Meine EM: Dänemark gefällt sich als Außenseiter

Als Underdog fühlen sich die Dänen traditionell wohl, was nicht nur am Überraschungserfolg bei der EM 1992 liegt. Trainer Morten Olsen ließ kürzlich verlauten, dass er die Außenseiterrolle für sein Team als Vorteil sieht. Anders als die drei Kontrahenten muss Dänemark nicht ins Viertelfinale kommen und kann deshalb ohne großen Druck ins Turnier gehen. Eine komfortable Position: Scheidet man wie erwartet aus, kann man zur Erklärung auf die starken Gegner verweisen. Kommt man weiter, kann man eine Sensation feiern. Man sollte diese Denkhaltung jedoch nicht überstrapazieren, denn sie kann auch den eigenen Spielern als Alibi dienen. Das wäre fatal, denn so groß ist der Abstand zu den Gruppengegnern nicht. Das weiß auch Olsen, der seinem Team deshalb eine reelle, wenn auch kleine Chance einräumt.

Kollektiv bügelt individuelle Schwächen aus

Zwar ist Dänemark gemessen an den Einzelspielern tatsächlich das schwächste der vier Teams in Gruppe B, doch ist man mannschaftlich deutlich näher dran an der Konkurrenz. Das bekamen in der Qualifikation schon die Portugiesen zu spüren, die sich durch die Play-Offs quälen mussten, während Dänemark als Gruppensieger die direkte Qualifikation feierte – durch einen 2:1-Heimsieg über Portugal. Bei den Skandinaviern macht es sich bezahlt, dass man seit nunmehr zwölf Jahren unter dem selben Coach spielt und trainiert. Olsen hat seiner Mannschaft sein System inzwischen nicht nur umfassend eingetrichtert, sondern auch immer weiter verfeinert. Auch weil es sich im Grunde um ein handelsübliches 4-2-3-1 handelt sind es gerade die Details, die den Unterschied ausmachen.

Niklas Bendtner beispielsweise zeigt in seiner Rolle als beweglicher Mittelstürmer nur noch wenig Gemeinsamkeit mit dem phlegmatischen Egoisten, den er bei Arsenal häufig darstellte. Er bewegt sich viel, ist immer anspielbar und hält die Bälle klug bevor er sie für die aufrückenden Mitspieler ablegt. Hinter ihm zieht mit Christian Eriksen einer der fähigsten Zehner des Turniers die Fäden. Während Bendtner viel mit dem Rücken zum Tor agiert, ist Eriksen ein Spieler, der Bälle schnell zur Torseite verarbeitet und dann mit viel Übersicht verteilt. Den beiden gilt es ihren Wirkungskreis zu beschneiden, dann hält man die Dänische Offensive weitgehend unter Kontrolle.

Zu abhängig von Eriksen

Defensiv lassen sich die Dänen (ähnlich wie die Holländer) selten bloßstellen. Chancen bekommt man von ihnen nur selten auf dem Silbertablett serviert, sondern man muss sie sich mühevoll erarbeiten. Die beiden Sechser agieren eher abwartend und konzentrieren sich auf Balleroberung und Aufbauspiel. Bei letzterem werden sie vom Innenverteidiger Daniel Agger unterstützt, der aus der Viererkette in puncto individuelle Klasse herausragt. Bei Ballverlusten verschiebt die gesamte Mannschaft sehr diszipliniert und macht die Räume für den Gegner eng.

Letztlich halte ich Dänemark individuell für zu beschränkt und zu abhängig von Einzelspielern (ein Ausfall Eriksens könnte nicht kompensiert werden), um im Turnier mehr als nur eine Außenseiterrolle einzunehmen. In den Testspielen gegen Russland und Brasilien zeigte man sich ungewohnt verwundbar. Zudem müssen sie den verletzten Stammtorwart Thomas Sörensen ersetzen. Ich halte Dänemark jedoch auch für zu stark, um in der starken Gruppe B sang- und klanglos unterzugehen. Sie werden den Favoriten das Leben sehr schwer machen und gerade für Deutschland könnten sie der am unangenehmsten zu spielende Gegner sein. Da für ein Weiterkommen jedoch zwei der Favoriten taumeln müssten, traue ich ihnen maximal Platz 3 zu. Und auch das wäre ein Erfolg.

Meine Prognose: Bei allen Sympathien sehe ich Dänemark doch auf dem letzten Platz in Gruppe B.

Dänemarks Gruppengegner

Niederlande
Deutschland
Portugal

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