Europa League Play-Offs, Rückspiel: Diamant im Herzen

FK Aktobe – Werder Bremen 0:2

Während in Bremen seit Sonntag munter über die Rückkehr zur Mittelfeldraute diskutiert wird (Thomas Schaaf: “Das war keine Raute, jeder, der das behauptet, liegt falsch!”), lassen einige internationale Spitzenvereine die von manchen als obsolet bezeichnete Formation wieder aufleben. Chelsea spielt sie (Ancelotti hat schon bei Milan häufig so spielen lassen), Inter spielt sie (ja, genau, das Inter, das von 4-3-3-Fetischist Mourinho trainiert wird), die Bayern spielen sie (bis auf Ribery). Ist Thomas Schaaf also doch kein solcher Hinterwäldler in Sachen Taktik? Ist er vielleicht gar ein Pionier?

Taktikexperte Jonathan Wilson (Inverting the Pyramid) schreibt im Blog des Guardian über die Raute: “Is the midfield diamond here to stay and how do you counter it?” Neben den üblichen Abschweifungen in die Frühphase des Fußballs kommt Wilson zu dem Schluss, dass die Raute ein gutes System für spielstarke Mannschaften ist, allerdings einige Nachteile hat:

Die Vorteile:

  • Die Raute ist eine gute Defensivformation. (hört, hört…)
  • Ein starker defensiver Mittelfeldspieler gibt den Spielern auf den beiden Halbpositionen die Möglichkeit, den Spielmacher zu entlasten. (Frank Baumann, anyone?)
  • Die Raute ist offensiv am stärksten, wenn sie asymmetrisch ausgelegt wird, die beiden Halbaußen (und die beiden Stürmer!) also nicht auf einer Höhe spielen.

Die Nachteile:

  • Das Spiel einer Mannschaft mit Raute ist leicht ausrechenbar.
  • Werden die Halbpositionen zu zentral interpretiert, ist die Mannschaft über außen verwundbar; die Überzahl in der Mitte kann aufgrund des geringen Raums zum Passen kaum ausgenutzt werden.
  • Mit einem 4-5-1 kann die Raute am wirkungsvollsten gestoppt werden: Die beiden äußeren Mittelfeldspieler können den Platz auf den Außenbahnen nutzen und die Außenverteidiger unter Druck setzen. Dies schafft Raum für die eigenen Außenverteidiger, die sich ins Mittelfeld einschalten können. Die drei zentralen Mittelfeldspieler machen dazu der Raute in der Mitte das Leben schwer.

Diese Punkte beschreiben eigentlich ganz gut Werders Stärken und Probleme der letzten Jahre: Die hohe Ballbesitzquote durch die Überzahl im zentralen Mittelfeld. Die Offensivpower, weil die Positionen sehr variabel getauscht werden und keine starre symmetrische Formation eingehalten wird. Die Anfälligkeit über die Außen, die nicht zuletzt dadurch zustande kommt, dass die Außenverteidiger häufig mit nach vorne gehen, um die ansonsten verwaisten Außenbahnen zu besetzen. Die Probleme gegen defensive Mannschaften, wenn sich die Mittelfeldspieler zu wenig bewegen.

Mir persönlich ist es eigentlich egal, welches System Werder spielt, wobei ich die Raute schon für die Formation halte, mit der Werder den besten Offensivfußball spielen kann. Allerdings hängt vieles davon ab, wie man die defensive und offensive Position der Raute besetzt. Torsten Frings hat mich als alleiniger defensiver Mittelfeldspieler bislang nicht überzeugt. Er hat zwar die nötige Zweikampfstärke, aber nicht die Unaufgeregtheit eines Frank Baumanns im Aufbauspiel, der anstandslos 40 Sicherheitspässe über 5-10 Meter pro Spiel zum nächstbesten Kollegen beförderte und taktisch kein Risiko einging. Den 6er traue ich eher Daniel Jensen zu, bei dem aber nicht klar ist, ob er nach der langen Verletzung noch einmal die Form der Saison 2007/08 erreichen kann. Ob Özil oder Marin die 10er-Position einnehmen können wage ich fast nicht zu beurteilen. Man braucht für die Position einen außergewöhnlichen Spieler, mit guter Übersicht und großer individueller Stärke, der im besten Fall noch ein großer Stratege ist. Vor allem Özil traue ich zu, ein solcher Spieler zu werden. Aber ist er auf der Position wirklich stärker als auf der linken Seite?

Man wird sehen. Thomas Schaaf wird sich während dessen heimlich (im Keller) ins Fäustchen lachen, dass nun, nach mindestens 2 Jahren der Kritik an seinem veralteten System, sowohl in Bremen als auch in Fußballeuropa die Raute so hoch im Kurs steht, wie selten zuvor.

Ach ja: Werder hat heute durch zwei Tore von Pizarro mit 2:0 bei FK Aktobe gewonnen und sich damit für die Gruppenphase der Europa League qualifiziert.

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    Ein Gedanke zu „Europa League Play-Offs, Rückspiel: Diamant im Herzen

    1. Moin!

      Ein interessanter Artikel deinerseits, wenn auch ohne großen Mehrwert. Ich halte die gesamte Diskussion um die vermeintliche Taktikänderung für eine Überkompensation des Diego-Wechsels der unter Druck stehenden beteiligten Journalisten.
      Auch vorher hat Werder im Mittelfeld sehr variabel reagiert. Halbpositionen wurden schon immer getauscht, Baumann (danke übrigens für die Erwähnung) rückte nach hinten bei offensiven Außen, Stürmer rücken auf die Außenpositionen, etc.
      Daher denke ich, daß die ganze Systemdebatte überzogen ist. Da sich in den ersten 5 Spielen keine signifikante Zunahme von Flanken über die (offenbar außen spielenden) Halb-Außen-Offensivpositionen feststellen ließen, bleibt nur festzustellen:
      Alles wie gewohnt – nur mit teilweise anderen Spielern.

      Dennoch: Gut geschrieben!
      Grüße,
      Volker

      Ach ja: Werder hat 2:0 gegen Aktobe gewonnen ;)

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