Die Sache mit dem Plan B

Ein Vorwurf, dem sich unser heutiger Gegner Spanien immer wieder ausgesetzt sieht, ist der, dass sie keinen Plan B haben. Ähnlich Vorwürfe gibt es auch immer wieder gegen den FC Barcelona, der ähnlich spielt. Die Teams, so der Vorwurf, seien nicht in der Lage, auf unvorhergesehene Situationen adäquat zu reagieren, indem sie ihre Spielweise umstellen.

Grundsätzlich sollte man die Frage stellen, warum ein “Plan B” hier überhaupt nötig ist. Ist eine Mannschaft, die im Jahr 1 nach der erfolgreichsten Saison der europäischen Vereinsfußballgeschichte den Rekord von 99 Punkten in der heimischen Liga aufstellt, mit ihrem Plan A nicht erfolgreich genug? Braucht eine Mannschaft, die amtierender Europameister ist, seit dem Titelgewinn bis WM-Beginn von 26 Spielen 25 gewonnen hat, in den letzten 43 Monaten nur zwei Fußballspiele verloren hat und nun im WM-Halbfinale steht, wirklich einen Plan B? Klingt doch nach einem ziemlich guten Plan A.

Die Idee des Plan B ist es, auf Situationen, in denen die Ausgangstaktik nicht funktioniert, reagieren zu können. Sei es durch eine Umstellung des Systems, der Spielweise oder durch Variationen. Hierbei wird schon deutlich, dass es sich beim Problem der Spanier wie Katalanen um ein Luxusproblem handelt. Die Ausgangstaktik funktioniert fast immer. Das liegt unter anderem daran, dass man im Gegensatz zu vielen anderen Mannschaften sowohl eine ausgereifte Spielidee als auch das passende Spielermaterial dazu hat. Das geniale an der Spielidee ist, dass sie sowohl als Offensiv- wie als Defensivkonzept taugt. Die Tormaschinen Spanien und Barcelona gehören zu den Teams, die mit die wenigsten Gegentore im europäischen Fußball kassieren. Das verstärkt einerseits natürlich die Wahrnehmung, dass es einen Mangel an Variation gibt, wenn die Spielweise bei 0:1 sich von der Spielweise bei 3:0 kaum unterscheidet. Andererseits ist es für die Spieler viel einfacher, weil sie sich nur marginal umstellen müssen. Die Änderungen erfolgen dann eher in Details, aber das große Ganze bleibt gleich.

Mir scheint es eher ein Wahrnehmungsproblem zu sein, als ein Versäumnis der Spanier. Die Gleichung Plan A = Plan B ist für manche Beobachter eben nicht zufriedenstellend. Dennoch hat z.B. der FC Barcelona in der vergangenen Saison versucht, seine Optionen zu erweitern und in Zlatan Ibrahimovic einen großen Mittelstürmer eingekauft. Wenn man so will ist das ein Plan B im eigentlichen Sinne. Interessant ist dabei, dass genau in den Spielen, die gemeinhin als Paradebeispiel für den fehlenden Plan B angeführt werden – die Champions League Partien gegen Inter Mailand – diese Variante nicht funktionierte. Besonders im Rückspiel wurde Barcelona erst dann richtig torgefährlich, als Ibrahimovic vom Feld ging und der eigentliche Plan A zum Einsatz kam. Interessant ist auch, dass Inter in diesem Rückspiel keinerlei Plan B im Gepäck hatte und mit einem ultradefensiven Plan A zum Erfolg kam. Nur: Der Erfolg bestand in einer 0:1 Niederlage, die billigend in Kauf genommen wurde. Selbst ein fast ausnahmslos gegen den Ball arbeitendes Inter Mailand konnte Barcas Torgefahr nicht vollständig stoppen. Die spannende Frage ist nun: Hätte Barcelona mit einem anderen Konzept, also in diesem Fall einem Plan C, bessere Chancen auf ein Weiterkommen gehabt?

Dieser Aspekt wird bei der Diskussion um den Plan B gerne vergessen: Die Erfolgswahrscheinlichkeit des Plan A. Wenn Spanien 95% der Spiele wie gegen die Schweiz mit seinem Plan A zumindest nicht verliert, wie sinnvoll ist dann eine Umstellung auf einen wie auch immer gearteten Plan B? Als Beobachter hat man den Vorteil, den Ausgang des Spiels abwarten zu können und dann eine Aussage darüber zu treffen. Als Trainer muss man die Entscheidung vor oder während des Spiels treffen, was wesentlich schwieriger ist. Die Zielsetzung kann es daher gar nicht sein, eine zu 100% richtige Entscheidung zu treffen (was unter Unsicherheit sowieso nicht möglich ist), sondern die Erfolgswahrscheinlichkeit zu maximieren. Das klappt sowohl bei der spanischen Auswahl als auch beim FC Barcelona seit Jahren hervorragend, führt aber eben nicht zu einer Siegesgarantie. Gerade bei einem Turnier mit K.O.-Spielen macht das den Reiz aus, weil ein Ausrutscher nicht ausgeglichen werden kann (und ergo nicht immer die “beste” Mannschaft das Turnier gewinnt).

Im Hinblick auf das Spiel heute Abend habe ich keine Angst vor einem spanischen Plan B, sondern viel mehr davor, dass Plan A zu dem Ergebnis führt zu dem er meistens führt: zu einem spanischen Sieg. Allerdings hoffe ich, dass die deutsche Mannschaft schon so gut ist, dass sie mit ihrem eigenen Plan A (einen Plan B habe ich da nämlich ebenfalls nicht entdecken können) auch die Spanier ausschalten kann.

Inspiriert von Marcel Reif und diesem Beitrag bei allesaussersport

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