Jahre voller Lust (Teil 3)

Das Jahr 2010 ist da – die Nuller Jahre sind vorbei. Ein Jahrzehnt, das aus der grauen Fußballmaus Werder Bremen einen regelmäßigen Champions League-Teilnehmer machte. Ich habe mir aus jedem Jahr ein besonderes Spiel herausgepickt und paar Zeilen dazu geschrieben. So ist ein sehr persönlicher Rückblick auf die Dekade entstanden, den ich nun in drei Teilen hier im Blog veröffentlichen werde. Heute gibt es den dritten und letzten Teil.

28.11.2007: Werder Bremen – Real Madrid 3:2

Der Sprung von Spiel gegen Juventus zum Spiel gegen Real Madrid ist groß. 21 Monate liegen zwischen den beiden Partien, in denen es für Werder viele aufregende, aber auch manche ärgerliche Ereignisse gibt. Der Herbstmeisterschaft 2006 folgen zunächste herbe Enttäuschungen: Wie schon in der Hinrunde verliert man gegen Schalke und den späteren Meister VfB Stuttgart. Als dann auch noch das Heimspiel gegen den HSV verloren geht, scheint der Meisterschaftszug abgefahren, doch weil den Schalkern zum Ende hin die Puste ausgeht, kann sich Werder mit einer Siegesserie wieder herankämpfen. Auch international sieht es gut aus: Nach der verpassten Qualifikation der KO-Runde der Champions League erreicht man im UEFA-Cup das Halbfinale. Gegen Espanyol Barcelona setzt es im Hinspiel jedoch eine bittere 0:3 Niederlage. Für Aufregung sorgt kurz vor dem Spiel ein nicht mit dem Verein abgestimmtes Treffen zwischen Miroslav Klose und Vertretern von Bayern München. Der ehemalige Publikumsliebling, der zudem seit geraumer Zeit das Tor nicht mehr trifft, wird fortan bei den Fans zum Buhmann. Im Rückspiel sieht er bereits in der Anfangsphase gelb-rot und steigert seine Beliebtheit dadurch nicht gerade. Werder scheidet aus und auch die letzten Chancen auf die Meisterschaft können nicht genutzt werden. Die Niederlagen gegen Bielefeld und Frankfurt werden zum Sinnbild einer Saison, die zwar insgesamt erfolgreich war, doch den hohen Erwartungen aus dem Winter nicht gerecht werden konnte. Dabei hat Werder diese Meisterschaft nicht etwa gegen die kleinen Gegner verloren, sondern in den direkten Duellen gegen Schalke und Stuttgart. Ein Sieg aus den beiden Spielen gegen Stuttgart hätte letztendlich ausgereicht, um die Schale erneut an die Weser zu holen. Um die Auswirkung dieser direkten Duelle zu verdeutlichen: Hätte Werder diese vier Spiele alle gewonnen, statt sie alle zu verlieren, wäre man mit sage und schreibe 14 Punkten Vorsprung Meister geworden, anstatt mit 4 Punkten Rückstand Dritter.

In der Sommerpause wechselt Klose nach langem Hick-Hack schließlich doch zu den Bayern und ist in Bremen endgültig unten durch. Sein Nachfolger Boubacar Sanogo kommt ohne große Vorschusslorbeeren nach Bremen, doch kann innerhalb kurzer Zeit die Kritiker – vorerst – zum Schweigen bringen. Nach einer bitteren 0:4-Heimniederlage gegen Bayern München am 2. Spieltag spielt Werder eine großartige Hinrunde, an deren Ende wieder 36 Punkte auf dem Konto stehen. Nur die schlechtere Tordifferenz gegenüber den Bayern verhindert die erneute Herbstmeisterschaft. Sanogo avanciert in dieser Hinrunde zu Werders Lebensversicherung, erzielt viele wichtige Tore. Es bleibt leider die einzige Phase seiner Werderkarriere, in der er überzeugen kann (vom Intermezzo im vergangenen Sommer abgesehen). Der Star der Mannschaft ist nach Kloses Abgang endgültig der Brasilianer Diego, der sich immer mehr auch in das Blickfeld der europäischen Spitzenclubs spielt. Neben ihm kann Daniel Jensen endlich konstant starke Leistungen abliefern und wird in Abwesenheit der Platzhirsche Frings und Borowski zum Schlüsselspieler im Mittelfeld. Kein Spiel zeigt dies deutlicher, als das Champions League-Match gegen Real Madrid. Ein Blick auf die Aufstellung verdeutlicht die Verletzungsmisere, die sich wie ein roter Faden durch die Hinrunde zieht. Neben dem gesperrten Diego muss Werder gegen Real auf Wiese, Owomoyela, Frings, Borowski, Almeida, Klasnic und nach sechs Minuten auch auf Fritz verzichten. Mit Vander, Vranjes, Tosic und dem nach neunmonatiger Verletzungspause erstmals wieder auflaufenden Hunt gegen das große Real – kann das gutgehen?

Es kann! Werder liefert, auch gerade angesichts der Personalsituation, eines seiner besten Spiele der Ära Schaaf ab und bezwingt Madrid mit 3:2. Das 2:1 durch Sanogo ist in seiner Entstehung und Vollendung vielleicht das schönste, das Werder in der Champions League je erzielt hat. Die Zuschauer im Stadion sind 90 Minuten lang wie elektrisiert, die Stimmung ist für Bremer Verhältnisse gigantisch. Am Ende steht grenzenloser Jubel und die Hoffnung auf neue europäische Lorbeeren. Doch es kommt anders: Werder versagt in Piräus und muss in der Rückrunde erneut mit dem UEFA-Cup vorlieb nehmen. Neben dem Wirbel um den exzentrischen Neuzugang Carlos Alberto ist dies die größte Enttäuschung dieser Hinrunde. Die Tore des nach zwei Nierentransplantationen wiedergenesenen Ivan Klasnic gegen Bayer Leverkusen sorgen zu Weihnachten jedoch wieder für gute Laune.

27.9.2008: Werder Bremen – 1899 Hoffenheim 5:4

Das Jahr 2008 beginnt für Werder, wie so viele der vergangenen Jahre: Mit einer Krise. Man scheidet im Pokal gegen Dortmund aus und verpatzt auch den Auftakt in der Liga gegen Bochum. Binnen kurzer Zeit verspielt Werder alle Meisterschaftschancen. Dazu kommt das unglückliche und vor allem unnötige Ausscheiden aus dem UEFA-Cup gegen die Glasgow Rangers, wo Tim Wiese sein Juve-Flashback erlebt. Im Frühling 2008 scheint sich Werder aus der Spitzengruppe der Liga verabschiedet zu haben und nur ein großer Kraftakt zum Ende der Saison bringt Werder wieder in die Nähe der Champions League Ränge. Dann zeigt die Mannschaft jedoch, dass sie auch die entscheidenden Spiele gewinnen kann. Diese Eigenschaft hat man ihr aufgrund der Ergebnisse in den letzten beiden Jahren schon abgesprochen. Mit Siegen in Hamburg und Leverkusen sichert sich Werder die Vizemeisterschaft und ist somit erneut für die Champions League qualifiziert.

Die folgende Hinrunde bestätigt jedoch die Eindrücke der ersten Jahreshälfte: Werder fehlt die Balance zwischen Offensive und Defensive. Die Ergebnisse sind folglich sehr schwankend und reichen nicht mehr, um in der Liga oben dran zu bleiben. Werder kassiert viele Gegentore, die eine Bundesligamannschaft eigentlich nicht kassieren darf, weil die Defensive immer wieder weit aufrückt und die Rückwärtsbewegung des gesamten Teams so wirkt, als spiele hier eine Schülermannschaft. Man macht sich das Leben so viel zu schwer und steuert zeitweise einen neuen Vereinsrekord in Sachen Gegentoren an. Zum Glück ist Werders Offensive dank Diego und Rückkehrer Claudio Pizarro stark genug, um einen totalen Absturz zu verhindert. Neben den beiden entwickelt sich der von Schalke verpflichtete Mesut Özil vom Perspektiv- zum Stammspieler. Eine kurze Zeit lang sieht es sogar so aus, als reiche die Offensivpower aus, um wieder ein Wörtchen um die Meisterschaft mitzureden. In München verdirbt Werder den Hausherren kräftig den Oktoberfestauftakt, führt 25 Minuten vor Ende mit 5:0 in der Allianz-Arena. Die Anschlusstreffer des Ex-Bremers Borowski machen dieses Spiel aus Fansicht eher zu einem 7:0, als zum 5:2, das am Ende auf dem Spielberichtsbogen steht.

Das folgende Spiel gegen den späteren Herbstmeister Hoffenheim beginnt ähnlich furios, zeigt dann jedoch das ganze Spektrum des Bremer Spiels 2008. Die fehlende Balance kulminiert in diesem Spiel und sorgt wie das gesamte Jahr für ein Wechselbad der Gefühle auf den Rängen. Nach einer halben Stunde führt Werder mit 4:1 in einem für Bundesligaverhältnisse extrem schnellen Spielen. Die Abwehrreihen beider Mannschaften haben große Probleme und die Schussgenauigkeit beider Mannschaften ist fast schon beängstigend (Hunt! Salihovic!!!). Hoffenheim kann Werder in der zweiten Hälfte immer mehr hinten rein drücken und nach Mertesackers roter Karte und dem Ausgleichstreffer der Badener droht das Spiel vollends zu kippen. Özil entscheidet das Spiel schließlich mit einem Konter gegen den Aufsteiger, der nicht nur wegen seiner tollen Moral von einer unglücklichen Niederlage sprechen darf. Das Spiel ist ein Fest des Angriffsfußballs, bei dem Werder zeigen kann, dass man in dieser Disziplin noch immer nationale Spitze ist.

7.5.2009: Hamburger SV – Werder Bremen 2:3

Die erste Hälfte des Jahres 2009 steht für Werder im Zeichen der Pokalwettbewerbe. Im Ligaalltag rennt Werder dem Geschehen weiterhin nur hinterher. Während man im Pokal einen hart erkämpften Auswärtssieg in Dortmund feiern kann, steht man in der Bundesliga nach zwei Niederlagen gegen Bielefeld und Schalke zum Rückrundenauftakt im Niemandsland der Tabelle. In der Folge spult Werder mehr oder weniger ein Pflichtprogramm herunter und konzentriert sich auf die Highlights in den KO-Spielen. Ein erster Höhepunkt des Jahres ist die Partie in Mailand. Werder muss einem äußerst unglücklichen 0:2-Rückstand hinterherlaufen. Dank einer insgesamt sehr starken Leistung schafft man die Überraschung und wirft Milan aus dem Wettbewerb. Im Pokal gelingt ein 5:2-Kantersieg beim heimstarken VfL Wolfsburg. Werder fügt dem späteren Deutschen Meister dabei die einzige Heimniederlage der Saison zu. Es wird immer deutlicher, dass sich Werders Qualitäten in den letzten eineinhalb Jahren verändert haben. Während man früher konstant gut spielte und dann in den entscheidenden Spielen scheiterte, wirkt die Mannschaft nun reifer und erfolgshungriger in den großen Spielen, doch dafür hat man Probleme, konstant gute Leistungen abzuliefern.

Am Ende steht Werder auf einem sehr enttäuschenden zehnten Platz. Es ist erst das zweite Mal seit dem Wiederaufstieg 1981, dass Werder nach dem letzten Spieltag auf einem zweistelligen Tabellenplatz steht. Und wie schon 1999 ist dieser Umstand durch den Gewinn des DFB-Pokals nicht ganz so schwer zu verschmerzen. Der 1:0-Finalsieg gegen Leverkusen ist der krönende Abschluss einer über weite Strecken ärgerlichen Saison. Nach dem verlorenen UEFA-Cup-Finale gegen Donezk ist es eine große Genugtuung, doch noch einen Titelgewinn feiern zu können. Beachtlich an Werders Erfolgen in den Pokalwettbewerben sind auch die Umstände, unter denen sie zustande kommen. Es hat wohl nie widrigere Bedingungen gegeben, unter denen eine Mannschaft sich für zwei Finals qualifiziert hat: Im DFB-Pokal ist Werder die erste Mannschaft, die ohne ein einziges Heimspiel den Titel gewinnt. Im UEFA-Cup muss man die Rückspiele allesamt auswärts austragen, was gemeinhin als Nachteil gilt, und geht trotzdem jeweils als Sieger vom Platz.

Komplettiert wurde das Auf und Ab durch Pokal und Liga durch die vier Spiele gegen den HSV. Wenn es jemals einen klaren Sieger im Duell der beiden Vereine gab, dann dort. Innerhalb von zweieinhalb Wochen trifft Werder in Pokal, UEFA-Cup und Liga auf den Nordrivalen und kann sich in diesen Duellen eindrucksvoll durchsetzen. Man spielt die Hamburger nicht etwa an die Wand, doch legt einen Siegeswillen an den Tag, der kaum zu bändigen ist. Im Pokal wird Tim Wiese zum Helden, indem er drei Elfmeter hält und Werder damit das Ticket nach Berlin sichert. Im UEFA-Cup macht Werder eine 0:1-Heimniederlage und einen 0:1-Rückstand im Rückspiel wett und erkämpft sich auch hier die Finalteilnahme. In der Liga düpiert man den HSV schließlich vollends und zerstört dessen letzte Hoffnungen auf die Meisterschaft. Es ist eine Seelenmassage in vierfacher Ausfertigung, die für vieles, aber nicht alles entschädigt. Im Dezember spielt man erneut in Hamburg und verliert mit 1:2. Von „Revanche“ sprechen indes nicht einmal die Hamburger. Wir haben die bizarre Situation, dass Werder in den letzten 14 Monaten von 6 Spielen gegen den HSV nur zwei gewonnen und drei verloren hat und doch immer noch als Gewinner dasteht. Schöner, verrückter Fußball.

Im Sommer verlässt Diego Bremen in Richtung Turin. Ohne ihn ist Werder nur die Hälfte wert, da sind sich die Beobachter einig. Nicht nur die Niederlage in Istanbul hat gezeigt, dass Werder ohne seinen kreativen Kopf keine Spitzenmannschaft ist. Dazu beendet der langjährige Kapitän Frank Baumann seine Karriere. Im Sommer 2009 scheint trotz prominenter Neuzugänge wie Marko Marin, Tim Borowski und Marcelo Moreno unklar, ob Werder an die Erfolge anknüpfen kann. Es folgt erneut eine turbulente Hinrunde, in der Werder von 28 Spielen nur drei verliert, zwischenzeitlich Lobeshymnen einheimst und am Ende trotzdem nicht ganz zufrieden sein kann.

Wie geht es nun weiter? Wird ein Rückblick in 10 Jahren wieder so erfreulich sein? Ich bin gespannt und freue mich auf eine spannende und hoffentlich auch erfreuliche Rückrunde.

Lebenslang Grün-weiß!

Den ersten Teil der Serie (2000 – 2002) findet ihr hier. Den zweiten Teil (2003 – 2006) findet ihr hier.

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