Häuslebauer – Die Rauten-Parabel

“Vielleicht ist da etwas in den letzten Jahren verglüht oder abgekühlt. Aber wir setzen gerade alles in Bewegung, um wieder Funken zu entfachen.”

– Thomas Eichin

Wir leben auf einer Baustelle. Lange Zeit hatten wir ein schönes Haus, eine prächtige Villa, in der sich fast jeder Besucher wohlgefühlt hat. Viel Lob haben wir bekommen, für die durchdachte Architektur, für die stilvolle Bauweise, für die unkonventionelle, aber geschmackvolle Einrichtung. Für manchen Puristen waren die Zimmer etwas zu verspielt in ihrer Gestaltung, doch damit konnten wir gut leben. Es war so schön dort zu wohnen, dass wir es manchmal für selbstverständlich gehalten haben, aber eigentlich war uns klar, dass wir es mit unserem Haus sehr gut getroffen hatten und mit niemandem tauschen wollten.

Wir fühlten uns wohl. So wohl vielleicht, dass wir nicht einmal merkten, als es langsam anfing zu knistern und zu rieseln, als die ersten Risse in den Wänden und im Fundament sichtbar wurden. Normale Abnutzungserscheinungen, weiter nichts. Wir dekorierten um, hier und da mal etwas neues. Auch als das Dachgebälk begann zu knarzen, wurden wir nicht hellhörig, sondern verpassten dem Haus einen neuen Anstrich. So machten wir weiter, bis uns irgendwann klar wurde, dass unser Haus durch kleine kosmetische Eingriffe nicht mehr zu retten war. Nun nahmen wir das Haus genauer unter die Lupe, durchsuchten den Dachboden und den Keller. Überall fielen uns die Risse, Löcher und Sprünge auf und wir versuchten wirklich bis zuletzt unser Haus zu retten.

Wer von außen an unserem Haus vorbei kam, bemerkte nicht einmal, dass es kurz vor dem Einsturz stand. Gut, es strahlte nicht mehr ganz so sehr, wie in seinen besten Tagen. Dazu kam, dass in der Zwischenzeit in unserer Straße einige ebenso schöne und noch modernere Häuser gebaut wurden, die etwas die Aufmerksamkeit von unserem Domizil lenkten. Aber hey, da waren auch einige Bauherren mit größerem Portemonnaie am Werk, die sich nun mal mehr Luxus erlauben konnten. Alles in allem hatten wir bald den Ruf von verwöhnten Gören, die nur nach links und rechts auf die tollen Häuser schielten und ihr eigenes Privileg nicht wertschätzten. Sollen Sie doch froh sein, dass sie in so einem schönen Haus wohnen dürfen, in der exklusivsten Straße weit und breit! Unsere Hinweise, dass wir Angst um unsere Zukunft hätten, weil unser Haus massiv Einsturz gefährdet sei, wurden mit einem müden Lächeln quittiert.

Im Sommer haben wir das Haus dann abreißen lassen. Wir taten uns sehr schwer mit der Entscheidung, haben bis zuletzt hin und her überlegt und warteten so lange, bis uns die Bude fast über den Köpfen eingestürzt wäre. Der Wiederaufbau wird eine ganze Zeit dauern, das war uns vorher klar: Trümmer beseitigen, Architekten und Baufirma beauftragen, Grundriss festlegen, Fundament gießen, Mauern hochziehen und so weiter und so fort. Keiner konnte uns so genau sagen, wann wir das Richtfest feiern können werden. Wir müssen wohl lernen, geduldig zu sein. Aber das ist es uns wert, wir wollen schließlich, dass das neue Haus ebenso schön wird, wie das alte mal war.

Manchmal haben wir aber doch noch unsere Zweifel, ob wir die richtige Entscheidung getroffen haben. Haben wir den richtigen Architekten gewählt? Ist der Grundriss so, dass wir später mit unseren Zimmern zufrieden sein werden? Arbeiten die Handwerker auch zuverlässig? Mit jedem Tag, der verstreicht, werden wir ungeduldiger und schauen ganz genau hin, was auf unserer Baustelle passiert. Vieles können wir nicht richtig einordnen. Braucht denn das Fundament wirklich so lange wie es der Vorarbeiter sagt? Kann man das nicht schneller machen? Vor kurzem kamen wir auf die Baustelle und keiner hat gearbeitet, alle standen in der Ecke rum und haben Bier getrunken. Bekommt man heutzutage wirklich kein besseres Personal? Aber unser Geldbeutel ist halt auch nicht mehr so prall gefüllt wie damals.

Ab und zu kommen Passanten an unserer Baustelle vorbei und wundern sich, wo das Haus abgeblieben ist, das dort mal gestanden hat. Dann müssen wir uns bösen Spott und bissige Kommentare anhören, aber da stehen wir drüber, denn wir wissen ja, dass es auf unserer Baustelle derzeit nicht schön aussieht und wir noch etwas warten müssen, bis das erste Lob für unseren Neubau kommt. Man kann den Passanten schließlich nicht vorwerfen, dass sie sich nicht für unsere Baupläne interessieren, solange dort kein Haus sichtbar wird. Trotzdem werden wir dann etwas melancholisch und denken an die Zeiten, als man uns noch Bewunderung für unser Heim entgegenbrachte. Dann vermissen wir unser altes Haus, auch wenn wir wissen, dass es nicht mehr lange stehengeblieben wäre.

Und so verharren wir wartend auf unserer Baustelle, ohne Gewissheit wann unser Haus fertiggestellt wird und ob wir den Tag überhaupt erleben werden. Wir schauen uns um, sehen wie das Fundament gegossen wird und fragen uns, ob das alles so seine Richtigkeit hat. An einem Tag lassen wir uns beschwichtigen und blicken optimistisch in die Zukunft, am nächsten gucken wir wieder misstrauisch zu den Handwerkern hinüber. Lohnt es sich überhaupt, schon an das fertige Haus zu denken? Ach komm, wir wählen schon mal die Inneneinrichtung aus. Wird aber auch von Jahr zu Jahr teurer. Brauchen wir das überhaupt, wenn die Mauern krumm und schief werden? Diese Gefühlsschwankungen werden wohl erst verschwinden, wenn das Gebäude langsam Gestalt bekommt und wir es uns von allen Seiten anschauen können. Irgendwann werden wir vielleicht in unserer Villa sitzen und darüber lachen, dass wir so ängstlich waren.

Bis dahin müssen wir damit leben, dass wir obdachlos sind, Wind und Wetter schutzlos ausgeliefert. Und braut sich da im Norden nicht gerade der nächste Orkan zusammen? Oder ist es nur ein laues Lüftchen, das unserem Fundament beim Trocknen hilft? Kommt, wir holen lieber unsere Regenschirme.

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    3 Gedanken zu „Häuslebauer – Die Rauten-Parabel

    1. Nachdem ich die letzten Beiträge mit stiller Begeisterung gelesen habe, muss ich (mal wieder) mein Lob für dieses Blog aussprechen. Das sind ausgesprochen wohltuende Kommentare und Analysen zur aktuellen Situation: kritisch aber eben auch realistisch/sachlich/geduldig.

    2. Dem Lob möchte ich mich anschließen: Eine sehr schöne Allegorie, zu der nur noch gehört, dass wir regelmäßig unsere schönsten Möbelstücke verhökert haben (und uns nicht anders zu helfen wissen als jetzt verzweifelt bei Ebay nach ihnen zu suchen).

    3. Schöner Artikel! Weiterbauen! Und auch daran denken, das schöne verschnörkelte Haus war auch nicht schon immer da. Das haben wir auch gebaut – auf dem Fundament von einem sehr schönen, heute altmodisch anmutendem Haus.

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