Fünf Erkenntnisse der letzten Wochen

1. Jedes Unentschieden ist ein gewonnener Punkt

Es fällt schwer, sich an diesen Umstand zu gewöhnen, wenn man jahrelang um die Champions League Plätze gespielt hat: Im Abstiegskampf ist ein Unentschieden ein gutes Ergebnis – zumindest wenn es so eng zugeht, wie in diesem Jahr. Wir sind es gewohnt, uns nach einem Remis über die beiden verlorenen Punkte zu ärgern, statt uns über den einen gewonnenen Punkt zu freuen. Im oberen Tabellendrittel verliert man mit einem Unentschieden in der Regel Punkte auf die Konkurrenz. Im unteren Drittel kann man zumindest den Abstand zu den Abstiegsplätzen konstant halten. Die Mannschaften auf den Plätzen 16 bis 18 haben im Schnitt weniger als einen Punkt pro Spiel geholt. Spielt Werder auch gegen St. Pauli und Wolfsburg jeweils Unentschieden, dürfte der Klassenerhalt gesichert sein. Ein Sieg fühlt sich natürlich besser an, doch letztlich ist das in dieser verdammten Saison nur noch Zugabe.

2. Marin auf der 10 kann funktionieren

Mit der Betonung auf „kann“. Es wurde schon lang und breit diskutiert, dass Marin kein Spielmacher ist und seine Stärken im Zentrum kaum zur Entfaltung bringen kann. Dieser Umstand machte Werder immer wieder zu schaffen, wenn Schaaf ihn auf der 10er-Position einsetzte. Es ist ein Dilemma: Hält Marin seine Position im Zentrum, geht er weitgehend unter. Weicht er zu häufig auf die Flügel aus, destabilisiert er damit das Mittelfeld. An diesem Umstand hat sich grundsätzlich nichts geändert. Trotzdem funktioniert Werders Mittelfeld derzeit wesentlich besser als vor einigen Monaten. Dafür gibt es aus meiner Sicht zwei Gründe: Erstens macht es der generelle Formanstieg bei vielen Spielern einfacher, vorhandene Ungereimtheiten im System zu kompensieren. Das Mittelfeld mit Frings, Borowski und Wesley/Bargfrede wirkt gefestigt und kann Marin ein Stück weit den Rücken freihalten. Zweitens habe ich den Eindruck, dass Marin inzwischen etwas disziplinierter spielt und sein Spiel ohne Ball etwas verbessert hat. Er bewegt sich nicht mehr 90 Minuten vogelfrei übers Feld, sondern streut seine Ausflüge auf die Außen dosierter ein und hält bei Ballbesitz des Gegners häufig die Position im Zentrum.

Für mich ist das nach wie vor keine Dauerlösung, aber für die letzten Wochen der Saison scheint es eine vernünftige Entscheidung gewesen zu sein – auch wenn ich es immer noch schade finde, dass man Trinks nicht weiterhin die Chance gegeben hat.

3. Torsten Frings ist wertvoll im Abstiegskampf

Ich habe ihn viel kritisiert in dieser Saison und bleibe auch bei meiner Meinung, dass für ihn im Sommer Schluss sein sollte. Dennoch habe ich großen Respekt für seine Leistungen in den letzten Wochen. Natürlich ist Frings nicht mehr der Spieler, der er vor 3-4 Jahren war, aber seine Erfahrung, sein Einsatz und sein Kampfgeist machen ihn zu einer wertvollen Waffe im Abstiegskampf. Momentan gucke ich gerne über seine Unzulänglichkeiten hinweg, denn es imponiert mir, wie er sich gegen den Abstieg seiner Mannschaft und auch seiner eigenen Person wehrt. Frings profitiert dabei auch von der Raute, die ihn ein wenig vor seiner eigenen Spielweise schützt. Er spielt nun etwas tiefer als früher und es entstehen nur noch selten große Lücken vor Werders Abwehr. Nun hoffe ich, dass Frings den Abschied bei Werder bekommt, der einem Spieler wie ihm gebührt. Allerdings hoffe ich auch, dass man bei Werder nicht die falschen Schlüsse zieht und mit ihm in die neue Saison geht. Es braucht einen Neuanfang, auch und gerade auf der 6er-Position.

4. Tim Wiese ist kein Weltklassetorwart

Es ist schon komisch: Ein sehr gutes Spiel von Wiese genügt, um ihn in den Augen mancher Werderfans schon wieder zum Weltklassetorwart werden zu lassen. Seine Leistung gegen Frankfurt war stark, ohne Frage. Er hat uns an diesem Tag das Unentschieden gerettet und hatte einige tolle Aktionen. Dennoch ist sein Torwartspiel nach wie vor alles andere als perfekt. Gerade im Spiel gegen Schalke wurde wieder deutlich, wie sehr ihm Neuer in vielen Belangen voraus ist: Hohe Bälle abfangen, das Spiel direkt wieder schnell machen, Bälle mit dem Fuß kontrolliert verteilen, in Eins gegen Eins Situationen lange oben bleiben, um den Gegner zum Handeln zu zwingen. Alles Dinge, die Wiese nicht sonderlich gut kann. Solange er in anderen Bereichen herausragend gut ist, mag man diese Dinge in Kauf nehmen. Allerdings war Wiese in dieser Saison – gerade im Vergleich zu den beiden Jahren davor – kaum mal herausragend gut. Seit Oliver Kahn hat es sich bei vielen Fans eingebrannt, dass ein Torwart auch mal unhaltbare Bälle abwehren muss, um für sein Team besonders wertvoll zu sein. Ich bin eher Fan von konstanten Torhütern, die unspektakulär spielen, aber dafür gegnerische Chancen schon früh zunichte machen. Dazu sollte ein Torwart als Anspielstation taugen und Bälle verteilen können. Bei Wiese landen viele Bälle im Nirgendwo oder (schlimmer noch) beim Gegner.

Ich möchte Wiese nicht schlecht machen, er ist nach wie vor ein guter Torwart, der in der Form von 2009 zu den besten Keepern der Bundesliga zählt, aber ein mitspielender, moderner Torwart wäre mir bei Werder in der kommenden Saison lieber, auch wenn er kein Reflexgott auf der Linie ist.

5. Die Raute ist zeitlos modern…

schrieb Kollege Petersen unlängst. Davon abgesehen, dass eine Formation an sich nur ein Knochengerüst ist, das erst durch die Spielweise der Mannschaften zum Leben erwacht, könnte er Recht haben. Während das klassische 4-4-2 trotz einiger Zuckungen im Weltfußball eine immer kleinere Rolle spielt, scheint die Raute gegen die modernen Ausprägungen des 4-5-1 und 4-3-3 noch immer eine Chance zu haben. Der strukturelle Schwachpunkt der Raute liegt bei diesem Duell auf den Außenbahnen, was jedoch leichter zu kompensieren ist, als die 2 gegen 3 Unterzahl im Zentrum beim Duell 4-4-2 gegen 4-5-1/4-3-3. Entscheidend ist das Zusammenspiel der Rautenspieler, das Verschieben auf die Außenpositionen und die Defensivarbeit der beiden Stürmer.

Der FC Barcelona macht gerade vor, wie das aussehen kann: Seit Lionel Messi den Mittelstürmer gibt und sich dabei sehr weit nach hinten fallenlässt, wird aus dem 4-1-2-3 häufig effektiv ein 4-4-2 mit Raute. Für den Gegner ist es sehr schwer, sich auf dieses System einzustellen. Messis Rolle als spielmachender Mittelstürmer macht es schwer ihn zu fassen (wer ist zuständig, Innenverteidiger oder defensives Mittelfeld?), was Räume für die beiden Außenstürmer Villa und Pedro schafft, die in die Mitte ziehen können, was wiederum Räume für die aufrückenden Außenverteidiger schafft. Nun ist Werder nicht Barcelona, aber ich bin sehr gespannt, welchen Weg man in der kommenden Saison einschlagen wird: Weiter mit der Raute oder endgültig den Schritt zum 4-2-3-1 wagen? Von dieser Frage wird die Personalplanung im Sommer maßgeblich abhängen.

Artikel teilen