Hinterlegt

Werder Bremen – 1. FC Kaiserslautern 2:0

So hatte ich mir das eigentlich nicht vorgestellt. Werders erstes Bundesligaspiel 2011/12 wird angepfiffen und ich werde von einem Ordner an Tor 5 auf gefährliche Gegenstände gefilzt. Doch der Reihe nach.

Ich komme einigermaßen pünktlich zuhause los. Nicht so früh, wie ich eigentlich vor hatte, aber immerhin noch früh genug, um mich vor dem Spiel noch mit ein paar Werderfans zu treffen, mit denen ich mich vorher per Twitter verabredet hatte. So lerne ich dann endlich mal Stephen (@sreygate) vom Papierkugel Blog persönlich kennen und @KatarinaWerderf gleich noch dazu. Vor dem Rommy’s wird ein wenig gefachsimpelt und vorsichtig optimistisch auf das Spiel geschaut. Um 14:45 soll es dann mit meinem Bruder und meinem Neffen ins Stadion gehen. VIP-Loge-Nord. Denke ich.

Mein Bruder Wolfgang ist über einen Bekannten kurz vor Saisonbeginn noch an drei Dauerkarten gekommen. Zu meinem Glück ist er zum Zeitpunkt des Spiels jedoch noch im Urlaub, und da es seit dieser Saison für Dauerkarteninhaber keine einzelnen Tickets für die Spiele mehr gibt, sondern eine Plastikkarte, die für alle Spiele gültig ist, will er die Dauerkarten verständlicherweise nur an jemanden abtreten, bei dem er sich darauf verlassen kann, sie nach dem Spiel auch wiederzubekommen. Die Wahl fiel auf meinen anderen Bruder Robert, dessen 6-jährigen Sohn Lenni und mich.

Robert und Lenni warten schon vor dem VIP-Eingang Nord. Hier sollen wir die Dauerkarten abholen, die auf meinen Namen hinterlegt sind. Sein sollten. Es aber nicht sind, nach Auskunft der freundlichen Hostess, die mich ans Ticketcenter verweist. Am Ticketcenter lange Schlangen. Noch 40 Minuten bis Anpfiff. Einer der Ordner weist mich auf den separaten VIP-Schalter hin, an dem die Schlange weitaus kürzer ist. Nun sollte es doch schnell gehen. Drei Dauerkarten, VIP-Loge, hinterlegt auf den Namen Singer. Nicht gefunden. Wie war der Name noch gleich? Nein, tut mir leid, da müssen Sie sich dort drüben am Schalter noch mal anstellen.

Zurück in die Schlange, aus der ich vorher noch erleichtert geflohen war. Vor mir viele Menschen, die ein Problem mit ihrer Eintrittskarte haben. Die üblichen Geburtsprobleme bei der Einführung einer neuen Technologie. Später auch zu sehen beim Kauf einer Brezel. Die vorher via Internet aufgeladene Bezahlkarte ist nicht aktiviert. Zum aktivieren müssen wir uns am selben Stand anstellen, an dem wir uns auch hätten anstellen müssen, wenn wir die Karte nicht vorher online aufgeladen hätten. Der Fehler war Werder vorher bekannt, erfahre ich später. An unsere Brezeln kommen wir in der Halbzeit trotzdem. Zunächst kommen wir jedoch gar nicht erst ins Stadion. Tut mir leid, sagt man mir erneut. Auf diesen Namen ist hier nichts hinterlegt. Die Tickets sollten eigentlich auch am VIP-Eingang Nord liegen. Nein, das machen wir in dieser Saison nicht mehr. Das läuft nun alles zentral übers Ticketcenter. Ein Anruf bei Wolfgang. Mailbox. Kein Empfang. Ich versuche es erneut und erneut. Nichts geht.

Nun versucht es Robert auch. Ein Freizeichen. Jemand hebt ab, aber die Verbindung ist zu schlecht, um sich zu verstehen. Mein Handy stürzt unterdessen ab. Ausschalten, einschalten, PIN eingeben. Mist vertippt. Noch mal. Dann fällt mir ein, dass ich eine neue SIM-Karte habe. Wie lautet der PIN? Verdammt noch mal! Dritte falsche Eingabe. PIN gesperrt. Also schon mal keine Twitter-Updates im Stadion. Wenigstens erreicht Robert nun Wolfgang und kann drei Sätze mit ihm wechseln. Auf den Namen seines Stiefsohnes könnten die Karten auch hinterlegt sein: Saathoff. Wieder kein Treffer. Oder vielleicht der Name des Bekannten, der die Karten ursprünglich gekauft hatte? Müller. Ein Name, der hier nicht viel weiterhilft. Noch 5 Minuten bis zum Anpfiff.

Das Ticketcenter leert sich. Inzwischen sind alle Problemfälle gelöst, alle defekten Karten ausgetauscht. Nur Robert, Lenni und ich stehen noch dort. Aus dem Stadion tönt Arnd Zeiglers Stimme. Die Aufstellungen. Hunt spielt also doch. Und Thy auch. Lenni sitzt maulig auf der Fensterbank. Warum lassen die uns nicht ins Stadion? Ein letzter Versuch. Die immer verzweifelter wirkende Dame im Ticketcenter entschuldigt sich zum wiederholten Male, doch es gibt hier leider keine hinterlegten Karten.

15:29. Wir treten den Rückzug an. Ab in die Kneipe? In meinem Kopf werden Alternativen verglichen. Wohin kann man mit einem Sechsjährigen gehen? Robert schlägt vor, es ein letztes Mal am VIP-Eingang Nord zu versuchen. Guten Tag, hier sind drei Dauerkarten auf den Namen Singer für uns hinterlegt. Ein Moment, ich schaue kurz nach. Ah ja, da sind sie ja! Mir fällt alles aus dem Gesicht. Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich die ebenfalls sehr nette Hostess – eine andere als beim ersten Versuch – umarmen oder anbrüllen möchte. Ein Moment noch bitte, die Karten sind gar nicht für hier! Wie? Ungläubige Gesichter, so nah dran gewesen. Die Karten sind nicht für die Loge, sie müssen bitte nach draußen und da durchs Tor gehen. Es ist uns längst egal, wir würden uns auch auf die Treppenstufen setzen, wenn man uns doch nur endlich ins Stadion ließe. Wir hasten zum Tor, drei Dauerkarten in der Hand mit einem Namen drauf, den ich nie zuvor gehört habe – nicht Singer, nicht Saathoff und auch nicht Müller. Alles egal.

Als wir unsere Plätze erreichen, vergibt Thy gerade die erste Chance des Spiels. 85 Minuten später ist die Stimmung im Weserstadion so gut wie seit einem Jahr nicht. Die Ostkurve tanzt den Andre Wiedener und Lenni, der mehr Interesse am Lauterer Anhang zeigte, als am Spiel selbst, strahlt wie ein Honigkuchenpferd. Schlimmer hätte die Saison nicht anfangen können. Besser hätte der Stadionbesuch nicht sein können.

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