Die Schwalbe und der Sperling

Der ist ein Schwalbenkönig. Verbringt mehr Zeit auf dem Boden, als auf seine kurzen Beinen. Ist einfach ein extrem unsportlicher Spieler, weil er sich bei jedem Körperkontakt fallen lässt. Diese Kommentare hört man häufig im Zusammenhang mit Werders Marko Marin. Ob sie der Wahrheit entsprechen, soll hier nicht erörtert werden. Vielmehr stellt sich mir die Frage, warum die Schwalbe allgemein einen so schlechten Ruf unter Fußballfans hat.

Die unsportlichste aller Unsportlichkeiten?

Allein diese Frage wirkt auf viele schon als Provokation. Eine Schwalbe ist unsportlich. Sie ist die Vortäuschung eines Foulspiels und damit der Versuch, sich durch die Bestrafung des Gegenspielers und den folgenden Freistoß/Elfmeter einen Vorteil zu verschaffen. So weit, so schlecht. Mir fallen ohne großes Nachdenken noch eine ganze Menge anderer Unsportlichkeiten ein, die im Fußball vorkommen: Taktische Fouls, grobe Fouls, Tätlichkeiten und absichtliches Handspiel. Sie haben mit der Schwalbe gemeinsam, dass sie relativ hart bestraft (gelbe bzw. rote Karte) und einigermaßen konsequent geahndet werden. Trotzdem ist die Schwalbe in den Augen vieler Fans das schlimmste dieser Vergehen. Fouls und Handspiel sind zwar gegen die Regel, werden aber als Teil des Spiels akzeptiert. Sie passieren halt irgendwie im Eifer des Gefechts. Die Schwalbe wird mit Vorsatz ausgeführt. Ist das wirklich so? Auch im modernen Tempofußball, wo Spielern das richtige Fallen schon in der Jugend beigebracht wird, um Verletzungen zu verhindern? Steckt in einer Schwalbe mehr Vorsatz als in einem taktischen Foul?

Die Schwalbe, werden viele nun sagen, ist etwas ganz anderes, nämlich ein Betrugsversuch. Und Betrug macht den Sport kaputt. Es gibt allerdings noch eine paar andere Vergehen, die ebenfalls einen Betrugsversuch darstellen, auf dem Platz und auch daneben jedoch weitgehend akzeptiert sind. Dazu zähle ich zum Beispiel das Zeitspiel. Ein Spieler muss sich schon große Mühe geben, um für Zeitspiel bestraft zu werden. Häufig trifft es Torhüter, die sich beim Abstoß mehrfach zu lange Zeit lassen. Selten wird jedoch ein Spieler bestraft, der einen schnellen Freistoß blockiert, indem er sich vor den Ball stellt oder den Ball ein bis zwei Meter wegschießt oder den Ball nur langsam und absichtlich ungenau herausgibt. Auch diese Dinge gehören irgendwie zum Fußball dazu. Ähnlich verhält es sich mit versteckten Fouls, die im Rücken des Schiedsrichters regelmäßig begangen werden. Abseits der von Fernsehkameras überwachten Bundesligastadien kommen die schmutzigen Tricks noch ungenierter zur Anwendung. Ein Tritt auf dem Fuß, ganz unbeabsichtigt aus der Laufbewegung heraus. Ein Ellenbogen in die Rippen. Ein Knie in des Gegners Kniekehle. Ein kurzes Halten an der Hose beim Hochspringen nach einer Ecke. Alles sehr effektive Mittel, die ich aus eigener Erfahrung kenne. Klar, ab und zu übertreibt es jemand und fliegt vom Platz oder verursacht einen Elfmeter, aber das bleibt die Ausnahme.

Das ist normal, das gehört zum Spiel

Das Eine (versteckte Fouls) gehört zum Männersport Fußball dazu, wie Bier und Bratwurst, das Andere (Zeitspiel) ist eben so: nicht schön, aber so lange es im Rahmen bleibt ist alles ok. Wenn man dafür jedes Mal eine Karte zeigen würde, stünden am Ende ja kein Spieler mehr auf dem Platz – wenn man der Argumentationsrhetorik der Beckenbauers dieser Welt Glauben schenkt. Fußballer lernen schließlich nicht dazu. Im Fall der Schwalben zeigten sich Fußballer über die Jahre hingegen sehr lernfähig. Die Falltechnik wurde so perfektioniert, dass es immer schwieriger wird, sie zu identifizieren und damit zu ahnden.

Tatsache ist, dass man im heutigen Fußball längst nicht mehr alle Zweikämpfe den Kategorien “klare Schwalbe” und “klares Foulspiel” zuordnen kann. Spieler fallen auch dann noch sehr koordiniert (um es freundlich auszudrücken), wenn sie tatsächlich gefoult wurden. Auf der anderen Seite sind die wirklich harten Foulspiele seltener geworden, weil sie viel strenger bestraft werden, als noch vor dreißig Jahren. Die Bewegung des Fallens hat mit dem Foul an sich in vielen Situationen gar nicht mehr viel zu tun. Dies macht es für die Schiedsrichter ungemein schwer, das eigentliche Foulspiel zu erkennen. Der Spieler fällt in beiden Situationen (Foul oder Nicht-Foul) fast auf identische Art und Weise. Man könnte somit durchaus argumentieren, dass in jedem dieser Fälle eine Unsportlichkeit vorliegt. Geahndet wird erstere allerdings nicht, weil dies für den Schiedsrichter noch schwieriger zu erkennen wäre. Er muss sich neben seinen Augen vor allem auf seine Erfahrung und die Erkenntnisse über einzelne Spieler verlassen.

Von der Schwalbe zum Sperling

Wäre es vor diesem Hintergrund nicht an der Zeit, die Schwalbe zumindest in der oben beschriebenen Mischform als Bestandteil des Fußballs zu akzeptieren? Schiedsrichter tun dies längst, wie sich unschwer an der Diskrepanz zwischen der Wahrnehmung vieler Fans und der tatsächlichen Anzahl an Verwarnungen gegen Marko Marin erkennen lässt. Bestraft wird nur, wer eine klassische Schwalbe produziert, die eindeutig und offensichtlich ohne Einwirkung eines Gegenspielers zustande kam. Die wesentlich häufiger anzutreffende Mischform hat sich eingefügt in die Grauzone der versteckten Regelverstöße, die sich aus dem Spiel so wenig vertreiben lassen, wie Thilo Sarrazin aus den Talkshows des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Braucht kein Mensch, ist aber nun mal da.

Es ist Zeit für einen Neubeginn, für breitere Akzeptanz. Dazu ist ein Re-Branding erforderlich, denn der Begriff Schwalbe ist mit viel zu vielen negativen Assoziationen belegt. Ich schlage daher die Bezeichnung Sperling vor. Ebenfalls ein Vogel, aber kleiner und knuffiger, dazu völlig frei von jeglichen Vorbelastungen. Das koordinierte Fallen bei gegnerischem Körperkontakt heißt also ab sofort Sperling. Spieler mit “körperlichen Defiziten” (© Michael Meier) können nun von eigenen wie gegnerischen Fans ohne Vorbehalt als Sperlingkönige bezeichnet werden. Für einen anderen Typ Spieler wurde ein solches Re-Branding in den letzten Jahren bereits erfolgreich vorgenommen: Der aggressive Leader erfreut sich auch heute noch großer Popularität.

Fußball wird – Achtung, Phrase! – im Kopf entschieden. Wenn der aggressive Leader auf dem Platz durch versteckte Fouls versucht sich Respekt zu verschaffen, kann die Antwort von nun an heißen: “Gestatten, Marko Marin, Sperlingkönig. Kommst du mir zu nah, lieg ich am Boden – und du gehst duschen!”

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