Maurermeister Schaaf?

Bundesliga, 15. Spieltag: VfL Wolfsburg – Werder Bremen 0:0

Ein 0:0 auswärts in der Bundesliga ist für Werder in dieser Hinrunde ein gutes Ergebnis, egal gegen welchen Gegner. Man hat es schon zu sehr akzeptiert, als dass man sich über diese Tatsache noch richtig ärgern müsste. Gegen Wolfsburg war mehr als ein Punkt drin, weil Werder einen weiteren Schritt zu mehr defensiver Stabilität tat und trotzdem mehrere richtig gute Torchancen hatte. Allerdings hatte dieses Spiel eigentlich keinen Sieger – und wenn man ehrlich ist auch keine Tore – verdient.

Wolfsburg spielte über weite Strecken erschreckend schwach. Ein spielerisches Konzept konnte ich bei Steve McClarens Truppe nicht erkennen, vielmehr hieß die einzige Waffe im Offensivspiel Diego. Edin Dzekos Leistung war eine absolute Frechheit und die Wolfsburger scheinen gut darin beraten, den Ausnahmestürmer in der Winterpause für eine fürstliche Ablöse nach Madrid gehen zu lassen (falls ihm Hugo Almeida schwimmender Weise nicht zuvor kommt, har har). Wolfsburg war in den ersten 20-30 Minuten gefährlich, weil Diego gefährlich war. Danach kam nur noch sehr wenig. Das Spiel zeigte ganz gut, warum es für Werder in dieser Saison Gift wäre, Diego in der Mannschaft zu haben – auch wenn mir hierbei viele Fans widersprechen werden. Diego könnte mit seiner individuellen Klasse einige unserer strukturellen Defizite überdecken (wie auch schon zum Teil 2008/09), doch genau das wäre das Problem. Die Abhängigkeit von seinen genialen Ideen ist nichts, worum man Wolfsburg beneiden müsste. Unsere strukturellen Probleme (Spieleröffnung, Raumaufteilung) liegen momentan offener denn je und inzwischen habe ich auch das Gefühl, dass an ihnen gearbeitet wird. Ich bin mir nicht sicher, ob das mit einem Diego, der als Alibi für andere Spieler fungieren kann, auch so wäre.

Politik der kleinen Schritte

Wenn das Spiel gegen St. Pauli ein kleiner Schritt nach vorne war, kann man das Wolfsburgspiel zumindest als einen Schritt zur Seite betrachten. Und da sich momentan alles, was kein weiterer Rückschritt ist, wie ein Fortschritt anfühlt, darf das Team aus diesem Spiel auch gerne etwas Selbstvertrauen schöpfen, bevor es gegen Inter und Dortmund wieder erschüttert zu werden droht. Es gibt in diesem Jahr noch ein wichtiges Spiel und das findet am 17. Spieltag gegen Kaiserslautern statt. Heute in der Champions League geht es wie schon in London darum, das Gesicht zu wahren. Gegen Dortmund befürchte ich kein Debakel, denn dafür werden sie uns für zu leicht befinden und ihre Kräfte für die Europa League schonen. Dortmund hat übrigens 7 Punkte mehr auf dem Konto als Werder zum selben Zeitpunkt in der Doublesaison. An dieses Spiel sollte man als Fan völlig erwartungslos herangehen.

Spielerisch geht es bei Werder noch nicht wirklich vorwärts, doch das kann man in dieser Hinrunde auch nicht mehr verlangen. Die personelle Situation, die kurzen Pausen zwischen den Spielen, die zwischenzeitliche Unruhe in Mannschaft und Umfeld – da kann man sich eigentlich nur die Wunden lecken und nach der Winterpause einen Neustart versuchen. Bei aller berechtigten Kritik darf man eben auch nicht vergessen, dass da teils Spieler auf dem Platz stehen, die eigentlich nur vierte oder fünfte Wahl auf ihrer Position sind. Wie würde sich ein Sandro Wagner wohl präsentieren, wenn er bei Dortmund in der 75. Minute eingewechselt werden würde, statt bei Werder den Lückenbüßer für unsere Ausfälle im Sturm zu geben? Die Übergänge vom vielversprechenden Sturmtalent zum scheinbaren Nichtskönner sind fließend, gerade für neue Spieler.

Der dritte Mann im Zentrum

Schon allein deshalb ziehe ich meinen Hut vor Dominik Schmidt. Dank seinen soliden Leistungen als Außenverteidiger (nicht mehr und nicht weniger sind sie) haben wir Clemens Fritzs Fähigkeiten als Sechser kennengelernt. Wenn die Aufstellung vor dem Spiel (Fritz als 6er, Bargfrede als offensiver rechter Mittelfeldspieler) noch überraschte, ergab die letztliche Aufteilung auf dem Spielfeld doch mehr Sinn. Werder spielte mit drei zentralen Mittelfeldspielern, um Wolfsburgs Raute im Schach zu halten und hatte in Hunt, Marin und Arnautovic drei variable Spieler in der Offensive, die ihre Sache ordentlich machten. Ein Problem ist in dieser Zusammensetzung die fehlende Präsenz in der Sturmspitze. Arnautovic spielt raumgreifend, weicht auf die Flügel aus und bräuchte dann eine Anspielstation im Strafraum. Da Hunt und Marin dafür kaum in Frage kommen, war es einige Male Bargfrede, der an der Strafraumgrenze angespielt wurde (bin ich der Einzige, der sich für diese Situationen einen fitten Tim Borowski gewünscht hätte?). Aus einer solchen Situation entstand schließlich auch der Elfmeter für Werder.

Leider verschoss Frings zum zweiten Mal in Folge, was für Sky Grund genug war, die Interviews nach dem Spiel auf diese Tatsache auszurichten. Wer aus diesen beiden Fehlschüssen eine Tendenz herauslesen möchte – bitteschön. Ich glaube eher, dass die 20er Serie ein statistischer Zufall war, denn obwohl Frings insgesamt gute Elfmeter schießt, war da auch der eine oder andere schwache Schuss dabei, der mit Glück trotzdem ins Tor ging. Dass das nicht immer klappen kann, ist eigentlich klar. Wollen wir hoffen, dass der Lutscher das mental wegsteckt und keine Serie daraus wird, denn seine Reaktion hinterher wirkte schon ein wenig dünnhäutig.

Übergangsjacke oder Wintermantel?

Hätten Arnautovic oder Hunt ihre Großchancen kurz vor Schluss genutzt, wäre das Fazit noch etwas positiver ausgefallen. So bleibt ein weiteres Zu-Null-Spiel, auf das man sich nicht viel einbilden darf, aber das der geschundenen Verteidigerseele sicherlich gut tut. Wenn Per Mertesacker jetzt noch seinen obligatorischen Katastrophenpass in den Fuß eines Gegenspielers aus dem Repertoire streicht, sieht das doch schon wieder nach einem Nationalspieler aus. Ansonsten fragt man sich natürlich, welche Elemente aus Werders Spiel Zukunft haben. Ist Schmidt mehr als nur eine Übergangslösung? Damit verbunden: Sehen wir Fritz noch häufiger im defensiven Mittelfeld? Ist die Lösung mit dem dritten zentralen Mittelfeldspieler ein Fortschritt oder ein Rückschritt? Können nicht gerade Marin und Hunt mit ihrer Spielweise davon profitieren? Und was platzt bei Arnautovic zuerst? Der Knoten oder der Kragen? Man hat bei ihm ja so den Eindruck, dass er noch gut auf 12-15 Saisontore kommen könnte, wenn er denn mal einen Lauf bekommt. Warum nicht gleich heute gegen Inter?

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    7 Gedanken zu „Maurermeister Schaaf?

    1. Ich bin wirklich überrascht darüber, dass Werder jetzt so langsam eine gewisse defensive Ordnung hinbekommt. Mal sehen, ob sich dann auch langsam die Durchschlagskraft nach vorn erhöht, wenn Piza und Almeida (der hoffentlich Nichtschwimmer ist ;) ) wieder da sind oder Arni trifft.

      Generell habe ich seit dem Pauli-Spiel wieder ein besseres Gefühl, obwohl das Spektakel (der Grund, warum ich als Sachse Werderanhänger wurde) erst einmal ausbleiben wird. Hoffen wir mal, dass das Gefühl in den letzten 2 Bundesligaspielen des Jahres nicht wieder vernichtet wird…

    2. Ich finde, dass du das Spiel treffend analysiert hast. Meinetwegen hättest du die beiden Chancen von Arnautovic, vor allem aber die von Aaron Hunt etwas genauer unter die Lupe nehmen können. Meine Güte, was habe ich mich vor dem Fernseher aufgeregt. Auch wenn ich jetzt in das gleiche Horn stoße wie viele: ich halte Hunt für einen absoluten Schönwetterfußballer. Wenn es nicht läuft? Ist`s halt so. Wie lässig er die riesen Chance am Ende vergibt! Wahnsinn. Und die gesamte Körpersprache regt mich auf.

    3. Hach, welch ein Ergebnis gegen Inter. Inzwischen glaube ich sogar wieder an Platz 5. Ach Augenblick, verweile doch…

    4. Tja — mit Austroboy hast du ja richtig gelegen! Bei seinem dicken Hals musste ja der Kragen irgendwann mal platzen.

      Leider war Inter heute nicht wirklich satisfaktionsfähig, sie haben selbst zu viele Verletzte (es fehlten Sneijder, Maicon, Milito, Coutinho, Lucio, Samuel, Stankovic, Cesar, Biabany, Chivu und Cambiasso in der IV), aber generell legten auch ein lustloses, körperloses Spiel an den Tag. Nun gut, jetzt droht ihnen Barça oder Real oder Chelsea. Die Spurs vielleicht Kobenhavn? Selbst schuld.

      Frings konzentriert sich jetzt wieder darauf, bessere Standards zu machen und wird versuchen, da eine Serie zu starten… (hat ihm sein Mentalcoach geraten).
      Er hat heute übrigens die Bälle auch ordentlich verteilt.

      A propos Standards — haben die ne Extraschicht gemacht gestern??

      Dominik Schmidt wusste zu gefallen, z.B. sein Querpass auf Hunt (der ihn an die Latte nagelt). Nicht unbedingt technisch brillant — aber sehr bissig, auch seine Flanken/Überlaufen etc. kommen langsam in Gang. Bügelt gut aus (bei FP Almeida zB) aber hat selbst auch noch einige Ballverluste, welche Inter aber nicht für sich zu nutzen wusste. Denen gelang es rein gar nichts zu ihrem Vorteil zu nutzen (abgesehen von Pandevs und Cambiassos Versuchen gab es keine Torschüsse) und dementsprechend hatte WB ziemlichen Freiraum, den sie, immer mutiger werdend, mehr und mehr zu nutzen wussten, besonders die Schlussviertelstunde wusste zu gefallen.

      Mein Eindruck war, dass eben jener Freiraum auch Hunt beflügelt hat, der ja sonst eher schlechter Abschnitt in der Ballbehauptung – aber nun – ohne viel gegnerische Gegenwehr und mit einer stabilisierten Defensive im Rücken – aufdrehen konnte.

      Man gewann zeitweilig den Eindruck, sie hofften noch auf die Tordifferenz zu Twente — um aufzuholen…noch sechs… fünf…

      Fritz neben Frings bisher eine gute Wahl – ein guter Springer — hilft mal defensiv aus und setzt aber auch offensive Impulse (eine Achse, die wir so selten erlebt haben als er auf den Aussen ackerte aber unser DM gut brauchen kann) jedoch Bargfrede war im OM im Spiel gegen Wolfsburg verschenkt – eher eine Verlegenheitslösung wg. Almeida. Nun, mit Hugo (assist für Arnautovics’ Tor) schon schlagkräftiger. Und dann noch Pizarros comeback…

      Aber WB als Kontermannschaft ist schon gewöhnungsbedürftig. das darf sich doch gerne wieder ändern. Bzw. beide taktischen Varianten dürfen weiterhin geübt werden. Meine Hoffnungen ruhen auf Belek – da muss die richtige Mischung gefunden werden. Und hoffentlich macht KA keine überhasteten Schnäppchen, jetzt wo man 800.000 (plus Geld für die Tore ?) auf der Habenseite zu verbuchen hat.

      Ein Letztes — schon traurig, dass WB die CL Nummer so jämmerlich vergeigt hat… Ja, ich weiss, die Verletzungen, die schwere Gruppe etc. pp. Nach der fulminanten Aufholjagd der letzten Saison. Diese Enttäuschung nagt auch an den Spielern.

      Und am Rande: es wird wohl Frings letztes CL Spiel gewesen sein… als Spieler jedenfalls…

    5. Habe das Spiel gestern nicht gesehen, da ich auf nem Konzert war. Aber bezüglich Inters Auftreten hat Allofs ja schon treffend gesagt: “Für das, was der Gegner macht, können wir nix”. Ich finde es sehr positiv, dass sich die Mannschaft in einem völlig bedeutungslosen Spiel gegen einen unmotivierten Gegner reingehängt hat. Da wollte man es den Fans noch einmal zum Abschluß zeigen. Es hätte auch ganz anders werden können. Schade nur, dass man Inter nicht richtig zur Schlachtbank geführt hat.

      @Jens: Natürlich willst Du nicht auf Hunt rumhacken. Komisch, zu Frings lächerlichem Elfer oder der zigten vergebenen Großchance von Arnautovic sagst Du nix. Und gestern hat er ja auch nicht schlecht gespielt. Und komm mir jetzt bitte keiner damit, dass ihn ja auch keiner angegriffen hat. Das war bei den anderen Bremern ja auch nicht anders.

    6. ich hab auch nicht gesagt, dass die gestrige leistung irgendwie bedeutsam für mich war. weder die von hunt,noch die der gesamtem mannschaft. natürlich hat hunt eine gewisse qualität. die hatte damals auch michael stich. der hat immer gut gespielt wenn es lief, wenn nicht, hat er eben verloren. ich mag eben die mentalität eines hunt nicht. der wird deswegen auch nie eine rolle in der nationalmannschaft spielen.

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