Gegen Frankreich: Wo spielt Lahm?

Vor dem Viertelfinale gegen Frankreich wird in Deutschland viel über Löws Taktik und Aufstellung diskutiert. Die Schwerpunkte der Diskussion gehen mir aber an den eigentlichen Problemen der deutschen Mannschaft vorbei.

Die wichtigste Frage scheint für viele die Position von Philipp Lahm zu sein, was nicht unbedingt falsch ist, aber ich höre nur selten wirklich überzeugende Antworten darauf. Unbestritten ist, dass Lahm einer der besten, wenn nicht der beste Rechtsverteidiger der Welt ist, also eine Verbesserung zu Jerome Boateng darstellen würde. Unbestritten ist allerdings auch, dass Lahm sowohl bei Bayern als auch in der Nationalmannschaft äußerst starke Leistungen als alleiniger Sechser im 4-1-4-1 bzw. 4-3-3 gebracht hat. Es sollte also weniger darum gehen, wie gut Lahm als Rechtsverteidiger ist und mehr darum, wo er der deutschen Mannschaft bei diesem Turnier am meisten weiterhilft. Auf den ersten Blick verfügt Deutschland über eine Vielzahl an hochklassigen Sechsern, wohingegen bislang außer Lahm kein gelernter Außenverteidiger zum Einsatz kommt.

Auf den zweiten Blick fallen aber bei jedem der Alternativen Schwächen auf, die in der Rolle als alleiniger Sechser in einem 4-3-3 zum Problem werden könnten. Sami Khedira ist körperlich robust, aber nicht nur wegen seiner langen Verletzungspause keine Idealbesetzung für die Position. Seine Stärken liegen eher im Box-to-Box Spiel als in der Spiellenkung aus einer tiefen Position. Diese liegt allerdings Toni Kroos sehr gut, der jedoch nicht unbedingt als alleiniger Abfangjäger vor der Abwehr taugt und sich mit seiner Schussstärke auch gelegentlich in Strafraumnähe aufhalten sollte. Christoph Kramer fehlt die internationale Erfahrung, um bei so einem Turnier die wohl wichtigste Position des Teams einnehmen zu können. Bleibt Bastian Schweinsteiger, der im Vollbesitz seiner körperlichen Kräfte sicherlich ein guter Ersatz für Lahm wäre. Leider ist er körperlich jedoch genauso wenig bei 100% wie Khedira. Daher stehe ich auch der anderen Alternative kritisch gegenüber, die von vielen (insbesondere seit dem Sieg über Algerien gefordert wird):

Die Rückkehr zum 4-2-3-1 mit einer Doppelsechs Schweinsteiger/Khedira. Die Systemumstellung vor der WM dürfte nicht zuletzt der Anfälligkeit in der Defensive geschuldet sein. Das 4-2-3-1, das in der Defensive zu einem 4-4-2 wird, hat im Zentrum gegen den Ball “nur” zwei Mittelfeldspieler. Der Dritte im Bunde (normalerweise Mesut Özil) rückt dabei vor neben den Stürmer. Beim 4-3-3 ist das zentrale Mittelfeld dichter besetzt. Die mutmaßlich schlechter gesicherten Flügel können von drei Spielern im Zentrum besser abgesichert werden, als von zwei Spielern. Vor diesem Hintergrund ergibt auch die übervorsichtig anmutende Besetzung der Außenverteidigerpositionen mehr Sinn, denn der Abstand zu den Außenstürmern ist etwas größer als zu den äußeren Mittelfeldspielern im 4-4-2, erst recht wenn diese Positionen mit verkappten Spielmachern wie Özil und Götze besetzt wird.

Man kann nun der Ansicht sein, dass das Spiel gegen Algerien vor allem deshalb gewonnen wurde, weil Löw nach Mustafis Verletzung Lahm zurück auf die Rechtsverteidigerposition versetzte und Khedira im Mittelfeld gemeinsam mit Schweinsteiger für mehr Durchsetzungskraft sorgte – diese Ansicht teile ich sogar (auch wenn die Doppelsechs Kroos/Khedira hieß und Schweinsteiger sich eher in Richtung 10er-Position orientierte). Fraglich ist jedoch, ob diese Aufstellung über die gesamten 120 Minuten besser funktioniert hätte. Die Umstellung wurde nach 70. Minuten vorgenommen, also in einer Phase, in der Deutschland das Spiel langsam in den Griff bekommen hatte und das Risiko in der Offensive langsam erhöhen konnte. Es ist für den Trainer ein Glücksfall, in einem solchen Spiel Khedira oder Schweinsteiger einwechseln zu können. Beide über 90 oder sogar 120 Minuten spielen zu lassen, ist meiner Meinung nach bei dieser WM ein Risiko.

Es gibt somit gute Argumente, dass Philipp Lahm im Mittelfeld mindestens ebenso dringend gebraucht wird, wie auf der Außenposition. Sollte Lahm dennoch auf außen spielen, stellt sich die Frage: Auf welcher Seite? Boateng liegt die Position als Rechtsverteidiger besser, als Höwedes die Position als Linksverteidiger. Er bringt in der mehr Offensivelemente ins Spiel und kann so besser für Breite im Angriffsdrittel sorgen als Höwedes, der zudem als Rechtsfuß invers spielt und was Flankenläufe zusätzlich erschwert. Auf der linken Seite besteht somit größerer Bedarf. Mit Erik Durm steht nur ein international recht unerfahrener Spieler als Alternative zur Verfügung. Wenig verwunderlich kommt daher die Forderung, Lahm zurück auf die Position des Linksverteidigers zu stellen, auf der er in den ersten Jahren seiner Profikarriere (und auch bei der EM 2012) so gut gespielt hat. Höwedes dürfte für Löw jedoch mehr sein, als nur ein Notnagel (dieser wäre eher Durm), denn die Entscheidung, auf vier hauptberufliche Innenverteidiger zu setzen, hatte ihre Gründe.

Man kann darüber streiten, ob der bisherige Plan mit der Viererkette aufgegangen ist. Drei von vier Spielen ohne Gegentor liefern zumindest ein paar Argumente dafür, ebenso die verbesserte Kopfballstärke vorne wie hinten. Es war jedoch auch nicht zu übersehen, dass es im Defensivverbund noch Probleme gibt und ein kleiner, wendiger Spieler wie Lahm als Außenverteidiger in manchen Situationen sicher besser gepasst hätte. Bei allen Defiziten, die Höwedes als Linksverteidiger offenbarte, machte er zumindest nichts wesentliches falsch und ist mit seiner Zweikampfstärke zumindest eine solide Besetzung auf der Position.

Für das Spiel gegen Frankreich gehe ich davon aus, dass Löw nicht die vom Volk geforderten Umstellungen vornehmen wird (erst recht nicht, was Mesut Özil betrifft, aber das ist ein anderes Thema) und Lahm wieder im Mittelfeld auflaufen wird. Gegen die großen und Kopfballstarken Franzosen (Benzema, Varane, Pogba, Koscielny, eventuell Giroud) ergeben die vier Innenverteidiger mehr Sinn, als gegen Algerien. Und Lahm auf der Sechs könnte in dieser Partie sogar spielentscheidend sein. Kroos und Khedira/Schweinsteiger werden sich im Duell mit Pogba und Matuidi aufreiben müssen. Die Spieler dahinter, Lahm und Cabaye, werden hingegen mehr Freiheiten genießen, weil Frankreich kein Angriffspressing spielt und Deutschland in dieser Hinsicht nach den 120 Minuten gegen Algerien auch eher vorsichtig agieren dürfte. Müller traue ich jedoch eher zu, Cabaye ein Stück weit aus dem Spiel zu nehmen als Benzema gegen Lahm. Die Hauptverantwortung im deutschen Ballbesitzspiel (es würde mich wundern, wenn Frankreich mehr als 40% Ballbesitz hätte) wird beim Sechser liegen. Deshalb kann Löw dort noch weniger auf ihn verzichten, als in der Viererkette.

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