Ein großer Schritt in Richtung Klassenerhalt?

Werder Bremen – VfL Wolfsburg 0:3

Dank der Schützenhilfe aus Gladbach, Leverkusen und Hamburg bleibt Werders 5-Punkte-Vorsprung auf den Relegationsplatz nach dem 30. Spieltag erhalten. Dabei lieferte man selbst im Heimspiel gegen Wolfsburg eine der schlechtesten Saisonleistungen ab und verlor folgerichtig mit 0:3. Auf dem Papier ist die Abstiegsgefahr für Werder zwar gesunken (gleicher Vorsprung bei weniger verbleibenden Spielen), doch darüber sprach in Bremen nach dem Spiel zu Recht niemand.

Umstellungen und Korrekturen

Das Team wurde im Vergleich zu den letzten Spielen erneut durcheinander gewürfelt. Petersen blieb auf der Bank, dafür durfte sich Arnautovic in der Spitze versuchen. Kapitän Clemens Fritz verdrängte nach überstandener Verletzung Felix Kroos wieder auf die Bank und lief neben Bargfrede als Sechser auf. Auch in der Viererkette gab es eine Veränderung: Statt Innenverteidiger Pavlovic spielte Innenverteidiger Sokratis als Linksverteidiger, nachdem er zuletzt noch als Rechtsverteidiger aushelfen musste.

Werders Offensivtaktik ging nicht auf, das wurde recht schnell deutlich. Arnautovic wich viel auf seinen gewohnten rechten Flügel aus. Die nachrückenden De Bruyne und Junzovic wurden im Strafraum mit hohen Bällen gefüttert – gegen die Wolfsburger Innenverteidigung um Naldo keine vielversprechende Tatik. Es krankte wie so oft jedoch schon im Aufbauspiel, was auch ein Verdienst der Wolfsburger war, deren Pressing die Handschrift von Dieter Hecking langsam erkennen lässt. Werder leitete die Bälle wie gewohnt meistens auf die Außenverteidiger, denen die aufrückenden Wolfsburger konsequent die Passwege zustellten. Werder Passquote war zudem mit 75% nicht gut genug, um das Kurzpassspiel durch die Mitte erfolgreich durch zu bringen. So konnte Wolfsburg mit relativ wenig Risiko Werder vom eigenen Tor fernhalten. Auf der anderen Seite freute sich Wolfsburg über die üblichen Lücken in Werders System. Beim 0:1 reichen ein Vertikalpass von Kjaer und eine schnelle Drehung von Arnold, um in das Loch vor Werders Viererkette zu kommen. Zudem stehen die Innenverteidiger in der Situation zu weit auseinander, so dass dem Wolfsburger viel Platz für den Torabschluss bleibt. Beim 0:2 spielt Prödl in einer 3 gegen 2 Situation auf Abseits, während Lukimya versucht abzusichern. Olic startet im richtigen Moment, um dies auszunutzen.

Nach einer halben Stunde korrigierte Schaaf seine Aufstellung, brachte Petersen für Prödl und schob Sokratis und Arnautovic auf ihre gewohnten Positionen. Da war das Spiel aber schon fast entschieden, die Bremer Moral erst einmal gebrochen. Torchancen blieben Mangelware. In der zweiten Halbzeit konnte man Werder ansehen, dass man sich nicht aufgeben wollte und den VfL nun noch aggressiver und höher pressen wollte. Die Kompaktheit fehlte dabei jedoch weiterhin, was zu einem gestreckten Spiel mit vielen Räumen im Mittelfeld führte. In dieser Phase konnte man sehen, dass Wolfsburg noch lange keine Spitzenmannschaft ist, denn sie kamen kaum einmal zu guten Kontergelegenheiten. Defensiv gerieten die Wölfe jedoch kaum in Bedrängnis. Die einzige echte Chance für Werder hatte Arnautovic, der jedoch einen Meter vor dem Tor spektakulär den Ball verfehlte. Spätestens als kurz darauf der eingewechselte Yildirim Vierinha im Strafraum foulte und Diego den fälligen Elfmeter verwandelte, war Werders Widerstand gebrochen.

Bewegung in der Trainerfrage

Was bleibt festzuhalten? Werder spielt eine der schlechtesten Saisons der eigenen Bundesligageschichte. Seit Gründung der Bundesliga 1963 hatte man lediglich 1998/99 nach 30 Spielen noch weniger Punkte. Ironischerweise war das der Zeitpunkt, zu dem Thomas Schaaf verpflichtet wurde. Selbst in der Abstiegssaison 1979/80 hatte Werder nach 30 Spieltagen (auf die 3-Punkte-Regel umgerechnet) 4 Punkte mehr auf dem Konto, als heute. Damals verlor man die restlichen vier Spiele. Nach dem Spiel gegen Wolfsburg muss man befürchten, dass dies auch in dieser Saison im Bereich des Möglichen liegt. Am Wochenende hat sich zu den allgemeinen Problemen nun auch noch die befürchtete akute Krise eingestellt.

Dennoch bin ich mir nicht sicher, ob ein sofortiger Trainerwechsel weiterhelfen würde. Ohne einen geeigneten Nachfolger in der Hinterhand wäre dies wohl reiner Aktionismus. Eine Interimslösung aus den eigenen Reihen halte ich für unwahrscheinlich. Am ehesten käme wohl Viktor Skripnik in Frage, für den der Sprung aber sehr groß wäre. Soll man für die restlichen vier Spiele einen Trainer vom Typ “Retter” von außen verpflichten? Wer käme da überhaupt in Frage? Die Gerüchte, Thomas Schaaf könnte noch vor dem Spiel in Leverkusen entlassen werden, wurden denn auch schnell entkräftigt. Wie es nach einem erneuten desolaten Auftritt am kommenden Wochenende aussehen würde, ist jedoch eine andere Frage. Die Tabellenkonstellation erfordert eine sofortige Stabilisierung. Es wäre fahrlässig, den Klassenerhalt für einen einigermaßen versöhnlichen Abschied zum Saisonende aufs Spiel zu setzen. Dass dieser Abschied kommen wird, dürfte inzwischen sehr wahrscheinlich sein. Die Aussagen seitens der Geschäftsführung haben sich in den letzten Wochen deutlich geändert. Inzwischen vermeidet man es tunlichst, von der nächsten Saison zu sprechen. Man spricht Schaaf noch immer das Vertrauen aus, aber nur noch auf die Gegenwart bezogen. Alle weiteren Fragen werden abgewiegelt.

Wie auch immer die Saison 2012/13 am Ende ausgeht, sie wird als das Jahr des Wandels und des Umbruchs bei Werder in die Geschichtsbücher eingehen. Wenn auch vermutlich nicht so, wie man sich das vor der Saison erhofft hat.

Artikel teilen

    9 Gedanken zu „Ein großer Schritt in Richtung Klassenerhalt?

    1. Guter Artikel. Ich halte eine Interimslösung sehr wohl für sinnvoll. Schließlich geht es um den Klassenerhalt. Jetzt ist kein großer Taktikfuchs oder sonst irgendwas gefragt, sondern eine Identifikationsfigur. Da kommt nur Otto Rehhagel in Frage. Der Druck von Außen würde sofort von der Mannschaft weichen und bei den Zuschauern würde eine positive Stimmung aufkommen. Nicht dass ihr mich falsch versteht: ich halte Rehhagel nicht (mehr) für besonders bundesligatauglich, jedoch traue ich ihm zu die mannschaft stark zu reden und die richtigen Leute für den Abstiegskampf aufs Feld zu bringen.

    2. Rehhagel hat als Interimslösung bei der Hertha schon nicht funktioniert. Ich sehs ähnlich wie Tobi: Jetzt noch den Trainer zu wechseln wäre überaus schwierig.
      Taktische Konzepte und Feinheiten sind in der kurzen Zeit nicht durchzusetzen, an Motivation mangelt es dem Team imo nicht und gute Alternativen sind zum jetzigen Zeitpunkt schlicht nicht auf dem Markt.
      Skrippo wäre ein zu großes Risiko, Wolter ist keine Option, Rolff ebenso wenig.
      Heiko Vogel wäre frei verfügbar, als langfristige Alternative aber nicht meine Wunschoption und auch hier ist fraglich, was er in der kurzen Zeit bewirken könnte.
      Stevens wäre theoretisch möglich und unter Umständen sogar erfolgsversprechend, den würde ich hier aber höchstens die letzten Spiele sehen wollen, wobei er nicht mitspielen dürfte.

      Ansonsten gilt: Gegen Leverkusen hilt uns in der jetzigen Situation nicht mal Guardiola, da verlieren wir. Ob Schaaf dann noch im Amt bleibt? Ich weiß es nicht, ich würde meine Hand aber nicht dafür ins Feuer legen.

      Ich hoffe einfach, dass wir den Klassenerhalt packen. Davon gehe ich auch aus.
      Im Sommer wird die Ära Schaaf dann enden, da bin ich mir sicher. Er macht auf mich nicht mehr den Eindruck, als würde er sich selbst noch für den richtigen Trainer für Werder halten.
      Aus Verbundenheit, Pflichtgefühl und aufgrund der sicherlich vorhandenen internen Zusprüche wird er diese Saison zu Ende bringen, danach wird er gehen.
      Als Nachfolger gäbe es imo mehrere interessante Alternativen, wobei man da sehr sorgfältig wählen muss:

      Lieberknecht wäre interessant. Bei Braunschweig leistet er gute Arbeit, trotz sehr geringen Etats.
      Die Mannschaft steht kompakt, spielt intelligent und direkt. Man hat ein gutes Kollektiv aufgebaut und als Drittligaaufsteiger erst eine sehr gesicherte und gute Zweitligasaison gespielt und wird nun, im gerade einmal zweiten Jahr, aufsteigen.

      Vogel wäre verfügbar und frei. Er hat ein klares Konzept, macht einen intelligenten Eindruck und hat bei Basel teilweise gute Arbeit geleistet, überwiegend jedoch an der Seite von Fink.
      Jener hat seine Stärken imo keinesfalls im taktischen Bereich, sodass ich die taktischen Erfolge Basels eher Vogel und dem restlichen (Co-)Trainerteam zuschreiben würde.
      Es sollte einem jedoch zu denken geben, dass Vogel dann ohne Fink bei Basel gescheitert ist. Die Gründe dafür kenn ich nicht, man hatte jedoch personell auch einen ziemlichen Aderlass zu beklagen. Es könnte also daran gelegen haben.

      Solskjaer leistet bei Molde hervorragende Arbeit, bringt das Team deutlich voran und lässt einen sehr ansehnlichen Fußball spielen. Fraglich ist jedoch, ob er nicht bessere Angebote, beispielsweise aus der EPL, bekommen würde. Zudem hat er in Molde die Möglichkeit auf das internationale Geschäft und könnte seine Leistungen dort auch erstmal bestätigen wollen.

      Sascha Lewandowski finde ich persönlich sehr interessant. Er scheint mir bei Leverkusen der Taktikfuchs zu sein, hat in der Jugend bereits gute Arbeit geleistet und auf taktischer Ebene viele interessante Aspekte bei den Profis eingebracht. Zudem scheint man in Leverkusen eher auf Hyypiä setzen zu wollen.
      Fraglich ist, ob er auch alleine funktioniert, ob er genug Ausstrahlung hat, oder, ob er wirklich “nur” der Taktikfuchs im Hintergrund sein kann.
      Ebenso hört man vermehrt, dass es ihn wieder in den Jugendbereich zieht.

      Skripnik leistet bei der U17 gute Arbeit, wäre eine interne Lösung ähnlich Schaaf damals und soll taktisch sehr gut sein.
      Jedoch wird bei ihm immer wieder kritisiert, dass er nach Außen hin zu ruhig wäre, nicht dominant genug. Während der Spiele mache er selten Ansagen. Wenn, dann seien sie jedoch wirksam.
      Ich kann ihn nicht gut genug beurteilen und muss mich da auf die Aussagen anderer verlassen, seine Ergebnisse in der Jugend sind jedoch vielversprechend.
      Er wäre eher mittelfristig interessant, man wird sehen, wie er sich bei der U23 schlägt.

      Ismael ist etwas weiter als Skrippo und leistet bei der U23 Hannovers bereits gute Arbeit. Er ist intelligent, hat eine Vergangenheit bei Werder und war zu Spielerzeiten eine klare Führungspersönlichkeit.
      Er spricht, anders als Skrippo, sehr gutes Deutsch. Zudem wäre er im Sommer ablösefrei.
      Angeblich ködert ihn Allofs/Wolfsburg mit dem U23-Posten bei den Wölfen, bei einem Angebot als Cheftrainer bei Werder würde er das imo allerdings ablehnen.
      Risikofrei wäre er als Cheftrainer allerdings nicht, schließlich konnte er sich im Herrenbereich noch nicht beweisen.

      Kandidaten wie Tuchel und Streich (den ich liebend gerne hier sähe) sollte man von der Liste streichen. Die sind unrealistisch. Entweder, weil sie bessere Alternativen haben (Tuchel), oder, weil sie eine zu hohe Verbundenheit zum eigenen Verein aufweisen (Streich).

      Dennoch bleibt: Die Trainerfrage in Hinblick auf mangelnde Alternativen abzuwiegeln ist meines Erachtens nach falsch. Es gibt Alternativen. Sogar mehrere.
      Jede einzelne davon ergäbe in meinen Augen allerdings nur nach Saisonende Sinn.
      Also: Daumen drücken.

    3. Danke für eure Kommentare!

      Bei Rehhagel wäre ich mir auch nicht sicher, wie sinnvoll das ist. Sicher ist er in Bremen eine Integrationsfigur, aber ob er dem jungen Team Impulse geben kann? Ich fand ihn bei Hertha letztes Jahr sehr enttäuschend.

      Die Shortlist ist interessant, aber irgendwie kann ich momentan gar nicht so richtig darüber nachdenken. Ich will einfach nur, dass die Saison zu Ende geht und wir irgendwie den Klassenerhalt schaffen. Ich hab echt selten die Sommerpause so herbei gesehnt.

      Was mich aber interessieren würde: Wie begehrt ist Werder in Trainerkreisen als möglicher Arbeitgeber. Das war ja im letzten Jahrzehnt überhaupt kein Thema, weil ein Trainerwechsel nie zur Debatte stand. Ich würde aber schon gerne wissen, ob Werder da noch von dem guten Ruf der “Nuller-Jahre” profitiert oder ob man dort eher als Mittelklasseverein wahrgenommen wird. Sind wir für jemanden wie Tuchel wirklich schon zu uninteressant? Was wären denn die besseren Alternativen für ihn? Bayern, Leverkusen und Dortmund scheiden ja wohl aus. Bleibt evtl. Schalke, aber sonst?

    4. Ich habe mich in den letzten Tagen auch gefragt, wer bei einem Abschied Schaafs übernehmen wollte. Werder wird wohl als recht familiärer Verein wahrgenommen, die letzten drei bis vier jahre waren aber doch eher bescheiden was Erfolge angeht (DFB-Pokalsieg ’09 ausgenommen, reine Bundesligapositionen sind gemeint).
      Die Sache ist, wie schon von Tobias angesprochen, wie begehrt Werder ist als Arbeitgeber. Ein ruhiges Umfeld ist vorhanden, die Mannschaft hat Potential, eine gute Infrastruktur ist verfügbar. Darüber hinaus hat man allerdings in den letzten Jahren eine gewisse Stagnation, oder sogar einen Abwärtstrend, erlebt. Was man Trainerkandidaten bieten kann, ist wohl eine berechtigte Frage. Die Aussicht auf die kommenden Jahre ist nicht rosig, keine internationale Teilnahme, das Geld ist knapp. Es müssen wohl noch der ein oder andere Spieler gehen.
      So gesehen kann man wohl eher jemanden locken, der bisher noch nicht viel “geleistet” hat, Werder also eine deutliche Verbesserung darstellt. Tuchel und Streich habe ich gar nicht auf dem Zettel. Ståle Solbakken wäre interessant gewesen, aber der hat sich gerade an den norwegischen Verband gebunden bzw. ist jetzt Kommentator im norwegischen TV.
      Mit der zweiten oder dritten Liga kenne ich mich eher nicht so aus, aber ich finde Wollitz wäre eine gute Option, der hat eigentlich gute Arbeit in Osnabrück und Cottbus geleistet…

    5. Aber bei welchen Bundesligavereinen, außer den oben genannten, sind die Aussichten denn rosig? Stuttgart und der HSV sind derzeit erfolgreicher als wir, leben aber auch mehr vom großen Namen als von Errungenschaften der letzten 2-3 Jahre. Im Vergleich zu Vereinen wie Mainz oder Freiburg, die ja für die nächsten Jahre auch keine regelmäßigen internationalen Teilnahmen einplanen können, ist Werder auch finanziell noch immer ein großer Verein. Unser Etat in dieser Saison ist größer als der von Freiburg und Mainz zusammen. Ich halte Tuchel oder Streich auch nicht für realistisch, aber ich denke trotzdem, dass Werder auch bei etablierten Bundesligatrainern eine Chance hat.

    6. Rehhagel würde halt im Umfeld sofort für eine positive Stimmung sorgen und die braucht es aus psychologischer Sicht auf jeden Fall.
      In der neuen Saison würden mir zwei Trainer sehr gut gefallen:

      – Tuchel (wird mit Mainz nicht international spielen und ist bekennender Werder Fan)

      – Lieberknecht (einfach klasse, was er in Braunschweig geschafft hat)

    7. Allerdings ist Tuchel mit Mainz auf einem guten Weg. Warum sollte er das auf’s Spiel setzen, um nochmal von vorne anzufangen?
      Vielleichthast du recht, und Werder findet einen (meinetwegen Tuchel), der es schafft, der Mannschaft leben einzuhauchen.
      Ich hoffe, Schaaf kann es richten, eventuell auch neue Inpulse zu geben. Ich kann mir schon gut vorstellen, daß er noch brennt. Wenn nicht, sollte er es selber einsehen, und Platz für einen neuen Trainer machen.

      Wie auch immer es kommt – lebenslang grün-weiß!!

    8. Wenn diese Saison etwas Gutes gezeigt hat, dann die Aussicht für (früher oder später) kommende Trainer auch in Krisen in relativer Ruhe arbeiten zu können. Das würde ich als Pro-Werder-Argument nicht unterschätzen. In diesem Sinn hoffe ich, dass sich die Mannschaft mit Schaaf über die Linie retten kann.

    Kommentare sind geschlossen.