Struktur und Sicherheit

Bundesliga, 5. Spieltag: Hannover 96 – Werder Bremen 4:1

Was soll ich schreiben? Meinen Post von Sonntag wiederholen? So wird man auch mit Laufbereitschaft, Einsatz und Zweikampfstärke kein Spiel gewinnen. Entweder man versucht es konsequent wie eine Durchschnittsmannschaft, spielt diszipliniert und strukturiert und hofft dann auf schnelle Konter und Einzelaktionen. Oder man macht weiter auf Spitzenmannschaft, lässt den Ball laufen, spielt offensiv und kombiniert sich in den Strafraum (wie das momentan gehen soll, muss mir aber noch jemand erklären). Was man aber auf gar keinen Fall machen darf, führte Werder gegen Hannover gestern vor: Ohne Struktur und ohne vernünftige Raumaufteilung zu versuchen, einen Ein-Tore-Rückstand aufzuholen. Da helfen auch sieben Stürmer nicht weiter.

Die Umstellung nach 70 Minuten entzog der ohnehin unsicher wirkenden Mannschaft völlig die Substanz. Almeida, Wagner und Arnautovic rannten sich fast gegenseitig über den Haufen und bildeten für Marin bloß zusätzliche Slalomstangen. Hunt und Frings hatten das Vergnügen, alleine das Mittelfeld schmeißen zu dürfen. Wen wundert es, dass Werder in dieser Phase keine gefährlichen Angriffe zustande brachte und auch beim Ballbesitz bis zum Ende des Spiels unter 50% blieb? Bis dahin sahen zumindest die statistischen Werte gut aus: Mehr Ballbesitz, mehr Zweikämpfe gewonnen (in der Luft wie am Boden), mehr Pässe gespielt, höhere Passgenauigkeit, mehr angekommene Flanken und bis zur Schlussphase sogar mehr Torschüsse. Was wieder einmal zeigt, dass diese Werte allein überhaupt gar nichts aussagen. Genauso wenig wie gelaufene Kilometer, durchschnittliche Schuhgröße oder kumulierte Haarfarbe der Viererkette.

Ohne Struktur keine Sicherheit, ohne Sicherheit kein Kombinationsspiel und ohne Kombinationsspiel keine Offensivstärke. Man muss nach diesem Spiel einsehen, dass man 70 Minuten lang ein ebenbürtiger Gegner für Hannover 96 war, nicht mehr und nicht weniger. Das ist eine bittere Wahrheit verglichen mit den eigenen Ambitionen, aber sie lässt sich momentan nicht so einfach aus der Welt schaffen. Sie lässt sich vor allem nicht aus der Welt schaffen, indem man munter weiter wie eine verhinderte Spitzenmannschaft auftritt und meint, den Gegner in der Schlussphase überrollen zu können. Die Konter zum 3:1 und 4:1 kamen fast schon zwangsläufig. Die Mannschaft braucht in der jetzigen Phase vor allem Sicherheit und Struktur. Wenn man das erreicht, kann es langsam wieder aufwärts gehen, wie nach der letzten Niederlagenserie im Winter. Entzieht man ihr die Struktur, wird wild umher gelaufen und die individuelle Klasse reicht momentan nicht, um gegen Hannover trotzdem einen Sieg herauszuholen. Ständige taktische Experimente, Dreifachwechsel oder Vierersturm verunsichern das Team noch weiter.

Früher hat Schaaf lange mit personellen Änderungen gewartet, jetzt wechselt er seine Startelf munter durch: Hunt raus, Almeida rein, Bargfrede raus, Hunt rein, Wesley raus, Borowski rein, Borowski raus, Bargfrede rein, Almeida raus, Wagner rein, Arnautovic raus, Wesley rein, Mittelfeld raus, alle Stürmer rein. Leider gibt es zu wenig Konstanten, denen der Trainer wirklich vertraut. Gerade deshalb braucht es nun einfache Lösungen, ein stabiles 4-2-3-1 auch bei Rückschlägen, auswärts auf Konter spielen und zur Not mit einem 0:0 leben. Angriffsfußball, viele Tore, Spektakel – das kann alles warten. Bei aller Kritik wäre es falsch, zu diesem Zeitpunkt den Trainer grundsätzlich in Frage zu stellen. Einen Vertrauensvorschuss hat Thomas Schaaf sich allemal verdient und ich denke, dass er mit seinem Team auch diesmal den richtigen Weg zurück in die Spur finden wird.

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    6 Gedanken zu „Struktur und Sicherheit

    1. Bei aller Depremie, es war nur ein 4:1 (Titel).

      Schaaf handelt im Moment in der Tat etwas zielunführend. Schauen wir mal, was am Samstag kommt.

    2. Salü,

      deine Thesen (Stabilität reibringen durch konsequente Defensivarbeit, Struktur reinbringen, auf feste Stammelf bauen, Taktik beibehalten etc.) sind wirklich die einzigen Ansätze die auch ich sehe. Allerdings möchte ich doch noch betonen, dass Thomas Schaaf von mir ALLE Zeit der Welt bekommt (und vom Verein auch bekomemn sollte). Sinnlos alles Positive, dass er reingebracht hat aufzuzählen. Will sagen, bevor ich Thomas Schaaf in Frage stelle, würde ich Management, Vereinsführung, Mannschaft, kurz Alles in Frage stellen. Thomas Schaaf hat sich weit mehr als einen Vertrauensvorachuss verdient (ich würde sogar in die Zweite mit ihm gehen).
      Ich sehe auch, dass er Fehler gemacht hat, wie weiter oben hinlänglich beschrieben, aber bisher hat er noch immer die Kurve bekommen. Wichtig allein ist jetzt einen ruhigen Kopf zu bewahren, konzentriert weiter arbeiten (keine leere Phrase) und die beschriebenen Maßnahmen einleiten – ohne Rücksicht auf individuelle Schicksale. Hier liegt m.E. ein Kernproblem in dieser Saison. Dadurch, dass sich die Stammelf in den Vorjahren nahezu von allein aufstellte, musste Schaaf kaum mal einem Spieler “weh tun”. Das ist dieses Jahr anders: denn sowohl Boro,als auch Bargi, Wesley, Arni, Hugo, Hunt etc. sehen sich in der Startelf und abgestraft, wenn sie mal draußen sitzen. Man muss ihnen klar machen, dass die Mannschaft zählt, nicht der Einzelne.

    3. Ok, ich hab ein bisschen den Teufel an die Wand gemalt. Das letzte was ich will, ist eine Trainerdiskussion zu starten. Da müsste schon sehr viel passieren, dass ich ernsthaft einen Wechsel befürworten würde. Leider muss man das schon fast immer dazu schreiben, weil von manchen Fans jede Kritik am Trainer als Majestätsbeleidigung aufgefasst wird (damit meine ich nicht dich). Schaafs Arbeit über die Jahre war phänomenal und ich schätze ihn so ein, dass er von selbst gehen würde, wenn er merkt, dass seine Arbeit die Mannschaft nicht mehr weiterbringt.

      Was du zur Stammelf schreibst ist sicher richtig. Schon komisch, vor zwei Wochen sah es noch nach einem Luxusproblem aus und nun ist keiner der genannten ein einer Form, in der er zwangsläufig in die Stammelf gehört. Deshalb tut sich Schaaf wahrscheinlich auch so schwer damit, 9-10 Spieler zu finden, denen er wirklich vertraut. Ich bin wirklich sehr gespannt auf Samstag, wenn Merte und Pizza wieder dabei sind. Das mit Naldo ist ärgerlich, aber das war zu befürchten. Für die Hinrunde sollte man nicht mehr auf ihn zählen.

    4. Ich kann mich nicht erinnern, in der Ära Schaaf schon mal so ein Chaos auf dem Platz gesehen zu haben, über mehrere Spiele hinweg – wie von Dir sehr nett beschrieben.

      Das liegt leider einzig und allein am Trainer, und nicht an der Form einzelner Spieler, den Verletzten.

      Ich kann mir das überhaupt nicht erklären, Schaaf hat ja lange Jahre bewiesen, was er taktisch drauf hat. Auf jeden Fall muss er das abstellen – der Kader bietet so viel, es liegt am Trainer, die Möglichkeiten jetzt auch auf dem Platz umzusetzen.

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