Die Mauer muss weg!

Bundesliga, 7. Spieltag: Bayer Leverkusen – Werder Bremen 2:2

Die Mauer muss weg. Aus unseren Köpfen. Hieß es immer so schön in den Jahren nach der Wiedervereinigung. Diese wurde am Wochenende in Bremen groß gefeiert, mit Ländermeile am Hafen, Nena und – wie es ebenfalls so schön heißt – Gästen aus aller Welt. Es wurde aber auch Fußball gespielt. Nicht in Bremen sondern in Leverkusen, wo ebenfalls viel los war. Soviel sogar, dass das Spiel zwischen Bayer und Werder mit 15 Minuten Verspätung angepfiffen wurde.

Die Mauer in den Köpfen unserer Spieler muss ebenfalls weg, nach den Pleiten gegen Mainz, Hannover und Inter. Die Mannschaft geht jedoch nicht nur mental auf dem Zahnfleisch sondern auch personell. Neben den Verletzten Naldo, Vander, Frings, Pizarro und Fritz hatten sich vor dem Spiel auch noch Borowski und Wagner eingereiht. Mit nur 16 Spielern trat Werder daher die Reise nach Leverkusen an, darunter mit Ayik und Balogun zwei Nachwuchsleute aus der U23. Umso erfreulicher war das, was Werder auf dem Platz ablieferte. Es war keine Topleistung, doch ein deutlich erkennbarer Fortschritt zu den letzten Bundesligaspielen (das Spiel gegen Inter kann kein Maßstab sein). Das erinnerte über weite Strecken schon sehr an das “alte” Werder, das wir alle so sehr vermissen.

Allerdings ist auch das alte Werder defensiv anfällig gewesen und so war es nicht weiter verwunderlich, dass eine spielstarke Mannschaft wie Leverkusen einige gute Torchancen bekam. Eine von ihnen nutzte Helmes in der 1. Halbzeit zur Führung. Nachdem die Bremer Abseitsfalle mal wieder nur sich selbst geschnappt hatte, lief Helmes alleine aufs Tor von Tim Wiese zu, der sich in dieser Situation nicht sonderlich geschickt anstellte und früh aufs kurze Eck spekulierte. Helmes konnte den Ball an ihm vorbei in die Mitte des Tores schieben. Ansonsten war Wiese jedoch die gewohnte Mauer hinter der gewohnt löchrigen Defensivabteilung. Hier könnte man es meiner Meinung nach ruhig einmal mit der Band Fotos halten und eine Mauer bauen. Darauf warten wir bekanntlich schon seit Jahren vergeblich. Beim späten Ausgleichstreffer hätte wohl auch eine gefestigtere Abwehr nicht viel ausrichten können. Zwar hoffte man irgendwie auf ein Foul oder etwas mehr Geschmeidigkeit bei Mertesacker, der zuvor einige Male in höchster Not gerettet hatte, doch in erster Linie war das eine tolle Einzelaktion von Derdiyok.

Zumindest in der Offensive lief das Bremer Spiel einigermaßen flüssig und so kam auch Werder immer wieder zu gefährlichen Torchancen. Der Unterschied in der ersten Hälfte bestand lediglich darin, dass Bayer eine der sich bietenden Chancen nutzte, während Werder dies nicht tat. Der Unterschied bestand auch darin, dass Helmes alleine aufs Tor zulaufen durfte, während Jensen alleine vor Adlers Kasten zu unrecht wegen Abseits zurückgepfiffen wurde. Zum Glück kam Werder nicht in die Verlegenheit, sich später auf solche Ausreden berufen zu müssen. In der zweiten Hälfte kam Almeida für Bargfrede ins Spiel und Werder bot trotz nur einer nominellen Spitze eine der offensivsten Mannschaften auf, an die ich mich erinnern kann. Hinter Almeida und den drei offensiven Mittelfeldspielern sicherten mit Jensen und Wesley zwei technisch versierte und kombinationsstarke Spieler ab. Sie machten ihre Sache dabei eigentlich ganz gut, auch wenn Jensen noch etwas Zeit braucht, um zurück zu seiner Topform zu finden. Sein Aufbauspiel ist gerade im Vergleich zu Frings jetzt schon eine Steigerung. Vom Lutscher braucht es mehr Leistungen wie zuletzt gegen den HSV, um seine unumstrittene Position im Mittelfeld wieder zu untermauern.

Was Hugo Almeida von Mauern hält, zeigte er bei seinem Treffer zum 1:1 deutlich: Er umgeht sie. Den Freistoß einfach ein paar Meter nach links gespielt und schon hämmerte er den Ball vorbei an den verdutzten Leverkusenern in die Maschen. Auch beim zweiten Tor – für mich das schönste der bisherigen Werdersaison – spielte er eine entscheidende Rolle. Seine Kopfballverlängerung auf Aaron Hunt war große Klasse, diese Effektivität würde ich von ihm gerne häufiger sehen. Was Hunt dann aus der Gelegenheit machte war genial. Ein Pass mit dem linken Außenrist, perfekt durch die Lücke gespielt und auf den Fuß von Marko Marin, der vollstreckte und sich feiern lassen durfte. Die Verarbeitung der Flanke war stark, doch ansonsten gehörte Marin für mich zu den schwächsten Bremern. Viel zu häufig suchte er das direkte Duell und dribbelte sich fest, statt den einfachen Pass zum besser postierten Nebenmann zu spielen. Damit macht er sein Spiel, das eigentlich von der Unberechenbarkeit lebt, zu berechenbar und ist zu sehr auf den einen genialen Moment angewiesen.

Wenn wir Werder als ein Team in der Findungsphase begreifen (und nichts anderes sollte man derzeit tun), dann war das Spiel gegen Leverkusen ein Fortschritt. Trotz vieler verletzter Spieler stand eine konkurrenzfähige Mannschaft auf dem Platz. Das Puzzle, um die Metapher des Kollegen Johan Petersen aufzunehmen, nimmt langsam Formen an. Die Teile passen zwar noch längst nicht alle zusammen, aber es wird endlich in Umrissen ein Gesamtbild erkennbar. Nach der Länderspielpause darf weitergepuzzlet werden.

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    Ein Gedanke zu „Die Mauer muss weg!

    1. Seh ich im Prinzip genauso, nur wird die Mannschaft in der Form nie wieder auf dem Platz stehen. Insofern fällt es schwer, sich von der Leistung aufmuntern zu lassen, allenfalls, dass etwa Jensen seine Chance mal genutzt hat und ein Stück weit näher an die erste Elf rangerückt ist würde ich als wichtige Erkenntnis mitnehmen wollen. Und Almeida und Hunt haben mal wieder ein den Erwartungen entsprechendes Spiel gezeigt.

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