Meine EM: Irland kann die Großen ärgern

Ein kleines Fußballland mit einem in der Vergangenheit überaus erfolgreichen, aber auch ziemlich alten Trainer. Was kann dabei schon rauskommen? Diese Frage beantwortete Griechenland vor acht Jahren eindrucksvoll. Giovanni Trapattonis Iren könnten durchaus in diese Fußstapfen treten, zeigen sie doch deutliche Parallelen zum vorletzten Europameister.

Kompakt, defensiv, konterstark

Auf den ersten Blick sieht der irische Kader alles andere als furchteinflößend aus. Das Team besteht aus überwiegend erfahrenen, soliden Spielern, wobei niemand mit besonderer Klasse herausragt. Die bekannteren Namen (Keane, Duff, O’Shea, Given) haben ihre besten Jahre eher schon hinter sich. Trainer Trapattoni gilt mit seinen 72 Jahren als Relikt einer vergangenen Fußballära. Dennoch sollte man nicht den Fehler machen, Irland bei dieser Europameisterschaft zu unterschätzen. Trapattoni mag keine innovativen Konzepte vorzuweisen haben, aber sein altes Handwerk beherrscht er nach wie vor. Seiner Mannschaft trichterte er ein sehr defensiv ausgerichtetes 4-4-2 ein, bei dem sich – wie heute im Weltfußball üblich – einer der Stürmer häufig ins Mittelfeld fallen lässt.

Insgesamt steht Irland sehr kompakt, die Abstände und Abläufe zwischen den einzelnen Positionen sind sehr gut abgestimmt. Hier macht es sich bezahlt, dass Trapattoni auf einen festen Stamm an Spielern gebaut hat. So muss Irland gar nicht so tief verteidigen, wie andere Teams ähnlicher Leistungsstärke. Durch die aufgerückten Viererketten macht man das Spiel im Mittelfeld unglaublich eng für den Gegner. Es dürfte spannend sein, wie die Teams aus Gruppe C damit zurechtkommen, allen voran die ballbesitzorientierten Spanier. Neben der Raumverknappung hat das System einen weiteren Vorteil: Die Bälle werden oft schon relativ hoch gewonnen. Durch schnelles Umschalten lassen sich so gute Kontersituationen erzwingen, die das Team dann im Rahmen der eigenen Möglichkeiten effizient ausnutzt.

Stolperstein ohne Plan B

Schwieriger dürfte es hingegen werden, wenn der Gegner nicht gezwungen ist, nach vorne zu spielen. Nicht umsonst blickt man den Spielen gegen Spanien und Italien optimistischer entgegen als der ersten Partie gegen Kroatien. Die Kroaten werden die Iren beobachtet haben und eher abwartend ins Spiel gehen. Ab dem 2. Gruppenspiel wird Irland jedoch voll auf den Außenseiterstatus hoffen. Wenn Spanien und Italien einen Weg durch das irische Abwehrdickicht finden und in Führung gehen, wird sich die Beschränktheit des Systems offenbaren. Konstruktives Spiel nach vorne ist nicht Sache der Iren. Gut möglich jedoch, dass man sich von den übermächtigen Gegnern zwar hinten rein drücken lässt, die Torchancen jedoch minimiert. Die Spiele von Chelsea in der Champions League sind noch in den Köpfen präsent und Irland traue ich am ehesten eine ähnliche Spielweise zu.

Attraktiven Fußball werden wir von Irland kaum sehen. Die letzten Testspiele (1:0 gegen Bosnien-Herzigowina, 0:0 gegen Ungarn) deuten nicht auf prickelnde Spiele hin. Faszinierend könnten die Spiele dennoch werden und es wäre keine Sensation, wenn man am zweiten Spieltag zum Stolperstein für Spanien werden würde. Ob es jedoch für einen Coup im Stile der Griechen 2004 reichen könnte ist höchst fragwürdig. Andererseits wäre es auch kein wirklicher Coup, wenn man schon vorher damit rechnete.

Prognose: Irland ist durchaus eine Überraschung zuzutrauen. Ich glaube dennoch, dass Spanien und Italien Mittel gegen sie finden werden, weshalb sie knapp ausscheiden.

Irlands Gruppengegner

Spanien
Italien
Kroatien

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