprung auf Platz 1: Alles gut möglich. Und wer möchte
sich dann schon noch beschweren? Die Stimmung auf der oben genannten
Party war jedenfalls auch nach dem 0:0 gegen Alkmaar bestens.

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