Jahre voller Lust (Teil 1)

Das Jahr 2010 ist da – die Nuller Jahre sind vorbei. Ein Jahrzehnt, das aus der grauen Fußballmaus Werder Bremen einen regelmäßigen Champions League-Teilnehmer machte. Ich habe mir aus jedem Jahr ein besonderes Spiel herausgepickt und paar Zeilen dazu geschrieben. So ist ein sehr persönlicher Rückblick auf die Dekade entstanden, den ich nun in drei Teilen hier im Blog veröffentlichen werde. Heute gibt es den ersten Teil.

23.3.2000: Werder Bremen – Arsenal FC 2:4

Thomas Schaafs erste richtige Saison als Werdertrainer markiert einen Wendepunkt in Werders Geschichte. Nach Rehagels Abgang war man in der zweiten Hälfte der 90er Jahre zur grauen Maus mutiert und zeigte keine Anzeichen der Besserung. Schaaf gibt der Mannschaft eine offensive Grundausrichtung mit und fördert das Kreativspiel. Claudio Pizarro wird der Überraschungstransfer der Saison und bildet fortan mit dem schon als Fehleinkauf abgestempelten Ailton ein spektakuläres Angriffsduo. Für höhere Ambitionen fehlt es noch an der Konstanz, doch endlich sieht man in Bremen wieder Fußball, der zum Träumen anregt. Besonders im UEFA-Cup überzeugt Werder und rückt bis ins Viertelfinale vor.

Das Hinspiel hat Werder ziemlich chancenlos mit 0:2 verloren, doch es gibt Grund zur Hoffnung, als Arsenal London im Frühling 2000 zum Rückspiel ins Weserstadion kommt. In den Runden zuvor hat Werder in alter „Wunder-von-der-Weser“-Manier Hinspielpleiten im eigenen Wohnzimmer ausgebügelt – etwa gegen die damalige Klassemannschaft AC Parma (0:1, 3:1) und auch Olympique Lyon (0:3, 4:0). Gegen das Team von Arsène Wenger erwarteten die Fans nun eine erneute Aufholjagd. Doch viel zu früh wird klar, dass daraus an diesem Abend nichts werden soll. Schnell liegt Werder durch ein Tor von Ray Parlour hinten und als wiederum Parlour einen 35-Meter-Kracher in den Winkel hämmert, ist das Spiel entschieden. Doch damals ist das Anspruchsdenken in Bremen noch ein anderes. Die Bremer Anhänger unterstützen ihre Mannschaft weiterhin nach Leibeskräften und auch die Fans der Nord-Londoner sorgen für tolle Stimmung im Stadion. Werders Anschlusstreffer werden frenetisch bejubelt, die Sturmläufe – und die rote Karte – des jungen Thierry Henry mit offenem Mund bestaunt. Solchen Fußball bekommt man hier zu dieser Zeit nur selten zu sehen. Am Ende steht ein 2:4 als Ergebnis unter einem Fußballfest (mit einem Dreierpack des defensiven Mittelfeldspielers Parlour), das wohl jeden der anwesenden Zuschauer begeistert. Arsenal hat von diesem Tag an ein paar Sympathisanten mehr in der Hansestadt – diesen Autor mit eingerechnet.

17.2.2001: Werder Bremen – Schalke 04 2:1

Spektakulär ist eine Untertreibung, um Claudio Pizarros Tor gegen den Tabellenführer der Bundesliga zu beschreiben. Einen hohen, weiten Pass vom eigenen Strafraum pflückt der Peruaner mit dem Fuß nicht etwa bloß herunter, sondern tickt ihn so hauchzart und gefühlvoll an, dass er den Ball aus dem Lauf heraus Volley über den herauslaufenden Torwart Olli Reck ins Tor lupfen kann. Ein absolutes Meisterstück und sicherlich eines der schönsten Tore, die je im Weserstadion erzielt wurden. Dass es sich hierbei nicht um einen Zufall handelte, sondern Pizarros Klasse widerspiegelt, beweist der Peruaner mit 19 Toren in seiner zweiten und vorerst letzten Saison für Werder. Seine Leistungen wecken Begehrlichkeiten auf der anderen Seite der Republik und so wechselt Pizarro im Sommer 2001 für die stolze Summe von 16 Millionen DM nach München. Für die einen eine Katastrophe, den Weltklassemann ausgerechnet an die Bayern zu verlieren, für die anderen eine Bestätigung, dass man in Fußballdeutschland wieder ernst genommen wird.

Dazu hatte auch die ausgezeichnete Rückrunde der Bremer beigetragen, in der man neben dem späteren „Meister der Herzen“ auch den FC Bayern bezwingen kann. Wäre man in der Hinrunde ähnlich furios aufgetreten, hätte am Ende auch ein Platz in der Champions League winken können, denn selten holten die Topmannschaften der Liga so wenige Punkte. So bleib neben vielen schönen Toren von Pizza-Toni nur der undankbare 7. Platz (Platz 6 reichte damals für die UEFA-Cup-Teilnahme) und die Gewissheit, einen der besten Stürmer der Vereinsgeschichte verloren zu haben. Man muss es sich wirklich immer wieder ins Gedächtnis rufen, dass Pizarro im Jahr 2010 erst seine vierte Saison für Werder spielt. Trotz seiner sechs Jahre bei den Bayern hat er in Bremen nie an Sympathie eingebüßt, was sicher nicht nur an seinen Leistungen auf dem Platz liegt.

10.9.2002: Werder Bremen – 1.FC Nürnberg 4:1

Nicht beständig genug. So lässt sich das Manko der Bremer knapp in Worte fassen. Trotz einer tollen Hinrunde mit Siegen gegen die Meisterschaftsanwärter Bayern und Bayer Leverkusen kann Werder 2002 den Platz in der Spitzengruppe nicht verteidigen. Dank gütiger Mithilfe aus Kaiserslautern sichert sich Werder am letzten Spieltag trotz einer Niederlage gegen den neuen Meister Borussia Dortmund zumindest einen UEFA-Cup-Platz. Selbstverständlich nicht, ohne vorher noch Zünglein an der Waage im Meisterkampf zu spielen, indem man unter äußerst glücklichen Umständen zu einem Auswärtssieg in Leverkusen kommt. Für die neue Saison sieht es nicht wirklich gut aus. Leistungsträger Torsten Frings ist zum Meister gewechselt und Torwart Frank Rost zu dessen Erzrivalen nach Schalke. Ironischerweise wechseln beide, um ihre Chancen auf den Gewinn der Deutschen Meisterschaft zu verbessern. Im Spätsommer 2002 fehlt Werder vor allem ein Spielgestalter. Jemand, der die Mannschaft inspirieren kann. Es scheint hoffnungslos, einen solchen Spieler zu verpflichten, denn das nötige Kleingeld dafür ist trotz der Abgänge nicht vorhanden. Dennoch wickelt Sportdirektor Allofs im September noch einen Transfer ab, für den er zu Recht bis heute gefeiert wird: Er holt den französischen Mittelfeldspieler Johan Micoud ablösefrei zu Werder.

Es dauert genau 90 Minuten, bis Bremen „König Johan“ zu Füßen liegt. Vom ersten Spiel an kann man die Aura eines Weltklassespielers spüren. Nicht, dass es bei Werder vorher keine ähnlich starken Spieler gegeben hätte, doch im Gegensatz zu Micoud wurden diese in Bremen zu solchen ausgebildet. Micoud hingegen scheint seit seiner Ankunft die gesamte Mannschaft mit seiner Genialität mitzureißen. Nie zuvor und leider auch (noch) nicht danach hatte Werder einen Spieler, mit dieser Fähigkeit, ein Spiel zu „lesen“, es vor sich auszubreiten und nach seinen Vorstellungen zu gestalten. Neben diesen strategischen Fähigkeiten verfügt Micoud auch über die technischen Fähigkeiten, diese Spielweise auf dem Platz umzusetzen. Ein wirklicher Spielmacher eben, vielleicht der letzte klassische Spielmacher der Bundesliga. Zwar kann auch er Werder nicht auf Anhieb in die Bundesligaspitze hieven, dafür ist der erneute Leistungseinbruch nach der Winterpause zu groß, doch zum ersten Mal seit Andreas Herzog in seiner Glanzzeit hat Werder wieder einen richtigen Regisseur.

In den nächsten Tagen folgen der zweite (2003 – 2006) und der dritte Teil (2007 – 2009).

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