Ende einer gescheiterten Beziehung

Rudi Völler, Karl-Heinz Riedle, Claudio Pizarro, Ailton, Miroslav Klose – Werder Bremen hat eine lange und erfolgreiche Stürmertradition. In den letzten Jahren ist es jedoch nicht gelungen, einen würdigen Nachfolger dieser großen Namen zu etablieren. Mit Hugo Almeida verlässt nun der aussichtsreiche Kandidat nach viereinhalb insgesamt enttäuschenden Jahren den Verein.

Der beste Stürmer der letzten vier Jahre?

Im Sommer 2007 wechselte Miro Klose zu Bayern München. Wer ist der beste Stürmer, den Werder seitdem verpflichtete? Ganz klar, Claudio Pizarro. Und dahinter? Wird es schon eng. Am ehesten kann man noch Boubacar Sanogo nennen, der wenigstens ein halbes Jahr lang ein wirklich guter Klose-Nachfolger war. Die restliche Liste der Bremer Verpflichtungen für den Angriff liest sich dann so: Said Husejinovic, Marko Futacs, Pascal Testroet, Marcelo Moreno, Sandro Wagner, Marko Arnautovic. Wie man sieht hat Werder eher auf junge Spieler gesetzt, die den Durchbruch (noch) nicht geschafft haben.

Mit Pizarro hatte man immerhin eine klare Nummer 1 im Angriff, hinter dem sich die anderen Stürmer langsam an die erste Elf heranpirschen sollten. Seitdem Thomas Schaaf nur noch mit einer Spitze spielt, ist diese Aufgabe nicht unbedingt einfacher geworden (wobei hier die Frage zu stellen ist, ob die Systemumstellung nicht auch an mangelnder Qualität im Angriff lag). Bleibt die Wahl, ob man lieber mit Platzhirsch Pizarro oder den Mittelfelddribblern Marin und Hunt in der Reihe dahinter konkurrieren möchte.

Der verhinderte Weltklassestürmer

Während diese Konkurrenzsituation für den einen oder anderen Stürmer vielleicht eine zu große Aufgabe darstellt(e), ist Hugo Almeida vor allem an sich selbst gescheitert. Die Zweifel an seinen Fähigkeiten sind in Fankreisen trotz seines Kultstatus zwar nie ganz verschwunden. Schaaf und Allofs jedoch machten immer wieder deutlich, dass sie im Portugiesen ein riesiges Sturmtalent sahen. Je genauer man Almeida beobachtete, desto mehr konnte man ihre Einschätzung nachvollziehen. Trotz seiner teils ungestümen Bewegungen brachte er alles mit, was es für eine große Karriere als Mittelstürmer braucht: Schnelligkeit, Physis, Kopfballstärke, Durchsetzungsfähigkeit. Und dann dieser Wahnsinnsschuss!

Leider konnte man über die Jahre nur eine sehr langsame Verbesserung bei Almeida beobachten. Zwar spielte er selten wirklich schlecht, hatte im Gegensatz zu etwa Markus Rosenberg nicht mit längeren Formkrisen zu kämpfen, doch die offensichtlichen Schwächen in seinem Spiel hat er auch im Winter 2010 noch nicht beseitigt. Noch immer verspringt ihm bei der Mitnahme zu häufig der Ball. Noch immer fehlt ihm vor dem Tor die Übersicht. Noch immer geht bei ihm Schusshärte über Genauigkeit. Noch immer fehlt ihm im Zweikampf die Cleverness und er begeht zu viele Stürmerfouls. Noch immer lässt er sich zu Dummheiten, wie der Tätlichkeit im Spiel gegen St. Pauli, hinreißen. Ein Spiel, dass seine Werder-Karriere (wenn auch etwas extrem) gut zusammenfasste.

Trotz dieser Mankos ist Almeida ein guter Stürmer und genau hier liegt das Problem: Er kommt damit durch, nicht alles aus sich heraus zu holen. Besonders Klaus Allofs wird nicht müde zu betonen, dass Hugo das Zeug dazu hat, einer der besten Stürmer Europas zu werden. Davon ist er noch ein gutes Stück entfernt und angesichts des fortschreitenden Alters dürfte es für einen solchen Leistungssprung auch bald zu spät sein. Momentan macht er den Eindruck eines in der Entwicklung stehengebliebenen Hochbegabten.

Anspruch und Realität

Woran es am Ende gelegen hat, wird wohl nur Hugo Almeida selbst wissen. Er hat Werder – wie viele andere vor ihm – als Sprungbrett zu einer großen internationalen Karriere gesehen. Eine Zwischenstation, die ihn in den Fokus der europäischen Elite bringen sollte. Nach viereinhalb Jahren an der Weser kann er noch immer kaum Deutsch, was in der heutigen Fußballwelt nicht ungewöhnlich sein mag, jedoch nicht für große Identifikation mit dem Verein spricht. Wesentlich schlimmer für Almeida ist jedoch, dass er es in diesen viereinhalb Jahren nicht zum unumstrittenen Stammspieler auf seiner Durchreisestation brachte.

Nicht weiter verwunderlich also, dass Klaus Allofs nicht bereit war, dem Spieler die geforderte satte Gehaltserhöhung zu gewähren. Kurz vor Weihnachten fand er ungewöhnlich deutliche Worte für Almeidas Verhalten und stellte klar, dass unter diesen Umständen eine Vertragsverlängerung kein Thema mehr war. “Erwartungshaltung des Spielers und das, was wir machen können und für sinnvoll halten – da liegen wir meilenweit auseinander”, sagte Allofs in der Kreiszeitung. Als “total unprofessionell” bezeichnete er Almeidas Verhalten im Spiel gegen St. Pauli und stellte dabei auch dessen Mannschaftsdienlichkeit in Frage: “Er muss sich immer fragen, was er für die Mannschaft tun kann. Aber tut er das?”

Ersatz aus den eigenen Reihen?

Nach diesen Auseinandersetzungen ist eine vorzeitige Trennung die einzig sinnvolle Lösung. So bekommt man zumindest noch eine kleine Ablöse und muss keinen unzufriedenen Spieler durch den Abstiegskampf schleppen. Fraglich ist jedoch, wie Werder den Qualitätsverlust kompensieren will. Immerhin war Almeida in weitgehender Abwesenheit Pizarros Werders torgefährlichster Stürmer und die Alternativen Wagner und Arnautovic haben bislang nicht bzw. nicht vollständig überzeugt. Gleichzeitig stellt Allofs jedoch klar, dass kein Geld für einen großen Transfer jenseits der 3 Mio. Euro zur Verfügung stünde. Für weniger dürfte man jedoch kaum gleichwertigen Ersatz bekommen.

Deshalb könnte nun die Stunde der Nachwuchsstürmer schlagen. Mit Lennart Thy, Pascal Testroet und dem etwas stagnierenden Onur Ayik stünden junge Spieler bereit, die ungeduldig auf ihre Chance in der Profimannschaft warten. Nun wäre die Gelegenheit gut, sie in den Kader einzubauen. Es ist für sie sicher einfacher, sich zunächst im Abstiegskampf zu beweisen, als direkt auf Champions-League-Niveau. Kurzfristig dürfte man trotzdem weiterhin abhängig von Pizarro bleiben.

Trotz meiner Kritik wünsche ich Hugo Almeida alles Gute bei Besiktas. Ich habe ihn immer gerne gemocht und bin schon etwas traurig, dass er seinen absoluten Durchbruch bei Werder nicht geschafft hat.

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    12 Gedanken zu „Ende einer gescheiterten Beziehung

    1. Naja, was soll man sagen. Letztlich geht Almeida nach dem Sprungbrett nicht zu einem großen europäischen Club, sondern “nur” zu Besiktas, die ihm immerhin viel Geld zahlen.

      Du hast es schon ganz gut zusammengefasst: eigentlich hatte Almeida alle Anlagen, aber leider nichts draus gemacht. Und das letzte Interview von Allofs, wo er zum Rundumschlag gegen Hugo ausgeholt hat, sagt ja schon einiges. Es muss viel passiert sein, bevor sich Allofs zu einer Generalabrechnung mit einem Spieler hinreißen lässt. Wahrscheinlich ist hinter den Kulissen einiges vorgefallen, von dem wir nix mitbekommen haben.

      Das einzige Problem, was ich bei dem Verkauf sehe, ist der fehlende Ersatz. Pizarro dauerverletzt, Arnautovic noch nicht ganz angekommen und Wagner, über den ich keine Worte verlieren möchte. Und ich glaube, dass der Abstiegskampf für die jungen Spieler eher ein zweischneidiges Schwert sein wird. Denn es wäre sicherlich idealer, wenn sie in einem intakten Team erst Erfahrungen sammeln könnten.

      P.S. Schick hier ;)

    2. Klar, in gewisser Weise wäre es einfacher, wenn sie wie Valdez damals als Joker in einer funktionierenden Mannschaft ihre ersten Erfahrungen sammeln könnten (das gilt auch für Wagner). Allerdings ist die Erwartungshaltung momentan nicht so hoch und es gibt mehr Chancen auf Spielzeit. Da erwartet niemand von einem Thy eine Weltklasseleistung. Das beste Beispiel ist Dominik Schmidt. Der hat nicht brillant gespielt, aber gekämpft und seinen Job anständig gemacht. Das wurde von den Fans nicht nur honoriert sondern hat viele richtig begeistert. Ich hoffe, dass mindestens einer aus unserem Sturm-Nachwuchs die Chance nutzt und sich fest in den Kader spielt. Aber klar, die Verantwortung müssen im Abstiegskampf andere tragen.

      P.S. Danke :)

    3. Die Ente bleibt draußen? Also aus dem Layout? So aber nicht.

      Ansonsten guten Rutsch und so…

    4. Schade, dass Hugo geht – noch “schader” wäre es, wenn er die Rückrunde gespielt hätte, ohne mit dem Herzen voll dabei zu sein.

      Arnautovic sehe ich gar nicht als möglichen Hugo-Ersatz an. Meiner Ansicht nach ist Arni ein Spieler für das offensive Mittelfeld, vielleicht noch hängende Spitze. Vorne Lücken in die Abwehr zu reißen ist m.M. nach gar nicht sein Spiel. Eher mit Tempo und Platz was kreatives machen.

      Ein weiterer ausgesprochener Mittelstürmer wäre schon ein feines Nach-Weihnachtsgeschenk.

    5. Ich bin mal gespannt, ob da noch nachgelegt wird. Die Spekulationen schießen ja wieder in den Himmel. Allofs hat ja neulich gegenüber der Kreiszeitung oder so gesagt, dass man gut augfgestellt sei. Ich hoffe nicht, dass er damit Wagner meint.

    6. Vermutlich meint er (auch) Wagner. Was soll er denn auch sagen. Ich glaube nicht, dass Allofs diesen Winter viel Geld ausgeben wird. Wenn Werder nächste Saison nicht international spielt, dürfte es einen Sparkurs geben, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass man für die Gehälter ans Festgeldkonto gehen wird. Bekommt man für 2-3 Millionen überhaupt einen Stürmer, der besser als Wagner ist?

      @Simon: Ich sehe Arnautovic schon (auch) als Stürmer, wenn auch ein ganz anderer Typ als Almeida. Er spielt sehr raumgreifend und hat nicht die Strafraumpräsenz eines Pizarro, aber als “falsche Neun” kann man ihn in unserem 4-2-3-1 schon einsetzen, wenn die Spieler dahinter die Räume entsprechend nutzen. Idealerweise sollte er aber auf der Außenbahn spielen und Pizarro in der Mitte.

      @Andre: Sei froh, dass ich nicht das Badewasser abgelassen habe!

    7. Ich stell mich auch für ‘ne Kiste Kieler Sprotten auf den Platz. Und schlimmer wird es auch nicht. :) Ja, klar, er kann sich aus taktischen Gründen auch kaum hinstellen und verkünden, dass Bremen händeringend einen Almeida-Ersatz braucht, aber ich glaube nicht, dass Wagner die Qualität für die BuLi mitbringt. Ich lasse mich da auch gerne eines Besseren belehren, doch außer Einsatz hat man nicht viel gesehen, was ja schonmal mehr ist, als mancher seiner Kollegen, doch Torgefahr geht einfach nicht von ihm aus.

      Aber wie wird der Sparkurs aussehen, dass ist die Frage. Ich dachte immer, man habe den Kader so aufgestellt, dass man auch mal ein, zwei Jahre ohne Europa auskommt und man dennoch nicht ausdünnen müsse. Klar, dicke Transfers werden dann nicht passieren. Aber nächste Saison verschwindet Frings’ dicker Vertrag aus den Büchern (oder schrumpft erheblich), vielleicht geht Merte bei einem entsprechenden Angebot. Wenn man denn noch ein paar Bankdrücker aus den Lohnrechnungen streichen kann, sollte doch für moderate Transfers ein bißchen Spielraum da sein. Aber egal, alles sowieso Spekulatius. :)

    8. @Conti: Danke für den Link, hab den Artikel damals auch gelesen, aber ist jetzt im Rückblick auch wieder interessant.

      @Stephen: Das mit der Torgefahr ist aber etwas, das noch kommen kann. Wagner hat ja eigentlich in allen Bereichen ganz vernünftige Ansätze, nur halt noch nicht so, dass sie ihm auf Bundesliganiveau schon helfen. Ich hoffe noch auf eine Steigerung.

      Was die finanzielle Situation angeht: Werder betont seit Jahren, dass der aktuelle Kader nur mit Einnahmen aus dem internationalen Geschäft zu stemmen ist. Ein Jahr sollte eigentlich zu überbrücken sein, aber das Risiko werden unsere hanseatischen Kaufleute man nicht eingehen. Finde ich auch gar nicht so schlimm, wenn man nicht international spielt, kann man ruhig den Kader verkleinern. Die Rückrunde wird dann zum Prüfstein für einen Großteil der Spieler, ob man mit ihnen einen Neuanfang machen kann/will.

      Allerdings muss ich schon zugeben, dass ich das Thema Platz 5 noch nicht ganz abgehakt habe. Wenn der Start in die Rückrunde gelingt, könnte da noch was gehen. Aber wann gelingt uns schon mal der Start in die Rückrunde…

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