DFB-Pokal Finale: Sing For the Moment

Bayer Leverkusen – Werder Bremen 0:1

Der Tag danach beginnt, wie der vorherige aufgehört hat: mit Kopfschmerzen. Doch als die ersten Sonnenstrahlen durchs Fenster dringen und sich die Augen langsam ans Tageslicht gewöhnen, fällt mir alles wieder ein: Werder ist Pokalsieger. Wir haben es geschafft. Wenigstens etwas mitgenommen aus dieser über weite Strecken verkorksten Saison.

Die Geschichte des Spiels ist keine zum Nacherzählen. Es gab wenige Szenen, die in den Köpfen bleiben werden. Frank Baumanns Auswechslung nach einer Stunde, die wird hängenbleiben. Der Mann, den viele seit Jahre nicht mehr in der Mannschaft sehen wollten, nimmt nun seinen Hut und viele Tränen werden ihm nachgeweint. Auch von mir. Es ist vielleicht das Schicksal eines ruhigen Defensivspielers wie ihm, nur durch Abwesenheit Aufmerksamkeit zu erregen. Baumann hat das nie gestört. Baumann, der fleißige Arbeiter, der unaufgeregt seine Zweikämpfe gewinnt. Immer mit dem Auge für den einfachen, aber klugen Pass im Aufbau. Und manchmal auch mit der Technik, diesen sauber zu spielen. Zum Abschied zeigte er noch einmal ein Spiel, das typischer für ihn kaum sein konnte, und durfte am Ende den Pokal in Empfang nehmen.

Dann wird natürlich das Tor in Erinnerung bleiben. Diego passt auf Mesut Özil, der – mit Unterstützung des Ex-Bremers Friedrich – den entscheidenen Treffer erzielt. Vergangenheit trifft Zukunft und sorgt in der Gegenwart für den Titel, den sich Diego zum Abschied gewünscht hat. Sein Weggang kann Werder an den Abgrund bringen oder befreien, das wird sich nach der Sommerpause zeigen. In dieser Saison jedenfalls war Diego unglaublich wichtig. Ich kann mich nicht erinnern, dass jemals ein einzelner Spieler eine solche Ausnahmestellung bei Werder eingenommen hat. Dabei sehe ich Diego noch immer nicht als wirklichen Spielmacher. Er ist ein offensiver Mittelfeldspieler, der seine Stärken erst 30 Meter vor dem gegnerischen Tor richtig entfalten kann. Vorher gibt es zuviel Dribbling, zu wenig Raumgewinn und Tempo. Diegos Stellung in diesem Jahr hängt auch mit der Verletzung von Daniel Jensen zusammen. Der Däne zog in der letzten Saison hinter Diego die Fäden und machte Werders Spiel variantenreicher. Doch dieser Tage flößt schon Diegos bloße Anwesenheit dem Gegner Angst und Schrecken ein. Selbst wenn es bei ihm nicht gut läuft, zieht er mehrere Gegenspieler auf sich und schafft dadurch Platz für andere – manifestiert in der Vorbereitung zum 1:0.

Özil, der hoch talentierte, oft noch schüchterne, manchmal geniale Nachwuchsmann. Vor einem Jahr war er ein Junge, der mit hängenden Schultern über den Platz schlurfte. Zuweilen fällt er noch in diese Phase zurück, doch seine exzellente Entwicklung ist unverkennbar. Özil wird weiter wachsen müssen, denn der Beschützer an seiner Seite ist nun weg. Sicher erwartet niemand von Özil, dass er Diego ersetzen kann. Doch er wird mehr Verantwortung tragen müssen. Er wird Ellenbogen (im übertragenen, nicht im vanbommelschen Sinne) zeigen müssen und sich weniger Auszeiten erlauben dürfen. Wer Mesut Özil spielen sieht, dem kann nicht wirklich bange um Werders Zukunft sein.

Nicht-Bremer werden vermutlich das Interview mit Bruno Labbadia nicht so schnell vergessen. Es könnte auch sein Abschiedsspiel gewesen sein. Es wird bei Bayer Leverkusen über Zeitpunkt, Stil und Inhalt seiner Aussagen diskutiert werden. Hat Labbadia dem Verein bzw. der Mannschaft geschadet? Und wie lassen sich seine späten Wechsel deuten? Wollte er den Spielern signalisieren: "Los, jetzt macht es selbst"? Hätte ein Toni Kroos die nicht immer sattelfeste Bremer Defensive nicht noch stärker in Bedrängnis bringen können, wenn er 15 Minuten früher ins Spiel gekommen wäre? So scheuten beide Mannschaften nach Werders Führung das Risiko. Sowohl Werder als auch Leverkusen sind in der Vergangheit schon häufiger mit fliegenden Fahnen untergegangen. Nun reichte Werder eine taktisch disziplinierte letzte halbe Stunde, um Bayer in Schach zu halten. Während das Spiel in der ersten Halbzeit wenigstens technisch auf hohem Niveau stattfand, verschwand in der zweiten Hälfte zusehens auch die Spielkultur. Aufgrund des Spielstands vor allem Leverkusen anzukreiden bzw. Werder anzurechnen.

Am Ende steht ein dreckiger 1:0-Sieg. Der Pokalsieg 2009 ist das Kontrastprogramm zum Double 2004. Statt der Krönung einer herausragenden Saison ist er der einzige gemeinsame Nenner für Fatalisten, Realisten und Optimisten, bei denen die Bewertung dieser Saison ansonsten weit auseinander geht. Im Gegensatz zu 2004 halten sich die Sympathiebekundungen durch Nicht-Werderfans in Grenzen. Ganz im Gegenteil. Doch es fühlt sich keinen Deut schlechter an. Sympathie hatten wir schon, den Schönheitspreis dürfen auch mal andere gewinnen. Wir haben den Pokal. Und die Qualifikation für die Europa League, doch das ist Zukunftsmusik.

Heute zählt nur der Moment.

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