Meine EM: Kroatien auf dem absteigenden Ast

Es ist noch nicht lange her, da schien Kroatien der Schritt vom Fußballschwellenland zur großen Fußballnation gelungen zu sein. Bei der letzten Europameisterschaft sah die kroatische Zukunft mehr als rosig aus. Erst warf man England mit einem überzeugenden Sieg schon in der Qualifikation aus dem Wettbewerb. Dann fügte man Deutschland in der Gruppenphase eine empfindliche Niederlage zu. Im Viertelfinale stand man nach einem Last Minute Tor in der Verlängerung ganz kurz vor dem größten Erfolg seit 1998, doch dann kam alles anders. Das Gegentor in der 121. Minute, das Aus im Elfmeterschießen und irgendwie scheint es, als hätte sich der kroatische Fußball davon noch nicht wieder erholt.

Die fetten Jahre sind vorbei

Vier Jahre später zählt kaum jemand Kroatien noch zu den (Geheim-)Favoriten. Zu schwach waren die Leistungen in den letzten Jahren, zu wenig Optimismus versprüht der Kader. Nachdem man zunächst die Rache der Engländer in Form einer 1:4 Heim- und einer 1:5 Auswärtsniederlage zu spüren bekam und die Qualifikation zur WM 2010 verpasste, hatte man auch auf dem Weg zu dieser Europameisterschaft so seine Probleme. Griechenland erwies sich in der Gruppe als zu stark und erst im Play-Off gegen die Türkei konnte Kroatien zu alter Stärke zurückfinden. Die Testspiele waren dann eher durchwachsen. Die schwachen Esten waren kein ernsthafter Gegner und gegen Norwegen glänzte man mit einem schmucklosen Remis.

Personell ist es um die Kroaten nicht zum Besten bestellt, was sich vor allem in der Offensivabteilung zeigt. Die Altstars Klasnic und Petric wurden nicht mehr berücksichtigt, während Ivica Olic mit einer Verletzung ausfällt. Eduardo da Silva ist nach seiner schweren Verletzung nie so ganz zu alter Stärke zurückgekehrt. So ruht viel Hoffnung und Verantwortung auf dem Wolfsburger Mario Mandzukic. Das Herzstück des kroatischen Spiels ist jedoch Luka Modric, der im zentralen defensiven Mittelfeld die Fäden zieht und eine beachtliche Entwicklung genommen hat. Ansonsten besteht der kroatische Kader aus vielen Spielern, die über genügend technische und taktische Klasse verfügen, aber nicht wirklich herausragend sind. Zudem ist die Altersstruktur etwas fragwürdig. Waren die Kroaten früher eine Mischung aus alten Haudegen und jungen Talenten, besteht heute fast der komplette Kader aus Spielern im mittleren Fußballeralter. Im kroatischen Team findet sich kein einziger Spieler unter 23. Einen neuen Modric oder Eduardo sucht man daher vergeblich.

Maximal Außenseiterchancen

Dennoch ist der kroatische Kader zweifellos stark genug, um eine schlagkräftige Mannschaft aus ihr zu formen. Um aus spielern wie Ivan Rakitic oder Ivan Perisic das Optimum herauszuholen braucht es jedoch eine stimmige Taktik. Das negieren der gegnerischen Stärken und das Ausnutzen der daraus resultierenden Fehler gehörte unter Slaven Bilic lange zu den Hauptqualitäten. Inzwischen ist Kroatien die dafür notwendige, einhundertprozentige Konzentration etwas abhanden gekommen. Dazu ist die Mannschaft defensiv nicht mehr so hochkarätig besetzt, wie noch vor einigen Jahren. Josip Simunic ist noch immer unumstrittener Abwehrchef und man sucht vergeblich nach jüngeren Spielern seines Kalibers. Auch die Außenverteidiger genügen nicht mehr höheren Ansprüchen.

So ist Kroatien ein eher mittelmäßiges Team bei dieser Europameisterschaft. Zu gut, um sang- und klanglos unterzugehen. Nicht gut genug, dass man ihnen gegen Spanien und Italien das Weiterkommen zutrauen würde. Vielleicht kommt es Bilic und seiner Mannschaft entgegen, dass sie nicht mehr die Bürde des Geheimfavoriten zu tragen haben. Es würde mich jedoch wundern, wenn sie bei dieser Europameisterschaft ein Comeback in der internationalen Spitze feierten. Gegen Irland könnte es bei einer entsprechend vorsichtigen Herangehensweise noch reichen. Danach werden sie ihre Grenzen aufgezeigt bekommen.

Meine Prognose: Kroatien punktet nur gegen Irland und fährt nach der Gruppenphase nach Hause.

Kroatiens Gruppengegner:

Spanien
Italien
Irland

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