Meine EM: Holland und der totale Pragmatismus

Spätestens seit dem WM-Finale 2010 ist der sonst so gute Ruf der Niederlande zerstört. Mit reaktivem, teils destruktivem  und selten attraktivem Fußball erreichte man das Finale gegen Spanien. Dort ging man dermaßen hart zu Werke, dass sich selbst ein Teil der eigenen Fans für das Auftreten des Teams schämte. Seitdem hat man zwar wenige Negativschlagzeilen mit übertriebener Härte mehr gemacht (vom vorübergehend suspendierten Nigel de Jong mal abgesehen), doch an der Spielweise hat sich ansonsten wenig geändert. Unter Bert van Marwijk geht Effizienz über Spielfreude und Funktionalität über Eleganz.

Reaktive Kontertaktik

Schon bei der letzten EM spielten die Holländer reaktiven Fußball, der jedoch gepaart war mit einem Hochgeschwindigkeits-Konterspiel und einigen spielerischen Glanzlichtern. Gewisse Ähnlichkeiten zum deutschen Spiel bei der WM zwei Jahre später sind unverkennbar. Im Gegensatz zur deutschen Nationalmannschaft haben sich die Niederland spielerisch jedoch nicht weiterentwickelt sondern vertrauen auf eine grundsolide Defensive und geradliniges Angriffsspiel. Kritiker werfen dem Trainer vor, aus einer großen Anzahl fußballerischer Ausnahmetalente ein biederes Kollektiv geformt zu haben. Der Erfolg gibt van Marwijk bislang Recht – in die Geschichtsbücher wird es sein Team (anders als frühere Ausgaben der Elftal) jedoch nur schaffen, wenn es Titel gewinnt.

Nach der deutlichen Niederlage im letzten Jahr gegen Deutschland sind die Holländer ein Stück weit von der Favoritenbürde befreit, was van Marwijk sicher nicht ungelegen kommt. Man sollte jedoch nicht den Fehler machen, die Niederlande zu unterschätzen. Neben Deutschland und Spanien gehören sie zu den komplettesten Mannschaften des Turniers und werden nur sehr schwer zu schlagen sein. Defensiv ist Holland trotz anders lautender Gerüchte ziemlich sattelfest und arbeitet kollektiv stark gegen den Ball. Vorne fehlt zwar der große Esprit, doch mit schnellem Umschalten und der individuellen Klasse der vier Offensivspieler stellen sie viele Gegner vor unlösbare Probleme.

Während andere Mannschaften neidisch auf die zahlreichen Optionen in der holländischen Offensive blicken, ist die Auswahl für van Marwijk inzwischen zum Problem geworden. Van Persie und Huntelaar haben jeweils überragende Leistungen im Verein gebracht und es ist eine große Diskussion darüber entfacht worden, wer im 4-2-3-1 die alleinige Spitze sein soll. Inzwischen hat sich van Marwijk auf van Persie festgelebt, doch in der Vorbereitung testete er auch die Option, beide zusammen spielen zu lassen. Gegen Bulgarien gab Huntelaar den Neuner, während van Persie zumindest formell auf der rechten Außenbahn, effektiv jedoch in einer ziemlich freien Rolle überall auf dem Feld herumlief – mit mäßigem Erfolg. Neben dem gesetzten Sneijder auf der Zehnerposition streiten sich Robben, Kuyt und der wiedergenesene Affelay um die Plätze auf den Außenbahnen.

Probleme in der Viererkette

Im Zentrum ist man zuletzt wieder davon abgerückt, mit van der Vaart einen Kreativspieler in der Doppelsechs auflaufen zu lassen. De Jong und van Bommel sind nicht die schnellsten und haben sich einen eher zweifelhaften Ruf bezüglich ihrer körperbetonten Spielweise erarbeitet. Dennoch sind sie aufgrund ihrer unermüdlichen Arbeit für das Team wichtige Stützpfeiler und sorgen dafür, dass die Viererkette nur selten entblößt wird. Deren Schwachstellen wurden allerdings im Spiel gegen Deutschland deutlich. So ist man zum einen über die Flügel verwundbar, zumal mit Pieters der gesetzte Linksverteidiger ausfallen wird. Ersatzmann Jetro Willems ist mit seinen 18 Jahren der jüngste Spieler im Turnier und trotz guter Ansätze defensiv ein Risiko. Zum anderen mangelt es in der Innenverteidigung nicht nur wegen Mathijsens Verletzung an der ganz großen Klasse. Letzteres trifft zwar mitunter auch auf Deutschland und (je nach Shakiras Piqués Form) eventuell auch auf Spanien zu. Bei einem defensiv ausgerichteten Team wiegt dieser Umstand jedoch ungleich schwerer.

Aufgrund der genannten Schwächen bin ich eigentlich geneigt, die Niederlande eine Stufe unterhalb der Top-Favoriten Deutschland und Spanien anzusiedeln. Doch irgend etwas hält mich davon ab. Ohne es wirklich benennen zu können, sehe ich in diesem Team etwas, das ich bei keiner anderen Mannschaft im Turnier sehe. Vielleicht ist es am ehesten mit dem FC Chelsea in dieser Saison vergleichbar: Sie waren ganz sicher nicht die beste Mannschaft und ließen eigentlich zu viele gegnerische Chancen zu, aber im entscheidenden Moment war man immer da. Schon 2010 hätte es trotz deutlicher Unterlegenheit im Finale fast zum Sieg gereicht. Nun hat man van Marwijks System der “totalen Effizienz” weitere zwei Jahre eingeimpft bekommen. Es würde mich daher nicht wundern, die Niederlande im Finale zu sehen.

Meine Prognose: Die Niederlande erreichen mindestens das Halbfinale. Ich traue nur Spanien und Deutschland zu, die Holländer rauszuwerfen und auch ihnen wird es die Elftal sehr schwer machen.

Hollands Gruppengegner

Deutschland
Portugal
Dänemark

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