Meine EM: Ein Schuss ins Knie

Deutschland – Italien 1:2

Italien schlägt Deutschland in einem sehr guten Spiel verdient mit 2:1 und zieht ins Finale ein. Dieses Spiel hat drei große Sieger: Mario Balotelli, den Doppeltorschützen, Andrea Pirlo, den überragenden Mann auf dem Feld, und Cesare Prandelli, der Löw in diesem Spiel ausgecoacht hat.

Nur ein Trainer zieht sein Konzept durch

Beide Trainer hatten vor dem Spiel angekündigt, dem jeweils anderen das eigene Spiel aufzwingen zu wollen. Prandelli unterstrich dies, indem er sein Team bis auf Rückkehrer Chiellini (für Abate) unverändert ließ und mit Viererkette, Raute im Mittelfeld un zwei Spitzen agierte. Löw stellte hingegen sein Team um, brachte Gomez und Podolski zurück ins Team und überraschte alle mit der Aufstellung von Toni Kroos als zusätzlichem Mittelfeldmann. Dadurch ergab sich eine etwas kuriose Raumaufteilung im 4-2-3-1 mit einem rochierenden Özil und keinem echten Rechtsaußen. Kroos sollte Pirlo unter Druck setzen und erfüllte diese Aufgabe bis zum Seitenwechsel weitgehend gut.

Beide Mannschaften versuchten sich an hohem Pressing und schoben ihre Abwehrreihen weit nach vorne. Durch die Aufstellungen beider Teams konzentrierte sich das Spiel zudem enorm auf das Zentrum, wodurch das Spielfeld extrem verknappt wurde. In der ersten Halbzeit standen häufig alle 20 Feldspieler in einem Quadrat von 25 mal 25 Metern. Deutschland versuchte mit seiner asymmetrische Aufstellung häufig das Spiel nach links zu verlagern, um dann mit einem Pass auf die rechte Seite Boateng in eine gute Flankenposition zu bringen, was einige Male ganz gut gelang. Trotzdem waren es die Italiener, denen diese Spielweise mehr zusagte. Löw muss sich hier schon Fragen gefallen lassen, warum er den Vorteil der Überzahl auf den Außen gegen die Raute zugunsten eines kompakteren Mittelfeldes geopfert hat. De Rossi und Marchisio auf den Halbpositionen wurden viel zu selten aus dem Zentrum zum Doppeln auf die Außenbahn gezogen.

Deutsche Umstellungen können Pirlo nicht stoppen

Löws Konzept ging nicht so auf, wie erhofft, auch weil Schweinsteiger wieder ein schwaches Spiel ablieferte (er wirkte auf mich auch einfach nicht fit). Es ging aber auch deshalb nicht auf, weil man allen Vorsichtsmaßnahmen zum Trotz Andrea Pirlo vor dem 0:1 unglaublich viel Zeit ließ. Özil setzt Pirlo unter Druck, zwingt ihn in die Rückwärtsbewegung und geht dann nicht nach. So kann sich Pirlo in aller Ruhe im Mittelkreis drehen, hat fünf Meter Platz vor sich und die nötige Zeit den punktgenauen Pass auf Chiellini zu spielen. Im Eins gegen Eins lässt sich Hummels zu einem unüberlegten Herausrücken verleiten und Cassano schlägt blitzschnell zu. Ball mit Rechts um  Hummels herumgelegt und direkt mit Links geflankt. Ganz große Klasse! Balotelli lässt Badstuber im Kopfballduell keine Chance.

Beim 0:2 schaltet die deutsche Mannschaft nach einer eigenen Ecke nicht schnell genug um. Dieses Mal ist es Montolivo, dem man sehr viel Raum für seinen langen Pass lässt. Dann schießt sich die deutsche Absicherung an der Mittellinie selbst ins Bein: Podolski spielt auf Abseits, während Lahm fünf Meter weiter hinten einen etwas orientierungslos wirkenden Kreisel läuft. Balotelli nimmt den Ball perfekt mit und hämmert ihn in den Winkel. Vor, zwischen und nach den Toren gab es immer wieder Phasen, in denen die deutsche Mannschaft Druck aufbauen konnte und zu Torchancen kam. Diese waren nur selten zwingend, Abschlüsse aus guten Positionen blieben Mangelware und die Fernschüsse entschärfte Buffon gewohnt souverän.

Wechsel bringen nur kurzen Aufschwung

Zur Pause stellte Löw um, brachte mit Klose und Reus für die schwachen Gomez und Podolski zwei beweglichere Spieler. Reus spielte auf dem rechten Flügel und sorgte gleich zu Beginn der zweiten Halbzeit mit einige schnörkellosen Läufen für Gefahr. Özil konnte nun vermehrt aus der Mitte heraus agieren, während Kroos auf die rechte Seite wechselte. Die zehn Minuten nach der Pause waren die besten von Deutschland, doch danach ebbte das Offensivspiel völlig ab. Deutschland schaffte es in der letzten halben Stunde des Spiels kaum einmal, einen durchdachten Angriff auszuspielen. Die Italiener zerlegten die deutsche Mannschaft nach und nach in die Einzelteile. Das Zentrum wurde verbarrikadiert und die Bälle auf die Außen umgeleitet, wo die deutschen Spieler erschreckend wenig mit ihnen anzufangen wussten. Es gab immer häufiger Situationen, in denen der ballführende Spieler lange keine Anspielstation finden konnte. Dazu kam die immer greifbarer werdende Nervosität die zu vielen Ungenauigkeiten in der Ballverarbeitung führte. Dadurch zirkulierte der Ball langsamer als gewohnt – zu langsam, um damit Löcher in der Mitte zu reißen oder über die Außenpositionen gefährlich vors Tor zu kommen.

Als Löw aufmachte und Müller für Boateng brachte, bekam Italien die Kontergelegenheiten auf dem Silbertablett serviert. Fast wäre es noch einmal spannend geworden, weil die Italiener diese Gelegenheiten kläglich vergaben. Özils Elfmetertor kam jedoch zu spät, um noch einmal Druck auf Italien aufzubauen. Bezeichnend, dass die letzte Aktion des Spiels ein kurz ausgeführter Freistoß war, statt den Ball mit letzter Hoffnung und vollster Überzeugung in den Strafraum zu schlagen. Es wird eine Menge Fragen geben nach diesem Spiel, angefangen bei der gewählten Taktik und der Leistung einzelner Spieler. Tatsache ist, dass Löw sein System an Italien angepasst hat und damit gescheitert ist. Er hat eigene Stärken geopfert und dennoch dem Gegner nicht die Stärke genommen. Auch der Trainer wird deshalb in der Kritik stehen, nicht jedoch seine hervorragende Arbeit, die er seit 2004 in der Nationalmannschaft geleistet hat.

Am Ende steht mit Italien der verdiente Sieger im Finale gegen Spanien. Dort werden die beiden Teams, die die drei letzten Welt- und Europameisterschaften gewonnen haben, auch diesen Titel unter sich ausmachen.

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