Diamonds are forever, Teil 1 – Die Hinrunde in 3 Akten

1. Akt: Im Zeichen der Raute

Werder hat im Sommer gut gearbeitet. Man hat aus der verkorksten letzten Saison die richtigen Schlüsse gezogen und einen Umbruch eingeleitet. Der alte Platzhirsch Torsten Frings wurde aussortiert und im Spätsommer ließ man auch seinen Stellvertreter Per Mertesacker ziehen. Die Einkäufe waren – durch Sparzwänge begünstigt – wieder kreativer als in den letzten Jahren. Statt (vorerst) gescheiterter Riesentalente verpflichtete man diesmal junge Spieler, deren Einsatzwillen unumstrittener war, als ihr fußballerisches Können. Lukas Schmitz kam ohne große Vorschusslorbeeren von Schalke und stabilisierte die linke Abwehrseite. Mit Aleksandar Ignjovski und Sokratis wurden zwei weitere Kämpfertypen für die Defensive geholt. Mit Andreas Wolf kam ein nicht unumstrittener Haudegen für die Innenverteidigung. Lediglich der Ekici-Transfer erinnerte an die ambitionierten Einkäufe der letzten Jahre.

Nach den Experimenten der Hinrunde der Vorsaison legte sich Thomas Schaaf diesmal früh auf ein System fest. Er setzte wie zu großen Teilen seiner Zeit bei Werder auf ein 4-4-2 mit Raute. Der Mannschaft gab dies in dieser Frühphase der Saison die Orientierung, die im vorigen Herbst gefehlt hatte. Der wichtigste Schachzug in dieser Phase war jedoch eine personelle Umstellung: Nach der Verletzung Tim Borowskis holte Schaaf den neuen Kapitän Clemens Fritz ins halbrechte Mittelfeld und stellte den gelernten Innenverteidiger Sokratis als Rechtsverteidiger auf. Dies stabilisierte sowohl das Mittelfeld als auch die Viererkette, zumal mit Prödl und Mertesacker zu Beginn der Bundesligasaison auch zwei Innenverteidiger zurückkehrten, die in der Vorbereitung gefehlt hatten.

Die peinliche Niederlage im Pokal gegen Heidenheim steckte die Mannschaft überraschend gut weg. Nachdem schon vor dem 1. Bundesligaspieltag die Krise greifbar war, wirkte Werder in den ersten Spielen der Saison überraschend gut eingespielt. Während andere hochgelobte Mannschaften (Leverkusen, Schalke, BVB) noch ihre Probleme hatten, holte Werder 12 Punkte aus den ersten 5 Spielen und stand plötzlich oben in der Tabelle. Rückkehrer Markus Rosenberg konnte sich in dieser Phase als Goalgetter auszeichnen und die starke Bank mit Ekici, Wesley, Arnautovic, Ignjovski und dem wiedergenesenen Naldo machte häufig den Unterschied aus.

2. Akt: Rückstände und Kampfeslust

Trotz aller guten Ansätze und erkennbarer Automatismen im Offensivspiel erreichte man nicht die spielerische Dominanz früherer Jahre. Das wäre angesichts der Vorsaison wohl auch zuviel erwartet. Die ersten Topspiele gegen Hannover und Dortmund gaben den Kritikern, die Thomas Schaafs System für nicht mehr zeitgemäß halten, allerdings neue Bestätigung. Werder geriet in dieser Phase der Saison immer wieder in Rückstand, häufig schon zu einem frühen Zeitpunkt im Spiel. Die Defensive zeigte sich wieder so anfällig, wie man es von Werder gewohnt ist. Zu viele individuelle Fehler (Wolf gegen Dortmund und Augsburg, Prödl gegen Köln), aber auch die altbekannte und systembedingte Konteranfälligkeit machten es den Gegnern zu einfach.

Überspielt wurden die Probleme in dieser Phase von einem geradezu unbändigen Siegeswillen und großer Laufbereitschaft. Die Mittelfeld-Achse Fritz – Bargfrede – Hunt gehörte in der Hinrunde zum Lauf- und Zweikampfstärksten, was die Bundesliga zu bieten hatte. Bei den häufig mitreißenden Aufholjagden war Werder jedoch zu abhängig von Claudio Pizarro, der sich immer wieder als Werders Lebensversicherung erwies. Von Automatismen im Spiel nach vorne war nur noch wenig zu sehen. Auf der 10er Position verlor Marin seine gute Form aus den ersten Spielen und auch Ekici fand nicht in die Rolle hinter den Spitzen hinein. Dazu machten es die Gegner dem Bremer Aufbauspiel immer schwerer. Der vertikale Ball ins Mittelfeld wurde durch konsequentes Zustellen der Rautenspieler meist verhindert und Schaafs Mannschaft fiel dagegen nicht viel ein.

3. Akt: Watschn

Trotz aller Probleme blieb Werder immer in der Nähe der Champions League Plätze. An 16 von 17 Spieltagen stand man auf einem Europacup-Platz. Im Weserstadion holte man 21 von 24 möglichen Punkten und war damit die beste Heimmannschaft der Liga. Auswärts bekam man allerdings zum Ende der Hinrunde enorme Probleme. Gegen die Schwergewichte der Liga geriet man ordentlich unter die Räder und kassiert gegen Gladbach, Bayern und Schalke 14 Gegentore. Die schallende Ohrfeige in Gladbach kam wenig überraschend, nachdem man gegen schwächere Gegner vorher einige Male den Kopf gerade noch aus der Schlinge ziehen konnte. Gegen Favres Team lief Werder mutig und zielgenau ins offene Messer.

Die letzten beiden Heimspiele boten aber auch Grund zur Hoffnung. Die Abhängigkeit von Pizarro scheint wieder geringer, die Automatismen im Spiel kamen wieder besser zur Geltung. Zuhause und gegen weniger starke Gegner kommt man mit dem gewählten System gut zurecht und kann auch spielerisch einigermaßen überzeugen. Auswärts und gegen personell wie taktisch starke Mannschaften läuft man immer wieder Gefahr, mit fliegenden Fahnen unterzugehen. Lediglich in München war eine deutliche Abkehr von der gewohnten Ausrichtung erkennbar. Hier ließ Schaaf sehr kompakt und tief agieren, ohne seine Grundformation der Raute aufzugeben. Gegen andere Gegner scheint er nicht bereit zu sein, von seiner Prämisse des aktiven Spiels, des “etwas Anbietens” abzuweichen. Auf Schalke war die Konsequenz erkennbar. Nicht die Raute war das Problem (auch Schalke spielte mit Raute), sondern der Anspruch, dem Gegner auch auf fremdem Platz spielerisch Paroli zu bieten.

Fazit: Best of the rest

Ein Fazit fällt in dieser Winterpause schwer. Einerseits sind deutliche Verbesserungen erkennbar, auf denen sich für die Rückrunde aufbauen lässt. Man hielt sich schadlos gegen die kleinen Vereine, was man in der Vergangenheit nicht immer behaupten konnte. Andererseits reichte es gegen die großen Gegner nicht. Die sechs Niederlagen kamen gegen die sechs besten Mannschaften der Liga. Die Rückrunde wird zeigen, wie stur Thomas Schaaf wirklich ist. Bleibt er bei seinem Anspruch, Werder wieder zu alter spielerischer Klasse zu führen? Und wenn ja: Schafft er es mit den gewählten Mitteln trotz aller Zweifler? Oder geht er den pragmatischeren Weg und trichtert dem Team in der Winterpause ein Alternativsystem ein (was nicht automatisch eine Abkehr von der Raute bedeuten muss), das zumindest gegen die übermächtigen und gleichwertigen Gegner zum Einsatz kommt?

Die Vertragsverlängerung der beiden sportlichen Leiter setzt besonders Schaaf unter Zugzwang. Als Krisenmanager und Bauherr hat er sich 2011 bewährt. Nun muss er zeigen, dass er auch den nächsten Schritt gehen kann.

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