Der ultimative Schwanzvergleich (Teil 3)

Und pünktlich vor dem Anpfiff des ersten Nordderbys nun der letzte Teil des ultimativen Schwanzvergleichs zwischen Werder Bremen und dem HSV.

Offensives Mittelfeld

Das offensive Mittelfeld bei Werder hat einen Namen: Diego. Nach einer wechselhaften Hinrunde hat der kleine Brasilianer wieder zu seiner Bestform gefunden und dominiert das Bremer Spiel wie nie zuvor. Diego kämpft, dribbelt, schlägt Traumpässe und macht die Tore auch selbst. In seinen letzte 3 Spielen schoss Diego ganze 5 Tore, und das obwohl er dabei zwei Elfmeter verschoss. Ist Diego richtig fit, ist er der Spieler, der für Werder den Unterschied macht. Er ist eigentlich nur zu stoppen, wenn man ihn durch andauernde Nickligkeiten zur Weißglut treibt und in 1-gegen-1-Duelle um den Mittelkreis verwickelt. Mesut Özil ist der Aufsteiger der Saison in Bremen. An guten Tagen ist er kongenialer Partner für Diego, der durch seine Dribbelstärke und technische Klasse das Angriffsspiel beleben kann. An schlechten Tagen schlurft Özil leider noch zu häufig mit hängenden Schultern über den Platz und verliert das Selbstvertrauen. Aaron Hunt ist auch durch zahlreiche Verletzungen nicht über den Status als Ergänzungsspieler hinaus gekommen. Er hat seine Stärken auf der linken Außenbahn, weist im Vergleich zu Özil aber noch zu viele Schwächen auf. Fürs Pokalspiel fällt Hunt wegen Verletzung genauso aus wie Daniel Jensen, der im Mittelfeld jede Position ausüben kann und neben Diego der einzige wirkliche Spielmacher bei Werder ist.

Der große Aufsteiger im Hamburger Mittelfeld ist Piotr Trochowski. Vor einem Jahr noch ob seiner Nominierung für den EM-Kader belächelt, zeigte sich Trochowski in dieser Saison in beeindruckender Form. Er kann sowohl hinter den Spitzen als auch auf der linken Außenbahn spielen, so dass Jol bei der Wahl des Systems große Freiheiten hat. Im rechten Mittelfeld macht sich Jonathan Pitroipa immer besser. Auf seiner Position könnte ein Schlüsselduell mit Özil stattfinden, da beide viel Offensivpower entwickeln, die Defensivaufgaben jedoch vernachlässigen. Wenn Pitroipa die Lücke zwische Özil und Boenisch auf seiner Seit nutzt, kann er mit seinem Tempo und der inzwischen auch vorhandenen Torgefahr eine große Bedrohung für Werder sein. Der von Schalke ausgeliehene Albert Streit kam in Hamburg bislang nicht zur Entfaltung. Gleiches gilt für Marcel Ndjeng, der nur zu zwei Kurzeinsätzen kam. Thiago Neves wurde nach einer enttäuschenden Hinrunde verlustfrei zurück nach Brasilien verschifft. Ebenfalls nicht zur Verfügung steht der langzeitverletzte Romeo Castelen.

Fazit: Punkt Werder. Die Entscheidung ist enger als man es als Werderfan zugeben will, doch dank Diego hat Werder hier einen Vorteil.

Angriff

Bei Werder ist Claudio Pizarro der erfolgreichste Torschütze. Der von Chelsea ausgeliehene Brasilianer Peruaner ist für Werders Angrfiff extrem wichtig. Durch seine Übersicht und technische Klasse hilft Pizza auch als "Hilfskraft" im Mittelfeld aus und belebt das Kombinationsspiel. Seiner Cleverness und Schlitzohrigkeit stehen jedoch gelegentliche Unkonzentriertheiten im Torabschluss und eine hier und da durchblitzende Lauffaulheit gegenüber. Hugo Almeida ist der Mann mit dem Hammer. Neben einem knallharten Schuss verfügt Almeida auch über eine starke Physis und gutes Kopfballspiel. Almeidas Talent ist offensichtlich, doch jedem Fortschritt des Portugiesen folgt meist schneller Rückschritt. Deshalb ist Almeida auch nicht unumstrittener Stammspieler. Konkurrent Almeidas um die zweite Stürmerposition ist Markus Rosenberg. In der letzten Saison war Rosi mit 14 Treffen bester Torschütze bei den Bremern. Trotz seiner insgesamt starken Trefferquote und Schnelligkeit hat er seinen Stammplatz erstmal verloren. Seine Schwächephasen dauern einfach zu lange. Martin Harnik ist als vierter Mann kein Thema mehr und wurde aus dem Profikader aussortiert.

Ich hielt Mladen Petric lange für den Spieler, der aus dem HSV ein überdurchschnittliches Team macht. Obwohl Petric nach wie vor bester Torschütze der Hamburger ist, hat er momentan nicht einmal einen Stammplatz. Dies ist vor allem der Formsteigerung Paolo Guerreros zu verdanken. Der schon als ewiges Talent verschriene Ex-Bayer blüht in dieser Rückrunde endlich auf und erweist sich immer wieder als entscheidender Spieler der Rothosen. Ivica Olic gehört bereits seit einiger Zeit zu den stärksten Stürmern der Bundesliga. Nach der Saison wird der Kroate, der vor allem über die Außen Gefahr verbreitet zum FC Bayern wechseln. Tunay Torun kam nur zu wenigen Kurzeinsätzen

Fazit: Punkt HSV. Zwar hat Hamburg keinen Dauerbrenner à la Pizarro, doch insgesamt ist die Qualität etwas höher. Rosenberg und Almeida sind im Vergleich zum Hamburger Angriff nicht beständig genug.

Die Trainer

Thomas Schaaf ist bereits seit 10 Jahren Trainer des SV Werder. Eine Meisterschaft und zwei Pokalsiege stehen bislang auf seiner Habenseite. Als größter Erfolg dürften jedoch die fünf aufeinander folgenden Teilnahmen an der Champions League angesehen werden, die in Werders Geschichte beispiellos sind. In dieser Saison wurden Schaaf erstmals Abnutzungserscheinungen nachgesagt. Mit dieser Kritik geht er jedoch äußerst gelassen um. Durch seine stoische Art hat er einen Kultstatus erlangt, wie vor ihm nur Otto Rehagel. Schaafs taktische Fähigkeiten wurden Zeit seiner Karriere eher unterbewertet. Zu deutlich sind bereits seit langer Zeit Werders defensive Schwächen. Doch es gibt keine andere deutsche Mannschaft, die offensiv so variabel spielt wie Werder, was vor allem Schaafs Verdienst ist.

Martin Jol kam vor der Saison neu zum HSV und hat gleich in seinem ersten Jahr beachtliches bewirkt. Hamburg ist in allen Wettbewerben gut vertreten und könnte zum ersten Mal seit 22 Jahren wieder einen Titel an die Elbe holen. Erstaunlich ist der Wandel von einer soliden Defensivmannschaft unter Stevens zu einer offensiv agierenden unter Jol. Zwar hat der HSV deutlich mehr Gegentore kassiert als vor einem Jahr, doch dafür scheint man in den wichtigen Spielen die richtige Balance zu finden. So steht man trotz höchst durchschnittlichem Torverhältnis in der Spitzengruppe der Bundesliga. Unerhört finde ich, dass mir Jol ausgesprochen sympathisch ist – und das obwohl seine letzten beiden Vereine (HSV, Tottenham Hostpur) eher am unteren Ende meiner persönlichen Beliebtheitsskala liegen.

Fazit: Trotz Jols beeindruckender erster Saison geht der Punkt an Werder. Thomas Schaaf ist cleverer als viele denken und hat in seinen 10 Jahren bei Werder bewiesen, dass er zu den besten deutschen Trainern gehört. Diesen Beweis muss Jol in den nächsten Jahren noch erbringen.

Taktitk

Werder spielt seit etwa 6 Jahren hauptsächlich mit einem 4-4-2 mit Raute im Mittelfeld. Dieses System hat zur Folge, dass der zentrale offensive Mittelfeldspieler (Diego) große Freiheiten genießt, die Mannschaft andererseits jedoch stark von diesem Spieler abhängig ist. In der Bundesliga hat man zuletzt in Abwesenheit Diegos mit einem "flachen" 4-4-2, also mit zwei defensiven Mittelfeldspielern experimentiert. Doch auch im Rautensystem stehen in der Regel zwei eher defensive und zwei eher offensive Spieler auf dem Platz. Werders Stärke liegt im Kombinationsspiel, den Standardsituationen und Einzelaktionen von Diego, Pizarro und ab und an Özil.

Der HSV spielt meistens mit einem flachen 4-4-2, kann allerdings auch das Rautensystem mit Trocho
wski in der Mitte spielen. Die Stärken liegen bei den offensiven Außen, der Geschlossenheit der Mannschaft und dem großen Kader. In dieser Saison haben sich die Hamburger zu einer starken Allroundmannschaft entwickelt, die kaum richtige Schwächen hat. Es wird daher vieles von Werders Form abhängen. Man wird eine ähnlich starke Leistung wie gegen den AC Milan benötigen um Hamburg zu schlagen.

Gesamtfazit

Die Spiele werden vermutlich allesamt knappe Angelegenheiten. Die vielzitierte mystische "Tagesform" (was immer das eigentlich sein soll) wird wohl entscheiden. In Topbesetzung halte ich Werder noch immer für einen Tick stärker als den HSV. Fallen wichtige Spieler aus, hat Hamburg die stärkeren Alternativen auf der Bank.

Ach, was soll's. Ich hab's versucht, aber… WIR haben einfach den Längeren!

Und jetzt: Auf geht's Werder kämpfen und siegen!

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