Der ultimative Schwanzvergleich (Teil 2)

Hier nun der zweite Teil des ultimativen Schwanzvergleichs. Aufgrund der ungewöhnlich hohen Anzahl der Nordderbys und meiner begrenzten Zeit, wird der Schwanzvergleich noch ein weiteres mal aufgeteilt. Heute vergleiche ich die Defensivabteilungen der beiden Mannschaften. Im dritten und dann wirklich letzten Teil des Schwanzvergleichs folgen dann die Offensivabteilungen sowie die Trainer und Taktik.

Torwart

Vor ziemlich genau 10 Jahren begann die Bundesligakarriere des Frank Rost. Nun gut, eigentlich hatte er schon seit Oliver Recks Weggang 1998 den Stammplatz im Werdertor, doch stand er nach längeren Engewöhnungsproblemen und Patzern in der Kritik. Bis zum Pokal-Halbfinale in Wolfsburg, wo er eine überragende Partie hinlegte und Werder mit zahlreichen Glanzparaden den Finaleinzug sicherte. Als er dann auch noch im Finale das Elfmeterschießen für Werder entschied, wurde er in Bremen bis zu seinem Abgang 2002 zur Kultfigur. Beim HSV hat sich Rost nach seiner Demission auf Schalke inzwischen gut eingelebt. Er gehört wieder zu den besten Torhütern der Liga und ist besonders in der Rückrunde ein wichtiger Rückhalt für seine Mannschaft.

Tim Wiese hat noch immer unter seinem Image als Sonnenbank gebräunter Bodybuilder zu leiden. Dabei ist seine Entwicklung in den letzten 15 Monaten erstaunlich. Im Winter 07/08 begann Wiese damit, sein Spiel umzustellen und wandelte sich von einem reinen Reflexgott auf der Linie zu einem mitspielenden Torwart. Es wird kolportiert, dass er mehr als 10 kg abgenommen hat. Die Belohnung kam in Form einer Einladung zur Nationalmannschaft, wo er bislang keine ernsthafte Chance bekam, doch kontinuierlich eingeladen wird. Wiese spielt eine starke Saison, sein Spiel wirkt insgesamt reifer und ausgewogener. In Berlin wirkte er in 1-2 Situationen unglücklich. Seine Strafraumbeherrschung ist nach wie vor verbesserungsfähig. Dazu kommt die Hypothek, in den letzten 3 Jahren zweimal zu einem großen Teil Schuld an Werders Ausscheiden aus dem Europacup zu tragen.

Fazit: Unentschieden

Innenverteidigung

Per Mertesacker und Naldo bilden eines der körperlich größten Innenverteidiger-Duos des Weltfußballs. Beide sind dank ihrer Größe extrem kopfballstark und weisen auch auf dem Boden sehr gute Zweikampfwerte auf. Eine weitere Stärke der beiden ist die Fähigkeit, im letzten Moment die Grätsche auszupacken und so gefährliche Situationen zu entschärfen. Merte verfügt dazu über ein vorzügliches Stellungsspiel und lässt sich nur schwer aus der Ruhe bringen. Naldos Ruhepuls dürfte nur unwesentlich höher liegen. Er neigt gelelgentlich zu leichtsinnigen Aktionen und Stellungsfehlern. Naldo schaltet sich häufiger in die Offensive ein, wo ihm vor allem sein gewaltiger Schuss zugute kommt. Die Alternativen heißen Sebastian Prödl, Petri Pasanen oder auch Frank Baumann.

Unter Huub Stevens gehörte der HSV noch zu den defensivstärksten
Mannschaften der Liga. In dieser Saison sieht es hingegen ganz anders
aus. Ungewohnte Schwächen in der Viererkette sind einer der Gründe für die bereits 38 Gegentore in der Liga (nur eins weniger als Werder). Die Konstante in der Innenverteidigung ist Joris Mathijsen. Seit Beginn der Rückrunde heißt sein Partner häufig Michael Gravgaard, der in der Winterpause vom FC Nantes verpflichtet wurde. Bastian Reinhardt, bis zur Winterpause noch Stammspieler, ist seit seinem Mittelfußbruch beim Rückrundenauftakt verletzt und kein Thema für die Spiele gegen Werder. Dritter im Bunde ist Alex Silva, ebenfalls ein Neuzugang. Von den möglichen Kombinationen halte ich das Duo Mathijsen – Gravgaard für das stärkste, weil sich die Spieler gut ergänzen.

Fazit: Unentschieden mit leichter Tendenz Werder, wenn die "Twin-Towers" ihre Nerven im Griff haben.

Außenverteidigung

Clemens Fritz hat wohl eine der längsten Formkrisen überstanden, die je ein Spieler ohne Stammplatzverlust durchlebt hat. Hier wird auch schon das Bremer Problem deutlich: Die Personaldecke auf den Außen ist äußerst dünn. Auf rechts ist Fritz quasi konkurrenzlos. Nachwuchsmann und U19-Weltmeister Diekmeier wurde in der Winterpause abgegeben. Aushilfsweise füllt Innenverteidiger Prödl die Position aus, wenn Not am Mann ist. Auf der linken Seite darf der junge Sebastian Boenisch fleißig Spielpraxis sammeln. Zumindest in der Defensive ist bei ihm eine Verbesserung erkennbar. Petri Pasanen, der in der letzten Saison einen sehr anständigen Linksverteidiger abgab, konnte seine Eignung für die Stammelf nicht bestätigen. Der ursprünglich mal als erste Wahl geltende Dusko Tosic ist durch schwache Leistungen in Spiel und Training in Schaafs Gunst so weit gesunken, dass er nicht mal mehr zum Einsatz kommt, wenn auch in der B-Jugend alle Spieler verletzt sind.

Auffälligster Außenverteidiger beim HSV ist in dieser Saison Marcell Jansen. Seit seinem Wechsel vom FC Bayern blüht der frühere Gladbacher wieder auf und macht die schwachen Eindrücke von der EM 2008 vergessen. Dank seiner Offensivstärke kann er auch im linken Mittelfeld spielen. Auf der rechten Seite konkurrieren Jerome Boateng und Guy Demel um den Stammplatz. Ich halte Boateng insgesamt für den Stärkeren. Demel ist vielseitig und beständig, bei Boateng sind die Formschwankungen etwas größer. Wenn es überhaupt einen Weak Spot in der Hamburger Viererkette gibt, dann dort. Hier könnte eine Chance für Werder liegen, falls Özil einen guten Tag hat. Allerdings kann Boateng in Topform einen Spieler wie Özil auch völlig aus der Partie nehmen. Die zweite Garde wirkt deutlich weniger furchteinflößend: Collin Benjamin und der unverwüstliche Thimothee Atouba stellen nicht mehr als Bundesliga-Mittelmaß dar.

Fazit: Der Punkt geht klar an den HSV. Auf Fritz und Boenisch wird gegen die starken HSV-Außen jede Menge Arbeit zukommen. Werder ist traditionell durch die Mitte stärker. Am ehesten könnte Özil über links für Gefahr sorgen.

Defensives Mittelfeld

Die Ära Baumann neigt sich bei Werder ihrem Ende entgegen. Der Kapitän hat in der Rückrunde seinen Stammplatz verloren und wird vermutlich auch gegen den HSV auf der Bank sitzen. Torsten Frings bekleidet in der Rückrunde die Position vor der Abwehr, was seinem Spiel sichtlich gut tut. Der Nationalspieler ist zwar noch weit von seiner Bestform aus dem Jahr 2006 entfernt, doch die gröbsten Unsicherheiten aus der Hinrunde hat er abgelegt. In puncto Zweikampfführung macht ihm wieder kaum jemand etwas vor. Um die ehemalige Frings-Position im halbrechten Mittelfeld wetteifern nun Alexandros Tziolis und Peter Niemeyer. Niemeyers Stil und seine Abgeklärtheit gefallen mir gut, doch man merkt auch, dass er nach den vielen und langen Verletzungspausen noch etwas mehr Zeit braucht. Tziolis zeigt in den letzten Spielen immer mehr, warum Werder ihn ausgeliehen hat. Leider kommen von beiden Kandidaten noch zu wenige Impulse für die Offensive. Für Daniel Jensen, der mit seiner technischen Klasse ein Spiel aus dem defensiven Mittelfeld lenken kann, ist die Saison leider schon beendet. Jurica Vranjes bleibt trotz seiner tollen Bilanz nur die Rolle als Notnagel.

Beim HSV schwalbt David Jarolim nun bereits seit sechs Jahren durchs Mittelfeld. Seine permanente Fallsucht lässt es fast etwas in den Hintergrund treten, dass er ein wirklich guter Fußballer ist. Beim Duell mit Diego geht es schließlich nicht nur darum, wer wohl häufiger am Boden liegt. Wirklich beeindruckt hat mich in dieser Saison Dennis Aogo – ein Name, der mir vor der Saison nur sehr wenig sagte. Ich hätte jedenfalls nicht gedacht, dass sich der Ex-Freiburger in der 1. Liga so schnell durchsetzen würde. Der im Winter verpflichtete Mickael Tavares ist für den UEFA-Cup nicht spielberechtigt, macht ansonsten aber einen guten Eindruck. Es macht sich jedenfalls nicht negativ bemerkbar, dass man Nigel de Jong in der Winterpause für 85 Fantastilliarden Euro nach Manchester schickte. Dahinter wird es allerdings schon eng. Einen weiteren DM von gestandenem Format hat man nicht.

Fazit: Unentschieden mit Tendenz für Werder, da der ansonsten üppige Kader des HSV hier etwas dünn besetzt ist.

Zwischenfazit: Es ist ein enges Rennen, in dem der HSV dank der stärkeren Außenverteidiger leicht im Vorteil sein könnte. Werder zeigt sich defensiv zwar stark verbessert, hat die zweitwenigsten
Gegentore der Rückrunde kassiert, doch strahlt selten Souveränität aus. Insgesamt ist es aber too close to call, da sich beide Mannschaften in der Defensive als anfällig erwiesen haben.

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