Das grünweiße Theaterensemble

Hamburger SV – Werder Bremen 3:2

Werder verliert auch das zweite Spiel der Rückrunde. Das 2:3 beim größten Rivalen HSV schmerzt trotz des letztlich knappen Ergebnisses wie erwartet mehr, als die Niederlage gegen den BVB. Zeit für einen alternativen Blick auf die Dinge™.

Tragödie

Das Nordderby war sehr unterhaltsam. Diesen Schluss zog jedenfalls Thomas Schaaf aus dem Spiel. Vielleicht haben wir Werders Entwicklung in den letzten Jahren völlig falsch interpretiert. Geht es am Ende gar nicht um Leistung, Punkte und Siege? Entzieht sich Werder Bremen dem neoliberalen Diktat oder gar der Leistungsgesellschaft an sich? Sollen wir uns mehr mit dem künstlerischen Wert der Aufführungen beschäftigen? Dann müssen wir – wie Will Ferrel in Stranger Than Fiction – zunächst klären, ob wir uns in einer Tragödie oder in einer Komödie befinden.

Vieles spricht für eine Tragödie: Thomas Schaaf, Aufstieg und Fall eines Fußballlehrers. Von seinem einstigen Kompagnon Klaus Allofs verlassen, gerät der einstige Meistertrainer immer mehr in die Schusslinie der Kritik. Auf dem Höhepunkt seines Schaffens wurde er von allen bewundert. Nun lebt er zurückgezogen im letzten verbliebenen Biotop der Bundesliga und wartet darauf, dass sein persönlicher Alptraum mit dem SVW endlich zu Ende geht. Der HSV nimmt dabei die Rolle des Antagonisten ein. Vor Jahren in einer epischen Schlacht vernichtend geschlagen, wittert er nun seine Chance und nimmt Rache an seinem Erzfeind.

Der alte Recke Schaaf hat noch einmal sein gesamtes Repertoire eingesetzt: Taktikumstellungen, Personalwechsel, wildes Gestikulieren – doch nichts will mehr helfen. Sein Heer muss herbe personelle Verluste einstecken und wird in die Flucht geschlagen. Keine neue Erfahrung für den Protagonisten. Jährlich grüßt das Murmeltier kurz nach der Winterpause und will sich nicht vertreiben lassen. Und jedes Jahr wird es schwieriger, die Wende zum Guten zu schaffen und die Getreuen bei Laune zu halten. Die Spirale scheint unaufhaltsam zu sein.

Wie wird diese Geschichte ausgehen? Wird der Held am Ende, dem Wahnsinn verfallen, weiter auf die Auflösung, das glückliche Ende warten, wie Jack Nickolson in der Dürrenmatt-Verfilmung Das Versprechen? Wird er im Kampf gegen die übermächtigen Gegner untergehen, wie Al Pacino in Scarface? Gibt es gar einen Königsmord à la Shakespeare (wir sollten Thomas Eichin im Auge behalten)? Oder dreht sich der Plot noch einmal auf spektakuläre Weise und entpuppt sich am Ende doch als Komödie?

Komödie

Es fällt nicht schwer, komödiantische Elemente in Werders Aufführungen zu finden. Die lustigsten Stellen sind hierbei auf eine unfreiwillige Komik zurückzuführen, die dem Fußball zugrunde liegt. Die Ernsthaftigkeit des siegen Wollens wird konterkariert durch Slapstick-artige Fehlleistungen, welche sich durch alle Bremer Mannschaftsteile ziehen.  Dem SV Werder droht jedoch die Fallhöhe abhanden zu kommen, die man für echte Komik benötigt.

Wenn der Roadrunner den von Wile E. Coyote gestellten Fallen ein ums andere Mal entkommt, dann rührt die Komik eben auch daher, dass hier der David dem Goliath ein Schnippchen schlägt. Beim Roadrunner ist es die unglaubliche Geschwindigkeit, die ihm stets das Leben rettet. Bei anderen Figuren, etwa Wickie oder MacGyver, sind es Intelligenz und Erfindungsreichtum. Wiederum andere haben einfach Glück, gepaart mit einer gewissen Bauernschläue, wie Homer Simpson und die Bluth-Familie. Nun sticht der HSV nicht durch besonders herausragende Fähigkeiten hervor, die man dem Bundesliga-Dino qua äußerlicher Erscheinung nicht zutrauen würde, doch ist auch Werder Bremen schon lange kein Wile E. Coyote mehr. Die Rückschläge werden vorhersehbar und verlieren deshalb ihre Komik.

Vielleicht wird hier auch nur ein Rollentausch vorbereitet und Werder nutzt seinerseits irgendwann die Position des Underdogs für einen Überraschungscoup. Lange wird es nicht mehr dauern, bis man in Werder nur noch eine Pippi Langstrumpf erkennt, der man ihre fast übermenschlichen Kräfte nicht ansieht. Man sollte mit der Entwicklung letzterer also besser schleunigst beginnen.

Alternativ bleibt dem SV Werder noch die Rolle des Clowns, bei dem man schon vorher weiß, dass er kein Fettnäpfchen auslassen wird. Der Zuschauer hat dabei einen Wissensvorsprung gegenüber dem Protagonisten, sieht er die Fallstricke doch schon lange vor diesem. Es hat etwas beruhigendes, schon vorher zu wissen, in wessen Gesicht die Torte am Ende wieder landen wird. Somit könnte es egal sein, ob Thomas Schaaf Sonnen- oder Regenlieder singt – am Ende steht Werder sowieso im Regen. Wenn man sich schon weiterhin der Lächerlichkeit preisgibt, kann man es dank diesem Wissen zumindest mit Würde tun.

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    6 Gedanken zu „Das grünweiße Theaterensemble

    1. Ich fürchte, Werder wird zum Clown, über den viele Leute lachen. Aber nicht, weil es komisch, sondern, weil es tragisch ist. Ich bin ratlos.

    2. Man goes to doctor. Says he’s depressed. Says life seems harsh and cruel. Says he feels all alone in a threatening world where what lies ahead is vague and uncertain. Doctor says “Treatment is simple. Werder Bremen with Thomas Schaaf is in town tonight. Go and see him. That should pick you up.” Man bursts into tears. Says “But, doctor…I am Schaaf.” Good joke. Everybody laugh. Roll on snare drum. Curtains. Fade to black

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