Meine EM: Italien gegen den Rest der Welt

Es gibt wohl keine andere Fußballnation, gegen die in Deutschland so viele Vorurteile verbreitet sind, wie gegen Italien. Diese Vorurteile mögen alle ihren wahren Kern haben, doch die meisten von ihnen werden hierzulande gerne deutlich überzogen. Zwei dieser Vorurteile betreffen direkt die italienische Mannschaft bei dieser EM – und beide werden großen Einfluss auf das Abschneiden des Teams von Cesare Prandelli haben.

Offensive italienische Raute

Eines der größten Vorurteile, die es gegen die Italiener gibt, ist, dass sie nur defensiven Fußball spielen können. Der Catenaccio ist noch immer das erste Spielsystem, das vielen einfällt, wenn sie an den italienischen Fußball denken. Bezeichnender Weise hat Italien keinen seiner vier WM-Titel mit Catenaccio gewonnen. Dass Italien im Halbfinale der WM 2006 gegen Deutschland die offensivere Mannschaft war, wird hier ebenso gerne verdrängt, wie die Art und Weise, wie Deutschland über Jahrzehnte hinweg zu seinen Erfolgen gekommen ist. Da hilft es auch nicht, dass der AC Milan Ende der 80er Jahre mit offensivem Spiel den Fußball revolutionierte und die Serie A heute vor allem von Teams geprägt wird, die eher offensiv ausgerichtet sind.

Auch die Italienische Nationalmannschaft pflegt dieser Tage einen offensiven Stil. Den Italienern bleibt auch kaum eine andere Wahl, denn ihre Defensivabteilung hat in den vergangenen Jahren deutlich an Qualität eingebüßt. Die rekordverdächtigen zwei Gegentore, die man in zehn Qualifikationsspielen kassierte, sollten nicht darüber hinweg täuschen. Beim jüngsten 0:3 gegen Russland wurde wieder einmal deutlich, dass die Viererkette alles andere als sattelfest und immer mal für einen individuellen Fehler gut ist. Dennoch (oder vielleicht gerade deshalb) ist Italien eine der interessantesten Mannschaften in diesem Turnier. Das liegt auch daran, dass Prandelli ein typisch italienisches System spielen lässt, nämlich ein 4-3-1-2 (in Bremen in leichter Variation auch als Rautensystem bekannt).

Vor der Abwehr lenkt der großartige Andrea Pirlo, der bei Juve in dieser Saison seinen dritten Frühling erlebte, das Spiel der Italiener. Links und rechts wird er von lauf- und spielstarken Allroundern unterstützt. De Rossi, Marchisio, Motta und Nocerino stehen dafür zur Auswahl – allesamt keine vorwiegend destruktive Spieler, so dass die Dreifachsechs nur auf dem Papier für eine defensive Spielweise steht. Davor kommt mit Montolivo voraussichtlich ein eher klassischer Zehner zum Einsatz (ich werde hier jetzt nicht erklären, was ein Trequartista ist und was ihn vom Spielmacher wie wir ihn kennen unterscheidet). Im Angriff steht mit di Natale ein sehr erfahrener Spieler zur Verfügung, der seinen Zenit schon ein Stück weit überschritten hat. Deshalb ist es wahrscheinlicher, dass die beiden Stürmer zum Einsatz kommen, die sich darum streiten, wer das größere enfante terrible ist: Antonio Cassano und Mario Balotelli. Neben ihrem großen Ego eint beide jedoch auch herausragendes fußballerisches Können und es wird interessant zu sehen, wie die beiden als Doppelspitze harmonieren.

Ein Hauch von 2006

Das zweite Vorurteil, mit dem der Calcio zu kämpfen hat, ist die Korruption der seiner Protagonisten. Diesem wird durch immer neue Skandale weiterer Nährboden gegeben. Seit dem Calciopoli-Skandal vor sechs Jahren ist der italienische Fußball nachhaltig ins Wanken geraten. Die Serie A hat sich noch immer nicht davon erholt und gilt längst nicht mehr als das Maß aller Dinge. Das Aufbrechen der Dominanz von Juventus und Milan hat aber auch dazu geführt, dass andere Mannschaften mit interessanten Ansätzen und Systemen Erfolge feiern konnten (man denke etwa an Palermo, Neapel oder Udine). Die unmittelbare italienische Reaktion auf den Skandal sah aber so aus: Weltmeistertitel für die Squadra Azzurra und ein Jahr später der Champions League Sieg für den AC Milan.

Skandale schweißen die italienische Nationalmannschaft traditionsgemäß besonders eng zusammen. Aus dem gemeinsamen Gefühl des an den Pranger gestellt Werdens entsteht eine besondere Siegermentalität, die sie außerhalb Italiens nicht eben beliebt macht. Italien ist immer dann besonders stark, wenn der Rest der Welt sich gegen sie verschworen zu haben scheint. Schon 1982 wurde man nach einem Skandal Europameister. Nicht wenige Italiener sehen den neuerlichen Wettskandal im Vorfeld der EM daher als gutes Omen für das Turnier.

Dies ist jedoch nicht nur moralisch fragwürdig, sondern hat Prandellis Team auch personell geschwächt: Mit Domenico Criscito muss er wegen des Skandals auf seinen besten Linksverteidiger verzichten. Mit Balzaretti und Maggio (oder aber dessen Ersatzmann Abate) setzt der Trainer vorzugsweise auf offensivstarke Außenverteidiger. Angesichts der Probleme in der Innenverteidigung, wo nun auch noch Barzagli und Chiellini verletzt sind, hätte der defensivstärkere Criscito dem Team sicherlich gut getan.

So ist Italien zwar ein ernstzunehmender Kontrahent mit einer sehr talentierten Offensivabteilung, aber insgesamt wohl nicht stark genug, um gegen die Top-Favoriten zu bestehen. Auch die italienische Version des miasanmia wird vermutlich nicht ausreichen, um die Defizite zu überdecken. Italien geht mit einer deutlich verjüngten Mannschaft in das Turnier, nachdem die Altersstruktur in der Vergangenheit kritisiert worden war. Passender Weise geht es direkt zum Auftakt gegen den Gegner, der die alter Weltmeistermannschaft vor vier Jahren aus der Erfolgsspur kickte: Spanien. Auch wenn Italien nach dem Umbruch noch nicht wieder bei alter Stärke angelangt ist, befindet sich das Team auf einem guten Weg. In Zukunft wird mit Italien wieder zu rechnen sein.

Meine Prognose: Für den großen Coup ist die Abwehr nicht gut genug. Ich denke aber, dass sich die Italiener zusammenreißen und zumindest ins Viertelfinale kommen.

Italiens Gruppengegner

Spanien
Irland
Kroatien

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