Gladbach und die Fünfjahreswertung

Es gibt ja jedes Jahr die Wahl zum Unwort des Jahres. Heißer Kandidat ist für mich seit ca. einem Jahr das Wort "Fünfjahreswertung". Durch sie wird festgelegt, wie viele Vereine ein Land zu den europäischen Pokalwettbewerben melden darf. Bis vor einiger Zeit schaute man alle paar Monate mal drauf, ohne ihr große Bedeutung beizumessen. Ähnlich wie die Weltrangliste der Nationalmannschaften sah man die Fünfjahreswertung als Spielerei, ohne große Aussagekraft. Seit dieser Saison ist das anders: Rumänien kam mit Riesenschritten immer näher und drohte, uns einen Champions League Platz zu klauen (was in etwa dem bei uns vorherrschenden Vorurteil über Rumänen entspricht). Seit dieser Zeit also, wird jedes internationale Spiel mit deutscher Beteiligung zur nationalen Angelegenheit erklärt: Es geht nicht nur um Ruhm fürs Vaterland, unser Ansehen in der Welt. Nein, es geht auch um ein paar Punkte zum Erhalt unser Champions League Plätze, an dem schließlich jeder interessiert sein muss, egal welchen Verein er eigentlich unterstützt.

Was sich ein Fan von, sagen wir aus aktuellem Anlass: Arminia Bielefeld von einem Champions League Platz mehr oder weniger verspricht weiß ich nicht. Trotzdem wäre der Verlust eines Startplatzes und der Fall auf einen Ranglistenplatz hinter Portugal und Rumänien für die geschundene deutsche Fußballseele kaum erträglich. Dass wir nicht mehr in einer Reihe mit England, Spanien und Italien stehen (im Vereinsfußball), wissen wir längst. Im Mittelmaß zu versinken wäre allerdings eine schallende Ohrfeige.

Im Mittelmaß versinken würde dieser Tage sicher gerne Borussia
Mönchengladbach. Leider dürfte das für diese Saison nicht mehr machbar
sein, steht doch der Abstieg seit gestern so gut wie fest. Was hat nun
Gladbach mit der Fünfjahreswertung zu tun? Nun, auf den ersten Blick
nich sehr viel. Doch gerade Gladbach könnte einer der entscheidenden
Gründe dafür sein, dass die Bundesliga sich nicht mehr mit den
europäischen Topligen messen kann. Dazu ein kleiner Rückblick: In den
70ern war Gladbach die national erfolgreichste deutsche Mannschaft,
gewann fünfmal die deutsche Meisterschaft und war für attraktiven
Fußball bekannt. Obwohl die Bayern zur selben Zeit international ihre
erfolgreichste Zeit hatte, konnte Gladbach mit ihnen mithalten und die
Bundesliga so immer in einem gewissen Gleichgewicht halten. In den
Achtzigern verblasste die Reputation der Fohlen etwas und spätestens seit den 90ern ist Gladbach eine ganz normale, durchschnittliche Bundesligamannschaft.

Schaut man sich die Ligen in England, Spanien und Italien an fällt
auf, dass dort zwar vereinzelt Mannschaften die Liga dominieren
konnten, doch diese Dominanz immer wieder von anderen Mannschaften
durchbrochen wurde. Das ist in Deutschland nicht anders. Der
Unterschied besteht darin, dass es in diesen Ligen seit vielen Jahren
(und Jahrzehnten) immer wieder die selben Vereine sind, die um die
Meisterschaft spielen. Die spanische Liga lebte schon immer vom Duell
Barca gegen Real. In Italien sind Juve, Inter und Milan seit
Jahrzehnten immer vorne dabei. In England kann man ManU, Arsenal und
Liverpool nennen. Es sind genau diese Mannschaften, die Jahr für Jahr
die Punkte für die Fünfjahreswertung einfahren. In Deutschland ändern
sich diese Vereine fast jährlich. Welche englischen Mannschaften
spielten in den letzten 3 Jahren in der Champions League? Es waren
jedes Jahr die gleichen: ManU, Liverpool, Chelsea und Arsenal. In
Deutschland sind nur die Bayern jedes Jahr dabei. Dazu gesellen sich
dann entweder Dortmund, Leverkusen, Schalke, Stuttgart, Hamburg oder
Bremen (wobei Werder noch am ehesten Konstanz beweisen konnte).

Wer war in den letzten 20 Jahren der größte Konkurrent der Bayern in
der Bundesliga? Als Werderfan bin ich zwar geneigt zu sagen WIR, aber
ganz ehrlich waren es die Bayern selbst. Zwar konnten auch Dortmund und
Leverkusen zwischendurch den Bayern gefährlich werden, doch nie hatte
man das Gefühl, die Münchner könnten ihre Vormachtstellung im deutschen
Fußball wirklich verlieren. Zur Not wurde hier und da ein paar Spieler
weg gekauft. Das reichte, um die nationale Konkurrenz in Schach zu
halten. Für den Rest Fußballdeutschlands war dieser Umstand so lange
ok, wie die Bayern uns international gut vertraten und Erfolge
feierten. Dann konnte man ja sagen: das ist eine der besten
Mannschaften Europas, gegen die können wir nicht anstinken. Jetzt, wo
die Bayern international nicht mehr der absoluten Spitze angehören,
merken wir plötzlich, dass da etwas nicht stimmt. Wenn die Bayern gar
nicht mehr so gut sind und trotzdem noch bis kurz vor Schluss um die
Meisterschaft mitspielen konnten, muss ja irgendwas faul sein an
unserer Liga. (Einen sehr guten Artikel dazu hat vor ein paar Wochen
Detlev Claussen vom direkten freistoss verfasst).

So ist der spannende Titelkampf eigentlich hauptsächlich auf die
Schwäche der Bayern zurück zu führen. In keinem der letzten Jahre
hätten Schalke, Stuttgart und Bremen mit ihrer aktuellen Punktzahl noch
eine Chance auf die Meisterschaft gehabt. Hinter den Bayern war es ja
schon immer spannend. Statt um Platz 3 wird jetzt eben um die
Meisterschaft gekämpft. Das ist schön für die Fans und an sich auch
kein Zeichen für die Schwäche der Bundesliga, doch es stellt eine neue
Herausforderung: Ohne Bayern in die Champions League. Für viele ein
Grund zur Panik und Sorge um den entgültigen Absturz des deutschen
Fußballs. Dabei sollte man folgendes nicht außer Acht lassen: es ist
auch eine große Chance für den deutschen Fußball. Eine Chance sich von
der bayrischen Vorherrschaft ein Stück zu befreien und die Grundlagen
für eine größere Konkurrenz schaffen.

Es ist einfach, die Bayern zu beschuldigen: Unkreative
Einkaufspolitik. Mehr auf Absicherung des eigenen (nationalen) Status
bedacht, als auf internationale Konkurrenzfähigkeit. Dabei immer die
unmittelbare Konkurrenz durch ein paar gezielte Einkäufe schwächen.
Sicher alles richtig. Aber warum ist das so? Schlicht und einfach, weil
sie niemand daran gehindert hat. Der Erfolg gab ihnen doch Recht! Nur,
warum haben wir uns das all die Jahre gefallen lassen? Sind unsere
Vereine wirklich alle so geschunden und unterdrückt von den bösen
Bayern? Der Hauptgrund, warum Werder in den letzten Jahren so
erfolgreich war, ist meiner Meinung nach die Tatsache, dass die
Verantwortlichen früh begriffen haben, dass die wirtschaftliche
Überlegenheit der Bayern eine Tatsache ist, die sich nicht durch
kurzfristige, nicht abgesicherte Investitionen (Dortmund, Schalke)
lösen lässt. Wenn es auf dieser Ebene nicht geht, muss halt ein anderer
Weg gefunden werden (den der Großteil der Liga nicht einmal zu suchen
bereit war). In der Wirtschaft nennt man es Innovation. Statt
Jahr für Jahr rumzujammern, dass die besten Spieler nicht zu halten
sind, wurde dieser Umstand akzeptiert und auf andere Pferde gesetzt:
Vorteil durch das ruhige Umfeld, exzellentes Scouting-System,
Jugendarbeit, langfristige Zusammenarbeit der sportlichen Leitung.

Dieses Denken scheint sich seit einiger Zeit auch auf die Konkurrenz
auszuweiten. Stuttgart ist hier sicher hervorzuheben. Selbst die
Schalker haben erkannt, dass es nicht ausreicht nur ein paar gute
Spieler zu kaufen. Diese Entwicklung kann nur gut sein für die Liga,
denn auch die Bayern werden so gefordert sein, ihr bisheriges Handeln
zu ändern, wenn sie denn ihre Vormachtstellung langfristig bewahren
wollen. Konkurrenz belebt bekanntlich das Geschäft. In England, Spanien
und Italien kann es sich ein Spitzenclub weder leisten, seine
Konkurrenz durch ein paar Spielerkäufe abzuhängen, noch eine längere
Zeit sportlich zu schwächeln, wenn er seine Dominanz nicht einbüßen
will. Der erste Umstand dürfte in Deutschland kurzfristig kaum
erreichbar sein. Der Zweite wäre eine schöne Aussicht, auch wenn uns
das nicht unmittelbar vor den lauernden Rumänen beschützt.

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