Macht euer Spiel doch alleine

Die Saison ist genau einen Spieltag und eine Pokalrunde alt, da geht in Werders Umfeld mal wieder eine Diskussion los, die inzwischen zu Bremen gehört, wie der Roland und die Stadtmusikanten. Ein echter Spielmacher fehlt Werder, einer wie (beliebigen Namen eines ehemaligen Bremer Zehners einsetzen).

Die werdernahe Lokalpresse ist sich nicht zu schade, jeden Spieler, der bei Werder ein Spiel auf der Zehnerposition absolviert hat, zu einem neuen Micoudiegözil hochzuschreiben, um dabei in einem Nebensatz nostalgisch festzustellen, dass Werder einen solchen Spielmacher schon lange nicht mehr hat. In diesem Sinne holte gestern auch die SZ zum großen Rundumschlag aus. Der Erkenntnisgewinn hält sich bei solchen Artikeln stark in Grenzen, denn auf nahezu jeder Position ist Werder im Jahr 2015 schwächer besetzt, als zu seligen Champions League Zeiten.

Die fixe Idee mit dem Spielmacher

In gewisser Hinsicht ist Bremen ein Fußballbiotop. Während in der restlichen Fußballwelt der Tod des klassischen Spielmachers schon vor über zehn Jahren besungen wurde, hat Werder dem Trend getrotzt, ist mit Micoud Meister und mit Diego und Özil Pokalsieger geworden. Auch wenn diese drei Spieler eigentlich unterschiedlicher kaum sein konnten: Wenn es irgendwo noch Spielmacher alter Schule gab, dann in Bremen.

Seit Özil den Verein im Sommer 2010 verlassen hat, ist Werder von einem regelmäßigen Champions League Teilnehmer zu einem eher unterdurchschnittlichen Bundesligateam geworden. Nicht wenige Anhänger des Vereins führen dies unmittelbar auf den Umstand zurück, dass man für Özil damals keinen direkten Ersatz verpflichtete und seitdem erfolglos nach dem nächsten großen Spielmacher sucht.

Der kausale Zusammenhang zwischen einem supertollen Spielmacher im Team und spielerischer Exzellenz hat sich so sehr in den Synapsen festgesetzt, das keine noch so offensichtlichen Entwicklungen im deutschen und europäischen Fußball daran etwas ändern können. Die Begriffe “Spielmacher” und “Zehner” werden weiterhin synonym verwendet, auch wenn dies einem Realitätscheck heutzutage kaum noch stand hält.

Ohne Raute geht es nicht

Das liegt natürlich unter anderem an der Raute, die als Spielsystem in die DNA des Vereins gebrannt zu sein scheint. Als eine der wenigen modernen Formationen im Fußball ist in ihr ein “echter” Zehner vorgesehen, während 4-4-2, 4-3-3, 4-1-4-1 und häufig auch 4-2-3-1 auf einen solchen verzichten. Diese Formationen, die in den letzten drei Jahren alle zeitweise auch in Bremen zum Einsatz kamen, konnten jedoch nichts daran ändern, dass weiterhin die Raute mit Spielmacher am höchsten im Kurs steht.

In Bremen, so hört man oft, funktionieren andere Systeme einfach nicht, hier funktioniert nur die Raute. Das überrascht schon insofern, als Werder seine (offensiv-)fußballerisch besten Phasen in diesem Jahrzehnt im 4-1-4-1 (Hinrunde 2012/13) bzw. 4-2-3-1-Verschnitt (Rückrunde 2009/10) hatte. Wenn man dazu noch den in Bremen oft gescheuten Blick über den Tellerrand wagt, kann man nur zu dem Schluss kommen, dass man sich hier in einer fixe Idee verrannt hat. Welche national und international erfolgreichen Teams spielen noch mit einem klassischen Spielmacher auf der 10? Bayern nicht, Dortmund nicht, Gladbach nicht, Wolfsburg nicht, Leverkusen nicht, Barcelona nicht, Madrid nicht, Juventus (trotz Raute) nicht. Selbst Özil musste in Deutschlands Weltmeisterelf auf den linken Flügel weichen.

Was bedeutet dies aber nun für Werders aktuelle Situation? Viktor Skripnik hat sich auf die Raute als sein präferiertes System festgelegt, durchaus mit Erfolg. Die Ausrichtung des Systems hat er dabei immer wieder variiert, mal mit einem klassischen Spielmacher auf der 10 (Aycicek), mal ohne (Bartels, Öztunali), mal als Variante des 4-3-3-, mal als Variante des 4-3-2-1. Eine feste Besetzung der Position gibt es bis heute nicht, auch wenn im Sommer Maximilian Eggestein nahezu in jedem Spiel dort aufgeboten wurde. Nun, da Skripnik zum Bundesligastart doch nicht auf ihn gesetzt hat, geht die Diskussion um die Besetzung der Position in die nächste Runde.

Bloß nicht zu viel Komplexität

Dabei geht es eigentlich um zwei Fragen, die jedoch vereinfacht in den Medien als eine behandelt werden: “Ist Werder auf der Zehnerposition gut genug besetzt?” und “Was ist der Grund für Werders spielerische Schwäche?”

Die Antwort auf die erste Frage ist derzeit zweifellos nein. Bartels und Aycicek sind außer Form, Eggestein hat noch kein Bundesligaspiel von Anfang an bestritten, Öztunali kommt die Position nicht entgegen und Junuzovic ist auf der Achterposition eigentlich besser aufgehoben. Das wusste man bereits vor der Saison und hat sich bewusst dafür entschieden, auf das vorhandene, junge Personal zu setzen. Das Transferbudget wurde (auch bedingt durch Abgänge) für andere Positionen ausgegeben. Vor der etablierten Achse aus Fritz, Bargfrede und Junuzovic setzt man im offensiven Mittelfeld bewusst darauf, dass sich einer der jungen Kandidaten durchsetzt. Dort nun einen wundersamen Leistungssprung von einem der Spieler zu erwarten, ist völliger Quatsch.

Die zweite Frage ist weitaus schwieriger zu beantworten, macht jedoch deutlich, wie die Erwartungen an einen Zehner in Bremen gesteckt sind. Der Glaube daran, dass ein einziger Spieler das Bremer Mittelfeld in neue spielerische Sphären führen kann, ist spätestens seit Johan Micouds Zeit tief verwurzelt. Schaut man sich jedoch die Zusammenstellung und Ausrichtung des aktuellen Teams an, fällt es schwer, diese Sichtweise nachzuvollziehen. Zu keinem Zeitpunkt in den letzten zweineinhalb Jahren war Werder eine Mannschaft, die Ballbesitzfußball spielen konnte oder wollte. Aufbau mit langen Bällen, Gegenpressing, schnelles Umschaltspiel – das war gerade in der letzten Saison das Credo. Nichts deutete im Sommer darauf hin, an dieser grundsätzlichen Ausrichtung etwas ändern zu wollen oder zu können.

Gegen Schalke musste bzw. durfte Werder überraschend viel Zeit am Ball verbringen. Durch das löchrige Schalker Pressing konnte man das Mittelfeld weitgehend kontrollieren. Das altbekannte Bremer Problem im Spielaufbau verlagerte sich somit eine Reihe weiter nach vorne. In diesem einen Spiel hätte ein klassischer Spielmacher auf der 10er-Position sicherlich geholfen, doch sehr wahrscheinlich ist es nicht, dass sich dieses Szenario oft wiederholt. Die meisten Spiele in der Bundesliga sind deutlich pressinglastiger und erfordern vom gesamten Team ein größeres Maß an Ballsicherheit bei hohem Tempo und Pressingresistenz. Daran würde auch ein verjüngter Micoud im Team nichts ändern.

Der Zeitpunkt der Diskussion überrascht mich ein wenig, auch wenn er sicherlich mit dem näherrückenden Ende des Transferfenster zu tun hat. Das Spiel gegen Schalke gibt für mich jedenfalls wenig Anlass, nach einem neuen Spielmacher zu schreien. Dazu genügt schon ein Blick auf den Gegner: In Schalkes System gab es keinen Zehner, als “Spielmacher” könnte man am ehesten den Sechser Johannes Geis bezeichnen, der bei Ballbesitz oft als letzter Mann agierte und die beiden entscheidenden Tore wurden von einem Innenverteidiger vorbereitet. Man könnte allerdings auch Julian Draxler dafür kritisieren, dass er kein Spielmacher im Stile Johan Micouds ist, doch dafür müsste er wohl erst nach Bremen wechseln.

Zum Abschluss zehn einfache Merksätze

  • Werders spielerische Probleme können nicht durch einen einzelnen Spieler gelöst werden.
  • Werder ist auf der Zehnerposition nicht schlechter besetzt als in der letzten Saison, in der man auch recht erfolgreich mit einer Raute spielte.
  • Ohne einen “Spielmacher” erfolgreichen und schönen Fußball zu spielen, ist heutzutage nicht nur möglich, sondern auch üblich.
  • Würde sich bei einem Verein ohne große finanzielle Möglichkeiten nicht eher eine Diskussion anbieten, ob das System zum vorhandenen Kader passt, als andersherum?
  • Man kann über Werders Spielstil diskutieren, aber nicht, ohne auch über die Eckpfeiler des Teams (Fritz, Junuzovic, Bargfrede) zu diskutieren.
  • Eine solche Diskussion bietet sich nicht unbedingt nach dem 1. Spieltag an.
  • Eine Diskussion bietet sich erst recht nicht nach einem für Werder völlig untypischen Spiel an.
  • Die Namen Herzog, Micoud, Diego und Özil sind wunderschön, aber für eine Diskussion über Werder im Jahr 2015 kein bisschen hilfreich.
  • Jedes Argument, das sich auf einen oder mehrere dieser Namen stützt, läuft zwangsläufig ins Leere.
  • Zum Glück ist heute Abend wieder Fußball.
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    7 Gedanken zu „Macht euer Spiel doch alleine

    1. Lieber Tobias,

      vielen Dank für die Einlassungen. Ich kann dir in allen Punkten nur recht geben!

      Aber warten wir doch mal das heutige Spiel ab. Es scheint da ja noch ein weiterer Aspekt hinzuzutreten.

      Denn wie man liest, soll nun evtl. Junuzovic der Problemlöser auf der “10” in diesem Spiel werden – lassen wir uns überraschen!

      Mich wundert allerdings auch, dass mit so viel Dogmatismus am Rautensystem festgehalten wird.

      Neben fußballsachlichen Argumenten kommt es einem ja fast so vor, als ob auch systemästhetische Gesichtspunkte gepaart mit einer “Nostalgie”-verklärten Sicht auf den schönen Spielstil der Ära um 2004 mit entscheidende Gründe am Festhalten daran sind…

      In diesem Sinne herzliche Grüße und lebenslang Grün-Weiß!

      1. Tja, nun wurde es doch Eggestein. Ich fand die Kritik an ihm gestern zu hart. Er hat einen sehr unauffälligen Stil und hat sich gegen Hertha sichtlich schwer getan, aber ich finde ihn von seinen Bewegungen und seiner Technik her schon ziemlich gut. Letztlich war es aber doch ein eher typisches Bundesligaspiel und Bartels passte dann deutlich besser rein. Junuzovic fand ich dagegen erschreckend schwach. Ohne seine Standards wäre er für mich derzeit ein Kandidat für die Bank.

        Eigentlich schreit die Situation nach einem Aycicek in guter Form. Würde mich ja schon interessieren, was da in den letzten Monaten schief gelaufen ist.

        Nostalgie spielt bei der Fixierung auf die Raute ganz sicher eine Rolle, wobei ich Skripnik für zu realistisch halte, um nur deshalb an der Raute festzuhalten. Ich glaube der Hauptgrund ist die Doppelspitze und die Möglichkeit im Pressing zwischen 4-3-3 und 4-4-2 zu variieren. Andererseits ist schon auffällig, dass eigentlich kaum ein anderes System trainiert wird und seit Schaaf Experiment mit dem 4-3-3/4-1-4-1 fast alle Flügelspieler wieder aussortiert wurden.

        Dir auch herzliche Grüße und lebenslang Grün-Weiß!

        1. Habe Aycicek gestern beim Spiel der 2. Mannschaft sehr aktiv wahrgenommen, deutlich besser als noch im Spiel gegen Cottbus vor 2 Wochen. Sehr ballsicher und vorausschauend. Sicher, 3. Liga ist was anderes. Trotzdem hats mir Mut gemacht, dass er sich eher wieder auf dem Weg nach vorn befindet und an sich glaubt.

        2. Ich fand es richtig gut und mutig, Eggestein nun doch ins kalte Wasser zu werfen. Es hat ihm bestimmt Auftrieb gegeben und er wird definitiv davon profitieren!

          Und man muss jetzt einfach mal die Daumen drücken, dass er sich frei schwimmt und sich schnell an das neue Level gewöhnt.

          Von seinen Übersicht, seiner Spieldisziplin und Passfähigkeit scheint er ja wie geschaffen für das Skripniksche System…

          Das Prinzip Hoffnung wächst in solchen Situationen und der Wunsch, dass auch mal in Bremen ein 19-jähriger Nachwuchsspieler in der BuLi einschlägt, wird natürlich nicht geringer…

          P.s.: Einen Weigl hatten bestimmt auch noch nicht so viele im Vorfeld auf der Rechnung.

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