Eine Schwalbe macht noch keinen Klose

In den letzten Tagen und Wochen musste Miroslav Klose viel einstecken. Von den Medien, von den eigenen Fans und wohl auch von der sportlichen Leitung des SV Werder. Viele Wochen lang hatte nur seine Torflaute als Thema gegeben. Dabei wurde fast Werders Aufholjagd übersehen (immerhin hatte Werder schon 7 Punkte Rückstand auf Schalke). Dann machte Klose sich seinen Triumph nach den Toren gegen Alkmaar und Dortmund durch das Treffen mit den Bayern selbst wieder kaputt. Danach schienen selbst Tore und Vorlagen nichts mehr retten zu können. Mit aller Macht wurde eine erneute schwache Leistung Kloses gesucht um diese dann mit den vorangegangenen Ereignissen in Verbindung zu bringen.

Dabei wird übersehen, dass Klose nach Bekanntwerden der "Affäre" gegen Espanyol zwar schwach gespielt hat (wie der Rest der Mannschaft auch), vier Tage später gegen Bielefeld jedoch schon wieder ein Tor und eine Vorlage zu verbuchen hatte. Seine Schwalbe im Halbfinal-Rückspiel gegen Barcelona war allerdings zu spektakulär, der Abgang zu deprimierend, um ihn nicht als ultimativen Beweis für Kloses derzeitige Indisponiertheit auszulegen. Der Liebling der Nation demontiert sich selbst durch ein Treffen mit den bösen Bayern und begeht dann – weil er dem Druck nicht standhält – diesen dummen Fehler, die seine Mannschaft den UEFA-Cup Titel kostet. Viel zu "schöne" Geschichte, als dass man auf sie verzichten könnte. Dabei ist es dann auch egal, ob sie nur ein Märchen ist.

Nun will ich Kloses Verhalten nicht verharmlosen. Sich mit einem
anderen Verein zu treffen, ohne den Arbeitgeber darüber zu informieren,
ist schlechter Stil. Dass es dann gerade noch die Bayern sein müssen,
die nun wirklich für Klose nicht in Frage kommen sollten, lässt jedem
Werderfan den Kamm schwellen. Ein großes Problem ist dabei aber auch
die schöne heile Welt, der Miro zu entstammen schien. Der gute Junge,
der immer auf dem Boden geblieben ist. Bescheiden und Schüchtern. Durch
Leidenschaft und Fleiß zum Weltklassespieler gereift. Und das bei uns
im schönen, beschaulichen Bremen. Spätestens als Klose
WM-Torschützenkönig wurde, hätte ihm jeder alles Gute bei der Reise
nach England oder Spanien gewünscht. Einer von uns zu einem absoluten
Topclub, das wär doch was. Hat sich bestimmt auch der Miro gedacht, als
ihm sein Berater irgendwas von "Top-5 Club in Europa" ins Ohr
flüsterte. Die Angebote kamen anscheinend nicht wie erwartet.
Vereinzelte Meldungen über einen Wechsel nach Barcelona oder Manchester
bestätigten sich nie. Dass Klose möglicherweise zu einem Verein
wechseln würde, der sportlich keine wirkliche Steigerung sein würde,
nur des Geldes wegen, hätte Klose niemand zugetraut. Alleine, dass er
ernsthaft darüber nachdenkt ist schon Grund genug, aus allen rosaroten
Wolken zu fallen.

Wie sehr der plötzliche Popularitätsverlust und der mediale
Dauerbeschuss Miro Klose belasten kann ich nicht beurteilen. Seine
Spiele seitdem waren durchwachsen, wie die gesamte Rückrunde über
schon: Ein schwaches Spiel (Hinspiel Barcelona), zwei ordentliche
(Bielefeld, Berlin) und dann eben dieses vom letzten Donnerstag, als er
nach 20 Minuten unter die Dusche musste. Was bringt einen Spieler dazu,
eine solche Schwalbe zu fabrizieren? Die Entscheidung fällt im
Bruchteil einer Sekunde. In 4 von 5 Fällen wird ein Spieler, der wie
Klose in der Situation außen vorbei gehen will, vom Gegenspieler
gefoult. Sein Gegenspieler griff nur kurz nach dem Arm, Klose fiel
jedoch, als wäre ihm das rechte Bein weggezogen worden. Wäre Klose
anders gefallen, hätte er womöglich sogar einen Freistoß bekommen. Man
sollte bei aller Antipathie gegen Schwalben immer bedenken, dass der
Übergang von einem clever herausgeholten Freistoß zur unsportlichen
Schwalbe fließend ist. Klose fand den schmalen Grat nicht und wurde
zurecht bestraft. Möglich, dass seine momentane Situation dazu
beigetragen hat. Doch wäre es wirklich so abwegig, dass so etwas einem
Stürmer nunmal passieren kann und der Zeitpunkt nur ein Zufall war?

Wie die Bildzeitung darauf kommt, Klose sei "von den eigenen Fans
gnadenlos ausgepfiffen" worden, ist mir schleierhaft. Behauptungen,
Klose hätte die gelbrote Karte absichtlich provoziert, weil Werder ihm
den Wechsel nach München versaut hat, will ich gar nicht erst
kommentieren. Merkwürdig war die Behauptung, die im Rahmen des Spiels
gegen Hertha aufgestellt wurde, Klose sei momentan nicht in der Lage
selber zu vollstrecken. Vor einer Woche hat er noch das Gegenteil
bewiesen. Eine Torvorlage von Klose wird ja ohnehin als
selbstversändlich vorausgesetzt. Klose soll doch bitteschön gut
spielen, Tore vorbereiten, selbst treffen, um jeden Ball kämpfen und
hinten aushelfen. Kloses herausragende Leistungen der vergangenen Jahre
haben dazu beigetragen, diese Erwartungshaltung aufzubauen. Genau wie
sein vorbildliches und sportlich-faires Verhalten zur Verklärung der
Person Miro Klose beigetragen hat. Beides wurde in dieser Rückrunde
relativiert. Die sich hieraus ergebende neue Situation ist nicht nur
eine Herausforderung für Klose sondern auch für uns Werderfans.

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