“Meine Hoffnung ist, dass wir es dieses Jahr packen”

Heute steht das Nordderby an. DAS Nordderby. Nicht irgendein zurecht konstruiertes, sogenanntes “Nordderby” zwischen Werder und Wolfsburg oder Hannover und Rostock. Die Erinnerungen an die vier Nordderbys im Apri und Mai sind noch präsent. Als Werderfan denkt man gerne daran zurück. Grund genug, einmal die andere Seite zu Wort kommen zu lassen. Die andere Seite ist in diesem Fall Florian Neumann, alias nedfuller, der in Neds Blog mit viel Herzblut über den HSV bloggt. Im Interview (meinem ersten hier im Blog) erzählt er unter anderem, warum er mit den Leistungen seiner Mannschaft zufrieden ist, Werder nicht mag und Bruno Labbadia gegenüber skeptisch ist.

Tobias: Hallo Florian, danke, dass du mitmachst bei dem Interview. Nicht unbedingt ganz naheliegend, dich für ein Werder-Blog interviewen zu lassen. Die Saison ist ja bislang für den HSV sehr gemischt verlaufen. Wie beurteilst das insgesamt, bist du zufrieden mit den Leistungen und Ergebnissen?

Florian: Ja und nein. Natürlich bin ich zufrieden, denn wir sind immer noch da wo ich es erwartet habe, auf einem Platz, der für den internationalen Wettbewerb reicht. Bei dem Kader, den wir haben, bin ich insofern ganz froh, dass wir nach den vielen Verletzungen, nicht so stark abgestürzt sind. Es sah am anfang relativ gut aus bei uns, viele Spiele ohne Niederlage, gut gespielt, zwar ab und zu unnötig ein paar Punkte liegen gelassen, aber das doch schon ganz gut gemacht. Durch die ganzen Verletzten war es dann schon sehr eng, was den Kader anging. Deshalb bin ich an sich noch zufrieden.

Du hast das Verletzungspech gerade schon angesprochen. Mit Pechsträhne ist das ja fast noch milde beschrieben. Ich weiß gar nicht, wie viele Verletzte ihr zwischenzeitlich hattet. Dafür, dass so viele Spieler ausgefallen sind, habt ihr euch doch noch ganz gut geschlagen, habt nur vier Punkte Rückstand auf die Tabellenspitze. Glaubst du, dass ihr ohne das Verletzungspech jetzt sogar noch wesentlich besser dastehen würdet?

Ja, definitiv. Man merkte es schon im letzten Spiel, als Petric wieder dabei war, dass der Gegner ganz anders gegen uns agiert. Da steht nun kein 19-jähriger Jüngling vorne drin, sondern ein kroatischer Nationalspieler, der in der Bundesliga gefürchtet ist. Dazu kommt irgendwann auch wieder ein Paolo Guerrero, der in den Spielen, die er zu Beginn der Saison gemacht hat, einfach grandios war. Das ist schon ein Unterschied. Es gibt diverse Spiele, bei denen ich in der Kurve gedacht hab: die Flanken kommen rein, aber es steht halt keiner da, der das verwerten kann. Mit den Beiden hätten wir sicher einge Spiele mehr gewonnen, etwa gegen Gladbach oder Hannover.

In den letzten Wochen hat sich eure personelle Situation wieder etwas verbessert. Die Ergebnisse sind ebenfalls besser geworden, die Formkurve geht klar nach oben. Bist du nun sogar traurig, dass die Winterpause kommt oder froh, weil zum Rürckrundenauftakt einige der verletzten Spieler wieder dabei sein könnten?

Ich bin froh, dass die Winterpause kommt, weil wir mit einem kleinen Kader 17 Spiele plus Europa Liga durchmachen mussten, was eben doch sehr anstrengend ist. Auch nach der Winterpause werden weder Ze Roberto noch Guerrero wieder im Kader sein, darauf kann man sich nicht verlassen, deshalb hoffe ich, dass wir für den Sturm noch Verstärkung holen werden.

Heute wurde die nächste Runde der Europa League ausgelost…

Und ich hab euch sooo Schachtjor Donezk gewünscht!

…naja, nun gibt es eben zweimal das Duell Deutschland gegen Holland. Ihr spielt gegen Eindhoven. Bist du zufrieden mit dem Los?

Es hätte wahrscheinlich schlimmer kommen können, gerade wenn man sieht, wie es jetzt Hertha erwischt hat mit Lissabon. Ich kann Eindhoven schlecht einschätzen, weiß gar nicht genau wo die stehen. Ich weiß nur, das Enschede, gegen die ihr nun spielt Erster ist und PSV irgendwo dahinter. Der holländische Fußball ist für mich schwer einzuschätzen. Wir hatten letzte Saison in der Gruppenphase Ajax als Gegner, da haben wir verloren. Wann wir das letzte mal gegen Holländer in der K.O.-Runde gespielt haben weiß ich schon gar nicht mehr. Die Spiele sind im Februar, da steht es auf der Kippe, ob Ze Roberto wieder da ist, aber ich rechne mir gute Chancen aus.

Am Sonntag steht nun das Nordderby an. Lass uns kurz über das Verhältnis zwischen den Vereinen und ihren Anhängern sprechen. Du hast vor dem Interview schon darauf hingewiesen, dass ich nicht auf Sympathien deinerseits gegenüber meinem Verein hoffen kann, weil du Werder nicht magst. Ganz salopp gefragt: Warum eigentlich nicht?

So richtig kann ich gar nicht sagen, warum das so ist. Es hat sicher etwas damit zu tun, dass es ein ewiger Rivale ist, weil Werder Bremen schon immer ein Verein war, gegen den man Derbys hatte. Zum anderen ist es die Abneigung gegen das, was da so passiert. Bremen ist eben doch ein kleines Dorf von uns aus gesehen und trotzdem seid ihr erfolgreich, das muss man schon anerkennen. In den letzten Jahren hattet ihr ein bisschen mehr an Erfolgen als wir. Wir haben in den letzten 23 Jahren keinen Titel gewonnen, bei euch sieht es da etwas anders aus. Das schürt natürlich auch so ein Verhältnis. Ich hab mich immer gefragt, warum wir eine Fanfreundschaft mit Hannover 96 haben. Das liegt natürlich auch daran, dass die uns nicht an den Karren pinkeln. Was mich maßlos geärgert hat war, dass uns Werder in der ewigen Tabelle überholt hat vor zwei Jahren und wir damals auch noch die Champions League Qualifikation verpasst haben im direkten Duell. Das hat weh getan.

Die Rivalität hat also auch etwas damit zu tun, das die Vereine seit langer Zeit auf Augenhöhe sind?

(lacht) Nein, das muss man euch leider zugestehen, das sind wir nicht. Bis auf die letzten paar Jahre. Vorher waren wir es nicht.

Gut, dann lass es mich anders formulieren. Bis in die 70er war das Verhältnis zwischen den Fans gar nicht so schlecht. Vor Gründung der Bundesliga war Hamburg Serienmeister der Oberliga-Nord. in den 60ern gewann Werder zwar mal die Meisterschaft, doch in den 70ern war man eine graue Maus, die immer im Mittelfeld landete. Erst nach dem Wiederaufstieg konkurrierte man sportlich so richtig. 1983 wurdet ihr Meister und wir punktgleich Zweiter. In der Saison gipfelte auch der Hass zwischen den Fans und eskalierte im Tod von Adrian Maleika. Für viele der Ausgangspunkt der heutigen Rivalität zwischen den Fans.

Interessant, dass du das erwähnst. Ich habe gerade im Magazin des Hamburger Supporters Clubs ein Interview mit Maleikas bestem Freund gelesen, der sagt, dass die Situation damals sehr seltsam war. Vorher war nie etwas. Er ist sogar mal bei uns in der Westkurve gewesen und hat dort ein Spiel geguckt. Nicht irgendein Spiel, sondern HSV gegen Werder Bremen. Es fing dann wohl damit an, dass sich die Hooligans beider Vereine gegenseitig angegriffen haben. Es gab zum Beispiel einen Angriff von HSV-Hooligans auf eine S-Bahn mit Leuchtmunition. Vor kurzem gab es einen Angriff auf einen Werder-Bus von HSV-Anhängern mit Steinen und Eisenstangen. Da müssen wir aufpassen, das hatten wir vor 27 Jahren schon mal und da ist jemand gestorben. So sehr ich auch sage, dass Bremen nie mein Lieblingsverein sein wird, es darf nie in Gewalt ausarten. Eine gesunde Rivalität finde ich toll, das gehört auch dazu.

Gab es für dich persönlich ein Schlüsselerlebnis, was deine Abneigung gegen Werder angeht?

Dann hat es auch etwas damit zu tun, dass ich in der letzten Saison zum ersten Mal bei euch im Stadion war zum Bundesliga-Spiel. Da war etwas enttäuscht von dem, was ich geboten bekommen habe. Ich stand nicht in der Gästekurve, sondern saß auf der Südtribüne in Richtung eurer Fankurve und nun habt ihr uns damals mit 2:0 verprügelt. Tim Wiese hat Bälle gehalten, bei denen ich dachte: was ist denn hier los? Ihr habt verdient gewonnen, überhaupt keine Frage. Eigentlich ein Freudentag für euch, aber um mich herum saßen viele Fans, die zwar Schals ums Handgelenk gebunden hatten, aber noch nicht mal zur LaOla aufgestanden sind. Vor uns saß noch so ein Vollidiot, der die HSV-Fans im Block bepöbelt und beim 1:0 in unsere Richtung gejubelt hat. Dazu hab ich mich maßlos über das Stadion geärgert, denn das ist unter aller Sau. Das kann man einem Fußballfan nicht zumuten. Ich kenne das noch aus dem alten Volkspark, da war es ähnlich. So lange schon erfolgreich zu sein und dann so ein Stadion zu haben, das ist für mich unverständlich.

Dazu hat mich das Auftreten einiger eurer Spieler geärgert. Das Auftreten von Diego unter unserer Fankurve war unnötig, das muss er nicht machen. Dass man dann keine Gegenstände auf ihn wirft, ist eine ganz andere Sache, das verurteile ich sofort, aber es war schon sehr provozierend und das nervt dann eben noch mehr. Tim Wieses Aktion mit dem Megafon fand ich dagegen gar nicht so schlimm. Für die Öffentlichkeit war es etwas blöd, aber es ist doch verständlich, wenn ein Bremer Spieler sich über einen Sieg gegen uns freut. Ich wäre ja froh, wenn unsere Spieler das genauso empfinden würden. Lustig fand ich aber die Choreographie mit der Papierkugel. Das war eine tolle Idee, dass ihr eure eigene Leistung darauf beschränkt, denn die Papierkugel hatte mit dem Ausgang des Spiels eigentlich nichts zu tun.

An die letzten vier Nordderbys wirst du vermutlich nicht gerne zurück denken. Vor allem dieses besagte Spiel mit der Papierkugel war ja sehr umstritten. Wie hast du die Partie damals erlebt?

Was mich geärgert hat an der Geschichte mit der Papierkugel ist, dass dadurch die wahre spielentscheidende Szene in den Hintergrund gedrängt wurde. Das war nämlich das zu Unrecht nicht gegebene Tor von Olic. Als das 1:0 für uns fiel, war ich noch nervöser als sonst, weil ich gemerkt hatte: die Bremer wollen heute gewinnen. Die sind ganz anders aufgetreten als wir. Es gab an dem Tag eine Choreo der Fans durch gesamte Stadion, das war unfassbar. Es war eine Stimmung im Stadion, wie ich sie noch nie erlebt habe, das werde ich nie vergessen. Weil wir wussten: es geht um etwas. Es geht um alles! Dieses Gefühl hatte ich von Teilen unserer Mannschaft leider nicht. Bei der Aufstellung habe ich mich gefragt, wo eigentlich das Mittelfeld ist. Wir haben mit zwei Stürmern gespielt, was gut war, da Werder hinten sehr anfällig war, aber wir hatten eben kein Mittelfeld, das die Stürmer mit Bällen versorgt hat. Eine ganz merkwürdige Situation.

Ist Werder für dich ein Angstgegner?

Ja. Natürlich. Ganz einfach, weil Bremen immer eine gewisse Qualität mitbringt. Es ist ja nicht so, dass sie gegen uns glücklich gewinnen, wie vielleicht Bochum oder Gladbach, sondern weil sie die Qualität haben. Das ist dann schon etwas “beängstigend”, wenn man so will.

Die wirklich wichtigen Nordderbys hat Werder in den letzten Jahren eigentlich immer gewonnen. Für mich ist Hamburg trotzdem eine Art Angstgegner. Ich habe Angst vor dem ersten Mal. Ich bin seit 1986 Fußballfan und musste nie einen großen Triumph von euch über uns miterleben, aber irgendwann muss es ja mal dazu kommen.

Meine Hoffnung ist ja, dass wir es dieses Jahr packen. Mein Traum wäre, dass wir euch in der Europa League im Finale in Hamburg schlagen und dann am Samstag darauf die Meisterschale im Weserstadion gewinnen.

Das wäre dann in der Tat die ultimative Revanche. Kommen wir zum Spiel am Sonntag. Köln und vor allem Schalke haben in den letzten Wochen gezeigt, wie man Werder beikommen kann: mit viel Laufbereitschaft und konsequentem Zweikampfverhalten. Glaubst du, dass ihr das Spiel ähnlich angehen werdet oder wird es doch ein offener Schlagabtausch?

Ich hoffe, dass wir daraus gelernt haben. Wenn man es schafft, euch nicht ins Spiel kommen zu lassen, dann hat man eine Chance. Jetzt, wo Petric wieder da ist, haben wir ja auch jemanden vorne drin, der Tore machen kann. Trotzdem ist die Ausrichtung unseres Trainers so, dass man das Spiel machen will. Das kann man gegen euch auch machen. Trotz der wenigen Gegentore habt ihr nicht die besten Innenverteidiger der Liga, aber die meisten eurer Gegner gehen die Spiele defensiv an, weil sie Angst vor dem Offensivfeuerwerk haben, dass ihr veranstaltet. Was machen Mertesacker und Naldo jetzt anders als in der letzten Saison? Nichts. Ich bin der Überzeugung, dass man ihnen mit schnellen Pässen den Garaus machen kann. Wir müssen dann nur darauf achten, bei Ballbesitz Werder den Raum eng zu machen, damit ihr euer Kombinationsspiel nicht aufziehen könnt.

Noch ein paar Worte zu eurem Trainer. Martin Jol war in der letzten Saison doch eigentlich ganz erfolgreich. Ich denke, der hätte mit dem heutigen Kader auch gut gearbeitet. Trotzdem hat man ihn entlassen und mit Labbadia einen neuen Trainer geholt. Wie beurteilst du das und was hältst du von Labbadia?

Jol hatte kein allzu gutes Standing in der Mannschaft. Es gab Irritationen, weil Jols Bruder schon vor den Spielen in die Kabinen der gegnerischen Mannschaften gegangen ist und dort Trikots zu bekommen. Dazu hatte Jol schon viele der jungen Spieler zur Verfügung, hat sie aber nicht wirklich eingesetzt. Boateng hat er zum Beispiel völlig links liegen gelassen, obwohl wir Probleme in der Innenverteidigung hatten. Dann wollte er seine Kompetenzen erweitern und mehr Einfluss im Verein erlangen und das ist eben etwas, das bei uns nicht geht. Wir haben einen Trainer und nicht mehr. Letztendlich ist dann auch der Sportdirektor gegangen, das hatte keiner erwartet, weil es nach außen keine Anzeichen dafür gab.

Bruno Labbadia gegenüber bin ich sehr skeptisch. Ich bin sowas von skeptisch, das kann man sich gar nicht vorstellen. Ich vermisse von Labbadia teilweise ehrliche Worte, auch mal in der Öffentlichkeit. Nach so einer Niederlage wie am Donnerstag möchte ich auch mal Klartext hören. Thomas Doll hat perfektioniert und bis kurz vor seiner Entlassung immer wieder behauptet, wir hätten gut gespielt und unverdient verloren. Dennoch hoffe ich, dass wir einen Trainer gefunden haben, mit dem wir langfristig zusammenarbeiten können, ich glaube es aber einfach noch nicht.

Er ist ja auch für seine – nicht vorgenommenen – Auswechslungen kritisiert worden. Boateng war das glaub ich, der verletzt war und weiterspielen musste?

Ja, genau. Zwei Spiele später war es dann Demel, der Unrund lief und der Trainer hat es nicht gesehen. Labbadia ist noch ein junger Trainer, das muss man auch sagen. Insofern ist es ein Risiko. Er hat vorher Bayer Leverkusen auf den 9. Platz trainiert, das ist keine Auszeichnung, ist mit Fürth nicht in die 1. Liga aufgestiegen. Der einzige Erfolg, den er vorzuweisen hat, ist der Aufstieg mit Darmstadt aus der vierten in die dritte Liga. Er wirkt aber sehr ehrgeizig, steckt viel Arbeit in seinen Job und hat die Rothosen an, als ehemaliger HSV-Spieler. Das finde ich nicht unwichtig, weil er weiß, was es bedeutet, Trainer des HSV zu sein.

Zu guter Letzt: Gibst du einen Tipp ab für das Spiel?

Ja… 2:1. Bei dem Spiel geht es um nichts, also haben wir eine ganz gute Chance.

Dann bedanke ich mich für das Gespräch und wünsche dir alles Gute. Deinem Verein nicht, aber das beruht wohl auf Gegenseitigkeit.

Richtig.

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    4 Gedanken zu „“Meine Hoffnung ist, dass wir es dieses Jahr packen”

    1. Gutes Interview, das bei aller Rivalität mit sehr viel Respekt für einander geführt worden ist. Davon könnte sich so mancher Fan (aus beiden Lagern) mal einiges von abgucken. Danke dafür!

    2. “Als das 1:0 für uns fiel, war ich noch nervöser als sonst, weil ich gemerkt hatte: die Bremer wollen heute gewinnen. Die sind ganz anders aufgetreten als wir.”

      Tja leider war das heute anders herum. Bis zur 80. hatte ich nicht das Gefühl dass Werder wirklich will.

      Nebenbei: Guter Tipp!

    Kommentare sind geschlossen.