Machbare Aufgaben und böse Überraschungen

Was der Bauer nicht kennt, das isst er nicht. Und der deutsche Fußball-Bauer kennt nicht sehr viel. Zumindest nicht den Fußball, der im Ausland irgendwo gespielt wird. Ist ja eigentlich auch nicht weiter schlimm, schließlich weiß der durchschnittliche italienische oder spanische Fußballfan auch eher wenig über den MSV Duisburg oder Rot-Weiß Oberhausen. Störend ist an der Sache nur, dass das Unbekannte immer auch gleichbedeutend ist mit minderwertig. Hierzu trägt der deutsche Fußball-Größenwahn natürlich mit bei. Gerade deshalb lässt es sich so herrlich über das Versagen deutscher Mannschaften in den europäischen Wettbewerben herziehen. Auf der anderen Seite versuchen die Beteiligten (meistens die Trainer) dann, die öffentliche Meinung in die entgegengesetzte Richtung zu steuern in dem der nächste Gegner immer zum stärksten erklärt und generell bestritten wird, dass es noch kleine Gegner gibt. Das ist natürlich ebenso Quatsch, aber legitim um die Erwartungen des Umfelds im Zaum zu halten.

Eine differenzierte Herangehensweise sucht man in der Regel vergeblich. Und gerade die, die am lautesten reden, wissen meist am aller wenigsten. Man kann von einem Fußballreporter auch nicht unbedingt große Kenntnisse über die fußballerischen Fähigkeiten von, sagen wir, Uniao Lieria, Strömsgodset IF oder der Nationalmannschaft Armeniens erwarten. Doch wenn ein Spiel einer deutschen Mannschaft gegen einen solchen Gegner ansteht, machen sich wenigstens die Kommentatoren die Arbeit, ein wenig über ihn in Erfahrung zu bringen (was dann im schlimmsten Fall zu Auswüchsen à la Beckmann führt). Doch gerade die prominenteren "Experten" vom Schlag Breitner, Netzer oder Lattek sind meist erstaunlich ahnungslos. Warum sollten sie sich auch die Mühe machen, ihre jahrzehntelang gepflegten Ansichten zu überdenken? Netzer wusste schließlich schon vor 30 Jahren, dass die Zyprioten nicht Fußball spielen können.

Werder hat nun in der Champions League Qualifikation eine machbare Aufgabe
gegen den Gewinner der Partie Dinamo Zagreb – NK Domzale zugelost
bekommen. Aber was heißt schon machbar? Klar, es hätte wesentlich
schlimmer kommen können, doch wer entscheidet darüber, ob eine Aufgabe
"machbar" ist oder nicht? Ein Blick zurück auf die
Europapokalergebnisse deutscher Teams in der jüngeren Vergangenheit
sollte einen da schon etwas stutzig machen. Das Etikett "machbar" hat
schon alleine deshalb keine Aussagekraft, weil eigentlich alle
Mannschaften Europas darunter fallen. Ausnahme sind da ca. 10 bis 15
Mannschaften aus Italien, Spanien, England und seit kurzem auch
Frankreich (Lyon!), die bei entsprechender Zulosung als "schwere
Gegner" bzw. "harte Brocken" bezeichnet werden. Diese Einteilung führt
natürlich dazu, dass der Großteil der deutschen Mannschaften gegen
machbare Gegner ausscheiden und man sich spätestens zur Winterpause
wieder Gedanken über die allgemeine Qualität des deutschen Fußballs
machen darf: Wie kann es nur sein, dass die Rumänen uns überholen?

Nun, ich weiß weder über Zagreb, noch über Domzale sonderlich viel.
Vermutlich wird sich Werder durchsetzen und daraufhin irgendwas von
"Pflichtaufgabe erfüllt" zu lesen sein, als wäre es das
Selbstverständlichste auf der Welt, dass der Bundesliga-Dritte in die
Champions League einzieht. Nach drei aufeinanderfolgenden Jahren in der
Königsklasse ist die Angst, sie diesmal doch zu verpassen, höher als die
Freude über die Chance sich überhaupt qualifizieren zu können. Das ist
Schade, aber wohl kaum zu ändern. Richtig wütend machen mich dagegen
Meldungen wie diese: Werder gegen Everton nur Remis!
Wenn ein Unentschieden auswärts gegen eine Mannschaft, die in der
Bundesliga locker um die UEFA-Cup Plätze mitspielen würde, noch dazu
unter Berücksichtigung der derzeitigen Personalsituation, mit dem
kleinen aber gemeinen Wörtchen "nur" belegt wird, bleibt mir echt die Spucke weg
(auch wenn die Quelle nur Sport1.de heißt)!

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