Europa League, 2. Spieltag: Kein Fußball den Faschisten

Werder Bremen – Athletic Bilbao 3:1

Ein minutenlanges Pfeifkonzert hallte durch die Ostkurve des Weserstadions. Dabei war Werder wenige Minuten zuvor nach einem wunderschönen Tor von Aaron Hunt in Führung gegangen. Was war passiert? Die Ordner im Oberrang der Ostkurve entfernten ein Banner mit der Aufschrift “Kein Fußball den Faschisten”, weil es eine Werbebande verdeckte. Die Fans im Unterrang drehten daraufhin dem Spielfeld ihren Rücken zu und pfiffen und buhten die Ordner aus. Mehr als nur eine Randnotiz in einem unterhaltsamen und qualitativ teils hochwertigen Spiel.

Langsam bekommt man eine genauere Vorstellung davon, wie Schaaf sich Werders Spiel diese Saison vorstellt und fühlt sich gleichzeitig zwei Jahrzehnte zurückversetzt, in eine Zeit in der Otto Rehagel in Bremen den Begriff “kontrollierte Offensive” prägte. Während in der Liga die Offensive noch häufig unter den Sicherheitsbestrebungen leidet, verstand es Werder gestern blendend, blitzschnell auf Angriff umzuschalten. Die Genauigkeit im Passspiel zwischen Özil, Hunt, Marin und Pizarro nimmt immer mehr zu. So gelang es in der ersten Halbzeit immer wieder, Lücken in den baskischen Abwehrverbund zu reißen. Das 2:0 entsprang einer brillianten Kombination zwischen Marin, Pizarro und Naldo. Insbesondere Pizarros Vorarbeit war große Klasse: Bereits vor der Ballannahme schaut er in die Mitte, zieht dann Richtung Tor, sieht, dass die Schussbahn blockiert ist und legt ohne nochmal zu gucken quer auf Naldo. Diese Übersicht zeichnet einen Klassestürmer aus.

In der zweiten Halbzeit ließ Werder es dann etwas ruhiger angehen und gewährte Athletic viel Raum. Positiv anzumerken ist, dass die Mannschaft trotzdem die Spielkontrolle behielt. Eine Fähigkeit, die Werder lange Zeit überhaupt nicht beherrschte. Atheltic musste lange Zeit auf ernsthafte Torchancen warten. Leider machte sich Werder in Gestalt von Peter Niemeyer selbst einen Strich durch die Rechnung. Innerhalb weniger Minuten sammelte Niemeyer zwei gelbe Karten und durfte vorzeitig duschen gehen. Interessant waren die Umstellungen, die Werder in der Folge vornahm: Zunächst rückte Marin für Niemeyer rechts ins Mittelfeld. Als Rosenberg für ihn eingewechselt wurde, rückte Hunt von der Mitte nach rechts, Pizarro auf die 10er-Position und der Schwede gab den Alleinunterhalter in der Spitze. Überhaupt war es für mich etwas überraschend, dass Özil links spielte und Hunt in der Mitte. Sicher keine schlechte Maßnahme, wenn man Hunts starke Form und Özils Verletzung bedenkt.

Es war eine Mischung aus guter Defensive, Unvermögen der Spanier und Glück, die Werder die Null festhielt. Bis in die 90. Minute, als Llorente den ersten richtig gefährlichen Torabschluss gleich im Tor unterbrachte. Das große Zittern blieb jedoch aus, weil Özil bei einem Konter im Strafraum gelegt wurde und Frings den fälligen Elfmeter (mal wieder) mit sehr viel Glück zum 3:1-Endstand verwandelte. Ein verdienter Sieg, der belegt, dass Werder in dieser Saison kein Feuerwerk abbrennen muss, um ein Spiel souverän zu gewinnen. Ich traue dem Braten jedoch noch nicht ganz, dafür habe ich mit Werders Defensive in den letzten Jahren zu viele traumatische Erfahrungen gemacht.

Die Stimmung im Stadion war – trotz des Zwischenfalls in der Ostkurve – gut. In der VIP-Loge fühle ich mich zwar immer noch etwas deplatziert, doch die Sicht ist hervorragend. Man sieht wesentlich mehr vom Spiel als im Fernsehen. Wenn neben mir nur nicht die beiden Yuppies gesessen hätten, die sich allen Ernstes über den Fanblock lustig machten (“In anderen Stadien steht da eine Wand und bei uns ist es nur so ein kleiner Haufen. Traurig!”), nachdem sie sich in beiden Halbzeiten je 5 Minuten nach Anpfiff auf ihre Plätze bequemt hatten. Kein Fußball den (hier bitte Schmähwort einfügen, das mit “…isten” endet)!

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    4 Gedanken zu „Europa League, 2. Spieltag: Kein Fußball den Faschisten

    1. Ich mach mir langsam Sorgen um Naldo. Der macht ein Tor nach dem anderen und wird auch für andere Vereine immer interessanter. Kann der nicht mal zur Abwechslung in den nächsten zehn Spielen Merte nach vorne schicken und hinten bleiben?!

    2. Naldo hat doch zumindest immerhin gerade verlängert, oder?

      Ansonsten guter Bericht – trifft den Kern der Sache.

      Ich traue aber dem “kontrollierten” Werder Spiel auch noch nicht so ganz ;-) finde es aber tendenziell gut so.

    3. Für Naldo freut es mich sehr, weil er letztes Jahr eine längere Zeit ziemlich schwankende Leistungen gebracht hat. Inzwischen ist er wieder ein absoluter Leistungsträger. Wenn er für andere Mannschaften interessant wird ist das schon ok. Wie gesagt, Vertrag gerade verlängert, im “schlimmsten” Fall bekommen wir eine hohe Ablöse.

      @Conti: Danke!

      @probek: Davon gibt’s in Deutschland laut Sinus-Institut ganze 11%. Die Herren im Stadion waren aber wohl eher Moderne Performer…

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