Ist Dutt in Bremen schon am Ende?

In meinem letzten Beitrag habe ich anklingen lassen, dass die Luft für Robin Dutt als Werder-Trainer langsam dünn wird und mein Vertrauen darin, dass er Werder zurück auf den richtigen Weg führen kann, schwindet. Dafür wurde mir von manchen Lesern ein zu hartes und von manchen ein zu weiches Urteil vorgeworfen. Deshalb soll es hier statt um die wie erwartet deutliche Niederlage gegen Borussia Dortmund um eine etwas detailliertere Bewertung von Robin Dutts Arbeit gehen. Dabei sind für mich zwei Punkte entscheidend: Wie groß ist Dutts Anteil an der sportlich schlechten Situation und welche Argumente sprechen noch für den Trainer?

Ist das Fußball oder kann das weg?

Spielerisch gehört Werder in dieser Saison zu den schlechtesten Mannschaften der Bundesliga. Bei Ballbesitz und Passquote liegt das Team auf dem letzten Platz. Gerade Werder ist jedoch ein gutes Beispiel dafür, dass gute Werte bei Ballbesitz und Passquote keinen Erfolg garantieren, bzw. nur begrenzt als Qualitätsbeweis taugen. In der Vergangenheit wurde Werder oft genug von Mannschaften geschlagen, die deutlich schlechtere Passquoten und wesentlich weniger Ballbesitz hatten. Das Paradebeispiel dafür war FSV Mainz, die bei ihren Auswärtssiegen in Bremen 2013/14 (69% Passquote, 43% Ballbesitz) und 2011/12 (64% Passquote, 35% Ballbesitz) in diesen Kategorien jeweils deutlich schlechter abschnitten, als ihr Gegner.

Die schlechten Werte sind nicht nur Resultat einer allgemeinen Verschlechterung des Bremer Passspiels, sondern auch einer Abkehr von Schaafs Kurzpassfußball hin zu einem reaktiven Stil. Dieser Stilwechsel kam nicht überraschend und ich halte ihn auch nach wie vor für richtig. Die Grundlagen, die Werder in den letzten Jahren der Ära Schaaf fehlten, und die noch immer fehlen, waren eher im taktischen Bereich und in der Defensivorganisation zu suchen, während man spielerisch noch immer konkurrenzfähig war. Man geht nun also bewusst einen Schritt zurück. Der Aufbau einer neuen spielerischen Identität, so das Kalkül dahinter, braucht weitaus mehr Zeit, als die Vermittlung einer pragmatischen Spielweise, die mangelnde Klasse durch hohe Bälle und viel Kampf zumindest vorübergehend wettmachen kann. Deshalb ist die desolate spielerische Verfassung der Mannschaft für mich derzeit nicht der Maßstab, um Dutts bisherige Arbeit zu bewerten – wohl aber seine zukünftige Arbeit, sofern er in der nächsten Saison noch Trainer ist, denn die momentane Spielweise darf nur eine Momentaufnahme, ein Mittel zum Zweck sein.

Verzweifelt gesucht: Defensive Stabilität

Ist also alles Gut im Werder-Land? Nein, denn die Ausführung der beschriebenen pragmatischen Spielweise lässt noch zu wünschen übrig. Bei 45 Gegentoren in 20 Spielen lässt sich nicht von einer defensiven Stabilisierung sprechen. Normalerweise müsste diese Bilanz in Verbindung mit den oben genannten spielerische Schwächen dazu führen, dass Werder chancenlos absteigt. Warum aber steht Werder auf dem 13. Platz? Zum einen liegt es an der Schwäche der Konkurrenz. Am gleichen Spieltag der Vorsaison hätten Werders 20 Punkte den Relegationsplatz bedeutet. Zum anderen liegt es aber auch daran, dass Werder allen Gegentoren zum Trotz bereits sechs Mal ohne Gegentor blieb, was seit vier Jahren nicht mehr gelungen ist.

Diese Spiele ohne Gegentor sind der (einzige?) Schlüssel zum Erfolg in dieser Saison. 14 der 20 Punkte wurden in diesen Spielen geholt. Es versteht sich von selbst, dass Spiele ohne Gegentor zu Erfolg führen, doch für Werder gilt dies in besonderem Maße, weil offensiv so wenig Gefahr ausgestrahlt wird, dass es kaum möglich ist, einen Rückstand aufzuholen. Darum verwundert es umso mehr, dass Dutt zur Hälfte der Hinrunde vom bis dahin recht erfolgreichen Defensivstil abwich und sich an einer offensiveren Ausrichtung versuchte. Statt tief zu verteidigen wollte man nun im Mittelfeld das Gegenpressing suchen und dadurch zu höheren Ballgewinnen kommen. Wenn schon kaum einmal drei Pässe in Folge ankommen, dann soll wenigstens der Ball höher auf dem Spielfeld gewonnen werden, um den Weg zum Tor gering zu halten. Paradebeispiel dafür war Kroos Tor auf Schalke. Zwischen dem 11. und dem 16. Spieltag erzielte Werder die Hälfte aller Saisontore. Allerdings kassierte man zu dieser Zeit auch die Hälfte aller Saisontore. Bei einem Torverhältnis von 24:45 kann das nicht wünschenswert sein.

Bitte Umschalten

Im letzten Spiel vor der Winterpause korrigierte Dutt seinen Fehler und stellte sein Team gegen Bayer Leverkusen wieder sehr defensiv ein. Werder gewann das Spiel nicht einmal unverdient und besiegte damit zum ersten Mal seit Mai 2011 wieder ein Team aus den Top 4 der Tabelle. Dennoch scheint Dutt nicht richtig davon überzeugt zu sein, es bis auf weiteres bei dieser Spielweise zu belassen. Gegen Braunschweig zuhause erwies sie sich als ungeeignetes Mittel, in Augsburg bewegte ihn erst Garcias Platzverweis dazu. Gegen Dortmund pendelte Junuzovic in einer Rolle zwischen zweitem Sechser und vorderstem Angreifer im Pressing. Es gehört im heutigen Fußball zur Normalität, dass Teams zwischen verschiedenen Systemen wechseln. Dutt täte aus meiner Sicht jedoch gut daran, sein Team vorerst in einem einfachen System aufzustellen und es bei der besagten defensiven Spielweise zu belassen (wie es nebenbei bemerkt auch Schaaf am Ende der letzten Saison getan hat, was mMn. ein wichtiger Faktor für den Klassenerhalt war).

Zu den wichtigsten Eigenschaften erfolgreicher reaktiver Mannschaften gehört im modernen Fußball ein gutes Umschaltspiel. Dies ist aus meiner Sicht Werders größtes Versäumnis in dieser Saison. Wer wenig Ballbesitz hat, sich also nicht aus dem eigenen Aufbau in den gegnerischen Strafraum kombinieren kann, muss andere Wege finden, um zu Torchancen zu kommen. Ein hohes Pressing kann Werder nicht riskieren, wie die zweite Hälfte der Hinrunde gezeigt hat. Die Lösung müsste daher ein schnelles und direktes Umschaltspiel sein, bei dem der Ball über wenige Stationen direkt in die Spitze geleitet wird. Hierzu scheint Werders Kader nicht geeignet besetzt zu sein. Elia und Petersen sind zwar schnell, doch ihnen mangelt es an Spielintelligenz und cleveren Laufwegen. Im defensiven Mittelfeld fehlt dazu ein zuverlässiger Umschaltspieler. So ist es meistens Aaron Hunt, der gesucht wird. Mit seiner für Werder einzigartigen Technik und Ballbehauptung kann er in der gegnerischen Hälfte Bälle verarbeiten, die sonst meistens verloren gehen. Allerdings geht dabei zumeist das Tempo verloren. Der Ball wird mangels direkter Anspielstationen gehalten und bis Spieler nachrücken wurde Hunt bereits gedoppelt.

Ich könnte mir vorstellen, dass Werders Schwächen im Umschaltspiel der Hauptgrund dafür sind, dass Dutt nicht konsequenter auf ein tiefes Defensivsystem setzt. Vor diesem Hintergrund erscheint die Verpflichtung von Fin Bartels vielversprechend.

Leitwölfe und Nachwuchsspieler

Derzeit spalten sich die Fans zunehmend in diejenigen, die Dutt die (Haupt-)Schuld an Werders schlechter Saison geben und diejenigen, die Werders Kader als zu schwach ansehen, um sich aus dem Abstiegskampf heraushalten zu können. Ich halte Werders Kader für bestenfalls durchschnittlich, aber nicht so schwach, dass Platz 13 das höchste aller Gefühle ist. Ich teile Thomas Eichins Einschätzung, dass mit dem Kader Platz 8 bis 14 realistisch ist. Das Hauptproblem, gerade im Vergleich zu Mittelklasseteams wie Augsburg oder Mainz, ist, dass Werders Kader nicht gut ausgewogen erscheint. Während auf einigen Positionen ein Überangebot an Alternativen vorhanden ist, können andere über Monate nur notdürftig besetzt werden. Hervorzuheben wäre hier die Position des defensiven, sprich: aufbauenden Sechsers. Hier ist Felix Kroos die einzige echte Option, während für die Position des offensiveren Sechsers (oder Achters, Box-to-Box Spielers, wie auch immer man ihn nennen will) mit Makiadi, Bargfrede, Junuzovic und Ignjovski gleich vier Spieler zur Auswahl stehen. Mit Di Santo spielte lange Zeit ein Mittelstürmer auf der linken Außenbahn. Spieler wie Elia und Petersen sind trotz ihrer oben angesprochenen Schwächen gesetzt.

Trotz der beschränkten Möglichkeiten hat Dutt einige riskante Personalentscheidungen in dieser Saison getroffen. Die Ausbootung von Mielitz mag man menschlich für hart und sportlich für falsch halten, sie wird aber keinen allzu großen Einfluss auf den Saisonverlauf haben. Das Festhalten an Fritz und Makiadi hingegen ist bzw. war ein Risiko. Zwar hat keiner von beiden in der Hinrunde durchgehend schlecht gespielt (bei Fritz wird gerne seine starke Form zu Saisonbeginn übersehen), doch die von Dutt auserkorenen Führungsspieler sind in dieser Saison keine Leistungsträger. Das Zögern des Trainers ist an dieser Stelle verständlich, da solche Wechsel mehr als nur sportliche Auswirkungen haben. Ich sehe es aber als positives Zeichen, dass Dutt Makiadi gegen Dortmund auf die Bank gesetzt hat, allein schon als Signal, dass sich die Mannschaft nicht von selbst aufstellt und die Lieblinge des Trainers eine Einsatzgarantie haben.

Ein weiterer Kritikpunkt an Robin Dutt ist sein zögerliches Einbinden des eigenen Nachwuchses. Vor der Saison wurde die Wichtigkeit der Nachwuchsarbeit für Werders Zukunft propagiert und Dutts Fähigkeiten in diesem Bereich gepriesen. Verständlich also, dass die bislang nur partielle Einbindung von Jugendspielern für Irritationen sorgt. Allerdings sollte man dabei nicht übersehen, dass mit Kobylanski, Lorenzen, Selke und Aycicek bereits vier Spieler unter Dutt ihr Bundesligadebut gaben und auch andere Spieler wie von Haacke, Zander, Hilßner und Rehfeldt bereits im Kader standen. Mir erscheint die Kritik aber ohnehin zu kurz gedacht, denn das Heranführen der vorhandenen Jugendspieler an den Profibereich ist nur eines der Probleme in Werders Jugendarbeit. Mindestens ebenso wichtig ist die strukturelle Überarbeitung der Abteilung, die bereits begonnen hat und die mittelfristig zu Ergebnissen führen sollte. Die Vorgehensweise, junge Spieler erst bei den Profis reinschnuppern zu lassen und sie dann in der Folgesaison zu verleihen (siehe Füllkrug und Wurz), damit sie Spielpraxis auf höherem Niveau sammeln, scheint mir ebenfalls sinnvoll, um den Sprung aus der A-Jugend bzw. der Regionalliga in die Bundesliga zu schaffen.

Should he stay or should he go?

Ich bin mir nicht sicher, ob ich weiterhin hinter Dutt stehe oder nicht. Zieht man die nüchternen Fakten heran, muss man klar zu dem Schluss kommen, dass Dutt den Erwartungen hinterherhinkt. Werder kassiert nicht weniger Gegentore als in den letzten Jahren, ist spielerisch so schwach wie noch nie zu meiner Zeit als Fußballfan und rückt immer näher an die Abstiegsplätze heran. Was also spricht noch für Dutt?

Der grundsätzliche Weg, den Werder vor einem Jahr mit dem Dienstantritt von Thomas Eichin eingeschlagen hat, ist nach wie vor richtig. Es war eine bewusste Entscheidung, sich von Thomas Schaaf zu trennen und einen Trainer zu verpflichten, der seine Stärken im analytischen und taktischen Bereich hat. Ich sehe Dutt noch immer als passenden Trainer für die Aufgabe, Werder zunächst taktisch und dann spielerisch wieder flott zu machen. Das wichtigste sportliche Ziel dieser Saison, der Klassenerhalt, ist zwar in Gefahr, aber noch nicht so akut, dass es ein Eingreifen der Geschäftsführung zwingend erforderlich macht. Das kann sich im Fußball schnell ändern, doch Eichin hat mit seinem letzten Treueschwur noch einmal deutlich gemacht, dass er einen Wechsel auf der Trainerbank nicht anstrebt.

Ob er diese Haltung bis zum Ende der Saison durchhalten kann, wird sich in den nächsten 5-6 Wochen entscheiden. Nach dem Spiel gegen Gladbach kommen gleich fünf Partien gegen direkte Konkurrenten (Frankfurt, Hamburg, Nürnberg, Stuttgart, Freiburg), in denen man sich entweder Luft verschaffen oder ganz tief in den Abstiegskampf rutschen kann. Übersteht Dutt diese Phase, wird er die Chance bekommen, die Mannschaft weiter nach seinen Vorstellungen zu formen und im Sommer weiter an der Neuaufstellung des Kaders zu arbeiten.

Auch wenn ich nicht zu einem endgültigen Urteil komme, ob Dutt weiterhin Trainer bleiben soll, muss ich feststellen, dass mir diese Frage gar nicht so wichtig ist. Entscheidend ist für mich, dass Werder den eingeschlagenen Weg weitergeht. Damit ist weniger das derzeitige Geschehen auf dem Platz gemeint, als die Umstrukturierung der wichtigen Bereiche im Verein: Die Vorbereitung auf den Abschied der alten Hasen Fischer und Lemke, die Anpassung der Jugendarbeit an die Anforderungen des Vereins oder auch die Neubesetzung im Scouting. Kurz: Die Beantwortung der Frage, wie Werder nach der Konsolidierung zu einem Mittelklasseverein wieder nach oben kommen kann, erscheint mir wichtiger, als die Trainerfrage. Deshalb war eine der wichtigsten Nachrichten der letzten Monate aus meiner Sicht auch diese hier.

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    8 Gedanken zu „Ist Dutt in Bremen schon am Ende?

    1. Ich finde den zum Schluss formulierten Gedanken, dass man die Trainerproblematik mehr oder weniger losgelöst von der Vereinsentwicklungsproblematik betrachten kann, sehr interessant und würde dem vom Verstand her zustimmen. Aber vom Gefühl her will ich diese Entkopplung nicht, sei es wegen der sportlichen Gefahr oder auch der Sympathiekomponente. Da verlangt doch einiges in mir nach einer recht schnellen und deutlichen Verbesserung und ist auch bereit, gegebenenfallszu meutern.

      1. Nicht dass ich was gegen eine schnelle und deutliche Verbesserung hätte oder mir der momentan gezeigte Fußball gefiele, aber dass Werder diese Saison (wieder) gegen den Abstieg spielt, darf doch nach der vergangenen Rückrunde und dem erneuten spielerischen Substanzverlust (de Bruyne, Arnautovic) niemand wundern. Und bei aller Kritik an Dutt muss man ihm zu Gute halten, dass er sich trotz der Abgänge und offensichtlicher Unwuchten im Kader zumindest öffentlich mit EINEM Wunsch-Transfer begnügt hat und auch in der Winterpause die Klappe gehalten hat. Dass Trainer in Bremen relativ ruhig und nachhaltig arbeiten können, ist eines der wenigen Argumente, mit denen Werder gute und ambitionierte Trainer locken kann, und somit einer der wenigen Standortvorteile, der nach den CL-Jahren noch besteht. Man sollte ihn nicht leichtfertig aufs Spiel setzen.

        1. Es wundert mich nicht. Allerdings kann man geteilter Meinung sein, wenn es darum geht, ob Dutt in dem nicht verwunderlichen Abstiegskampf eine gute Figur macht oder nicht, ob man erkennt, dass er Lösungen für diese Aufgabe hat oder nicht.
          Auch das Wunschtransferargument finde ich nicht unbedingt stichhaltig, schließlich geht es auch darum, das einzufordern, was man für notwendig hält. Hat er mehr nicht für notwendig gehalten oder ist er wider besseren Wissens in diese Misere gestolpert? (ich spitze bewusst zu)
          Klar, Kontinuität ist ein hohes Gut, da bin ich ganz bei dir. Das sollte auch nicht leichtfertig geopfert werden. Aber wäre es leichtfertig, wenn man zu dem Schluss käme, dass Dutt nicht mehr der Richtige ist um den Abstieg zu verhindern.

    2. Sehr gut, danke dafür!
      Ebenso das Fazit, dass Dutt gar nicht der wesentliche Faktor für eine dauerhafte Stabilisierung/Verbesserung ist.

    3. Danke für Lob, Ergänzungen und Diskussion!

      Zur Klarstellung: Ich bin natürlich schon der Meinung, dass der Trainer für die im Artikel angesprochene Entwicklung sehr wichtig ist. Er muss die Pläne zu 100% unterstützen, die Änderungen in Kaderentwicklung und Jugendarbeit mit umsetzen und nicht zuletzt die Mannschaft taktisch und spielerisch entwickeln. Das mache ich nicht an der Person Dutt fest, es gibt sicherlich auch andere Trainer, die dafür in Frage kommen. Allerdings hinkt er “nur” im letzten Punkt meinen Erwartungen (und ich denke auch den Erwartungen von Eichin) hinterher. Das ist kurzfristig natürlich der wichtigste Punkt. Deshalb muss er hier auch einen Dreh reinbekommen, sonst wird es eng.

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