Meine EM: Schweden wie immer, aber anders

Wann immer ein großes Turnier ansteht und man sich die schwedische Mannschaft anschaut könnte man zu dem Schluss kommen, dass man es mit dem Otto Normalverbaucher unter den Fußballmannschaften zu tun hat. Das Wort “Durchschnitt” ist im Fußball negativ behaftet, aber auf die Schweden trifft es dennoch zu. Wo Schweden ist, ist die Mitte.

Offensiver als früher

Das soll nicht heißen, dass Schweden langweiligen Fußall spielte oder eine langweilige Mannschaft hätte. Dafür sorgt schon allein Zlatan Ibrahimovic mit seinem großen Ego und seiner ebenso großen individuellen Klasse. In der Nationalmannschaft spielt er eine tiefere Rolle, als im Verein. Er agiert mehr als falsche Neun, teils sogar als echter Zehner. Vor ihm kommt mit Elmander bzw. Toivonen ein weiterer Mittelstürmer zum Einsatz. Markus Rosenberg hat nur Außenseiterchancen. Das Spiel der Schweden wird durch die starke Zentrierung auf Ibrahimovic leicht ausrechenbar, profitiert aber auch von seiner stärkeren Einbindung ins Spiel. Interessanterweise ist Schwedens Bilanz ohne Ibrahimovic besser als mit ihm. Dennoch hebt er die offensive Klasse durch seine Anwesenheit um ein paar Prozentpunkte.

Ein anderer Aspekt, der Schweden 2012 interessant macht ist der neue Trainer. Lars Lagerbäck betreute Schweden 18 Jahre lang, feierte mit dem dritten Platz bei der WM 1994 einen der größten Erfolge der nationalen Fußballgeschichte, verpasste aber die WM 2010. Mit Erik Hamrem übernahm ein Trainer das Kommando, der Schweden einen moderneren und offensiveren Fußball spielen lässt – bislang mit Erfolg. Das Mittelfeld ist offensiv ausgerichtet. Die Flügelspieler pressen nach vorne und auch Kim Kallström als nomineller Teil einer Doppelsechs rückt häufig mit nach vorne. Der eher statische Fußball unter Lagerbäck gehört der Vergangenheit an.

Probleme in der Defensive und im Spielaufbau

Das Problem der Schweden ist jedoch ihre Defensive. Hier hat man in Olof Mellberg immer noch den besten Verteidiger im Kader. Mit seinen 34 Jahren ist er nicht mehr auf dem absoluten Topniveau. Neben ihm fehlt es den Schweden an großer Klasse in der Abwehrreihe. Durch den stärkeren Fokus auf die Offensive und das Nachrücken des Mittelfeldes sowie der Außenverteidiger sind die Schweden hinten anfälliger geworden, als man es von ihnen gewohnt ist. Gegen Frankreich, aber auch gegen England dürfte man Probleme bekommen, wenn der Ball schnell in die Lücken hinter den Außenverteidigern gespielt werden. Die Niederlande haben dies in der Qualifikation gut offengelegt.

Auch die Spieleröffnung der Schweden ist nicht auf höchstem Niveau bei diesem Turnier. Mellbergs Stärke ist nicht der öffnende Pass und auch sonst überlässt man den Spielaufbau lieber dem Mittelfeld. Von dort aus richtet sich das Spiel sehr stark auf Ibrahimovic aus, der den Ball hält, während das Mittelfeld nachrückt. So bleibt Schweden letztlich eine Kontermannschaft, die defensiv dafür eigentlich nicht sattelfest genug ist. Der Spielplan der Gruppe D dürfte ihnen jedoch entgegen kommen. Mit einem Auftaktsieg gegen die schwachen Ukrainer hätte man für ein dann vielleicht schon entscheidendes Spiel gegen England eine gute Ausgangsposition.

Meine Prognose: Schweden ist defensiv zu anfällig und offensiv zu abhängig von Ibrahimovic, um bei diesem Turnier zu überraschen. Sie sind zwar nicht chancenlos, aber ich rechne mit einem Vorrundenaus.

Schwedens Vorrundengegner

Ukraine
Frankreich
England

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