Der U-UEFA Cup (7): Titellos

Espanyol – Werder 3:0

Tja, was soll man dazu sagen? Der Titel meines letzten Posts hätte auch perfekt über diesen hier gepasst, auch wenn er eigentlich ganz anders gemeint war. Aus Protest bekommt dieser Post nun keinen eigenen Titel. Ich hoffe nur, dass sich diese Überschrift als nicht ganz so prophetisch erweist, wie die letzte. Sollte Werder am Ende der Saison tatsächlich titellos bleiben, weise ich jedenfalls alle Schuld von mir. Außerdem hat Werder ja immerhin den angesehenen Premiere-Ligapokal gewonnen, womit die Bezeichnung "titellos" also schon gar nicht mehr auf Werder 06/07 zutreffen kann. Aber bevor dieser "Titel" am Ende noch als Trostpflaster herhalten muss, nehme ich dann doch lieber eine titellose Saison in Kauf.

Während man gestern noch bei strahlendem Sonnenschein über das mögliche Double nachdenken konnte, kann man heute bei strahlendem Sonnenschein über alles mögliche nachdenken, nur nicht über Werder. Denn dann verzieht sich der Himmel sofort mit dunklen Wolken und es beginnt wie aus Kübeln zu regnen. Immerhin bestes Bremer Fußballwetter aus alten Rehagel-Zeiten. Die werden in den nächsten Tagen wohl wieder beschworen werden, bevor Espanyol zum Rückspiel nach Bremen kommt. Ein Wunder von der Weser muss her. Leider haben Wunder nun mal so an sich, dass sie sich nicht beliebig herbeirufen lassen. Sonst wären sie ja keine Wunder. Schon vor Abpfiff wies demnach auch der pfiffige Sat.1-Kommentator (der in der ersten Halbzeit vermutlich ein anderes Spiel gesehen hat als ich) darauf hin, dass Werder nun ein Wunder brauche. Danke für den Tipp. Ich bekam davon leider nur einen Wolle-Petry-Ohrwurm der übleren Sorte: "Du bist ein Wunder, so wie ein Wunder, ein wunder Punkt in meinem Leben…"

Ein Wunder Punkt in meinem Fanleben ist dieses Spiel allemal.
Während es bis zur Halbzeit noch so aussah, als wäre Werder nur durch
das Gegentor etwas aus dem Rhythmus geraten, stellten sich in der
zweiten Halbzeit Fragen wie:

  • Spielt Torsten Frings jetzt absichtlich Fehlpässe bis Werder ihn gehen lässt?
  • Wer war der Mann mit der Nummer 20 und was hat er mit Daniel Jensen gemacht?
  • Warum sieht Miro Klose aus wie ein geprügelter Hund, wenn er doch gar nix dafür konnte, dass die Pässe auf ihn nie ankamen?
  • Gab es bei den Ecken des Gegners eine Zuordnung und wenn ja, wie genau sah sie aus?
  • Wie hoch hätte Werder eigentlich verloren, wenn Naldo nicht so abgeklärt als letzter Mann agiert hätte?
  • Wie hoch hätte Werder eigentlich verloren, wenn sie gegen eine wirklich gute Mannschaft gespielt hätten?
  • Wohin
    hätte das Trainerteam der Werder-Amateure einen Spieler geschickt, der
    beim Probetraining eine ähnliche Leistung abliefert, wie einige
    Werderspieler gestern Abend?

Damit man mich nicht falsch versteht: Werder leistet diese Saison
nach wie vor großartiges. Trotzdem ist ein solches Spiel eigentlich
völlig unverständlich, gerade weil Werder in den Wochen davor seinen
Ruf als spielstärkste Mannschaft Deutschlands, die sich auch vor keinem
ausländischen Team verstecken muss, wieder aufpoliert hat. Es zieht
sich wie ein roter Faden durch die Saison, dass es jedes mal, wenn die
Öffentlichkeit Werders Spiel überschwänglich lobt, einen
Leistungseinbruch gibt. Ich kann mir fast nicht vorstellen, dass die
Mannschaft eine derartige Ohrfeige einfach wegsteckt und in der
Bundesliga locker weitermarschiert. Bielefeld wird wissen, dass Werders
Selbstvertrauen angeschlagen ist.

Vielleicht war es einigen Spielern auch nicht bewusst genug, dass
ein Einzug ins Finale der größte internationale Erfolg für Werder seit
15 Jahren wäre. So etwas nimmt man nicht mal eben im Vorbeigehen mit.
Wenn ich richtig informiert bin stand mit Ausnahme von Jurica Vranjes
noch kein aktueller Werderspieler je in einem Europacupfinale. Von
daher kann ich mir nicht erklären, wie eine solche Leistung zustande
kommt. Da mag man sich noch so sehr über unansehnliche Spiele wie in
Alkmaar ärgern. Ein Spiel ohne spielerische Klasse zu gewinnen geht.
Ein Spiel ohne Laufbereitschaft, körperlichen Einsatz und Konzentration
geht nicht (auch wenn ich es selber nicht mehr hören kann – es ist
einfach so).

Ich ärgere mich immer noch viel zu sehr über das Spiel gestern, um
es wirklich klar beurteilen zu können. So hilflos und gedemütigt fühlte
ich mich zuletzt vor zwei Jahren beim Champions League Achtelfinale
gegen Lyon. Dort hatte man aber immerhin das Gefühl gegen eine
Mannschaft verloren zu haben, die auch an einem guten Tag eine Nummer
zu groß für uns gewesen wäre. Gegen Espanyol hatte man eher das Gefühl,
man wäre gegen eine graue Maus aus der Bundesliga (zugegeben: gespickt
mit ein paar Klassespielern) unter die Räder geraten. Andererseits gab
es das letzte Wunder ja ausgerechnet gegen Olympique Lyon, die vor
sieben Jahren nach 0:3 im Hinspiel mit 4:0 aus dem Weserstadion
geschossen wurden. Warum also nicht gegen Espanyol? Vielleicht hilft
es, um wenigstens eine weitere Woche lang bei strahlendem Sonnenschein
vom Double zu träumen.Und von einem 90 minütigen Sturmlauf am nächsten
Donnerstag. Was macht eigentlich Ailton?

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