Meine Saison (in a nutshell)

Die Saison ist vorbei. Zeit für Rückblicke, Bilanzen, Fazits. Hier ist meine Einschätzung der Saison in Kurzform:

Das gefiel mir

Die Auswärtsstärke. Die Heimspiele in der Europa League. Das Aufreten im DFB Pokal gegen die Zweitligamannschaften. Claudio Pizarro, der vielleicht beste Stürmer der Werdergeschichte. Mesut Özils Ballbehandlung. Marko Marins Finten. Torsten Frings späte Topform. Die vielen Last-Minute-Tore. Der André Wiedener Tanz. Thomas Schaafs Taktik gegen Schalke im Mai.

Das gefiel mir nicht

Die Heimschwäche in der Bundesliga. Die Unkonzentriertheiten in den ersten Halbzeiten. Der Stadionumbau. Die Pfiffe gegen einzelne Spieler. Die BILD-Kampagne gegen Schaaf und Allofs. Daniel Jensens Verletzungspech. Markus Rosenbergs Einstellung. Tim Wieses Frisur (ich hätte nicht gedacht, dass es noch schlimmer kommen könnte). Marins Schwalben. Fans von Treter-Mannschaften, die sich (nur) über Marins Schwalben aufregen. Felix Magaths Taktik gegen uns im Dezember.

Spannend

Die taktische Variabilität. Vorbei sind die Jahre, in denen Werder immer 4-4-2 mit Raute spielt. Mit Mesut Özil hat man einen Spieler mit Spielmacherqualitäten, der aber keine klassische Nummer 10 ist. Werder hat in dieser Saison vieles ausprobiert und sich zum Saisonende erstmals seit langer Zeit dem Spiel der Gegner angepasst. Die realistische Selbsteinschätzung hat in der Liga Platz 3 gerettet, im Pokal leider nicht geholfen. Dennoch, so variabel habe ich Werder unter Schaaf noch nie gesehen: Ob flaches 4-4-2, 4-2-3-1, 4-4-1-1 oder auch die klassische Werderraute im Mittelfeld – Werder hat inzwischen alles im Repertoire. Das ist natürlich kein Selbstzweck, mit so vielen außergewöhnlichen Offensivspielern ist die Raute allein nicht mehr ausreichend. Darauf hat man angemessen reagiert.

Langweilig

Borowski-Bashing. Tim Borowski spielte eine mittelmäßige Hinrunde. Nach seinem überaus schwachen Rückrundenstart verlor er zu Recht seinen Stammplatz im Mittelfeld, zeigte sich aber seit März in aufsteigender Form. Gegen Schalke mit einem starken Comeback als Defensivarbeiter in der Startformation. Daher zu Recht zuletzt wieder von Beginn an. Insgesamt eine etwas enttäuschende Saison. Man darf auch zweifeln, ob er noch mal so stark wird, wie zu seinen besten Zeiten. Dieses stumpfe und undifferenzierte Draufhauen, das sich viele Werderfans angeeignet haben, geht mir aber einfach nur noch auf die Nerven.

Spiel der Saison

Werder Bremen – FC Valencia 4:4. Ein unglaubliches Spiel, sowohl was den Spielverlauf als auch was die Tore angeht. Es war ein Abend, an dem alles möglich schien und vieles möglich war. Am Ende schied Werder aus, aber kaum jemand im Stadion dürfte enttäuscht von der Mannschaft gewesen sein. Die Fehlersuche bei dem Spiel ist einfach und ergiebig, aber dies war kein Abend für Taktikfüchse, sondern für Fußballromantiker. Ein Wunder von der Weser ohne Happy End. Für mich das Spiel der Saison.

Spieler der Saison

Claudio Pizarro. Das schlampige Genie ist erwachsen geworden. Über sein außergewöhnliches Talent wissen wir schon seit Jahren bescheid. Nach seiner Rückkehr wurde er langsam auch zum Führungsspieler. In dieser Saison ging er als gutes Vorbild voran, stellte sich in den Dienst der Mannschaft, arbeitete unglaublich viel mit nach hinten und büßte trotzdem nicht seine Torgefährlichkeit ein. Kann am Ball einfach alles, auch wenn er nicht der schnellste ist. Manchmal noch zu unkonzentriert bei einfachen Torabschlüssen, aber dafür trickreich wie ein Hütchenspieler. Am Ende stehen 28 Saisontore in 40 Spielen. Die Belohnung für eine tolle Saison.

Spieler der Hinrunde

Mesut Özil. Spielte von August bis November groß auf. Etablierte sich in kürzester Zeit als zentraler offensiver Mittelfeldspieler und sorgte dafür, dass Werder nach Diegos Weggang nicht in ein kreatives Loch fiel. Im Winter fiel er dann aber in ein Loch und brauchte einige Zeit, bis er wieder an seine Hinrundenform anknüpfen konnte. Wirkt bei aller Klasse noch immer etwas fragil. Ein weiteres Jahr bei Werder täte ihm und dem Verein gut.

Spieler der Rückrunde

Petri Pasanen. Hatte keiner auf dem Zettel. In der Hinrunde zumeist nur als Backup für Sebastian Boenisch auf der Bank. Nach dessen Verletzung kam Abdennour und Pasanen musste weiter warten. Als der Tunesier nicht überzeugen konnte, kam die große Stunde des Routiniers. Spielte einen grundsoliden, abgeklärten Part links in der Viererkette. Hat weder Boenischs Dynamik noch dessen Offensivdrang, doch machte nach hinten sehr wenige Fehler. Der Aufschwung der letzten Monate hatte auch mit seinen starken Leistungen zu tun. Schmerzlich vermisst im Pokalfinale.

Newcomer der Saison

Ohne jeden Zweifel Philipp Bargfrede. Kam aus der zweiten Mannschaft, überzeugte in der Vorbereitung und ist seit Saisonbeginn ein wichtiger Bestandteil unseres Mittelfelds. Ist in allen Bereichen mindestens solide und ist dazu für sein Alter erstaunlich abgeklärt. Wenn er sich in der neuen Saison weiter steigern kann, wird man Baumann noch weniger vermissen und dazu im Schatten von Frings den neuen Chef im Mittelfeld aufbauen können.

Saisonfazit

Es war eine gute Saison. Phasenweise spielte Werder so souverän, wie ich es seit der Doublesaison nicht mehr gesehen hatte. Dann der große Einbruch im Winter. Alle Ziele schienen aus den Augen zu geraten. Am Ende stehen in der Bundesliga Platz 3 und die Champions League Qualifikation. Saisonziel erreicht – wie fast immer mit vielen Höhen und einigen Tiefen. Im DFB Pokal stand man im Finale, dank der einfachen Auslosung diesmal fast eine Pflichtaufgabe. Das Finale gegen die Bayern war ernüchternd. International spielte man eine souveräne Vorrunde und schied dann mit zu vielen Fehlern, viel Kampf und ein wenig Pech gegen Valencia aus. Insgesamt bin ich trotzdem sehr zufrieden.

Ausblick

So kurz nach Ende einer Saison immer schwierig. Die Voraussetzungen für eine weitere erfolgreiche Saison sind gegeben. Es könnte zum ersten Mal in der jüngere Geschichte ein Sommer ohne einschneidende Veränderungen am Kader werden. Wir haben viele Spieler, die eine gute Entwicklung genommen haben und über weiteres Steigerungspotential verfügen: Özil, Marin, Hunt, Bargfrede, Boenisch. Erfahrenen Leistungsträgern, wie Wiese, Mertesacker, Frings und Pizarro ist allesamt noch eine weitere gute Saison zuzutrauen. Bei erfolgreicher Champions League Qualifikation sollte an den Problemzonen nachgebessert werden: Die Personaldecke bei den Außenverteidigern ist dünn und im Sturm fehlt ein zweiter Topspieler. Ich weiß nicht, ob Almeida das noch werden kann, auch wenn ich es hoffe. Ansonsten reicht es aus, eventuelle Abgänge auszugleichen.

Dann gibt es natürlich auch noch die Konkurrenz, die ebenfalls nachbessern wird. Wie gut wird Schalke im zweiten Jahr unter Magath? Ist Bayern schon am Zenit? Wie oft kann der HSV mit diesem Kader noch am eigenen Unvermögen scheitern? Spielt Stuttgart ausnahmsweise zwei Saisonhälften konstant? Kann Klopp Dortmund zu einem Meisterschaftskandidaten formen? Wird Vizekusen seinem Namen mal wieder gerecht (nur ein Vize-Titel in den letzten 7 Jahren? Come on!)? Und was machen die Neureichen aus Wolfsburg und Hoffenheim? Es wird nicht leicht, bei diesen Mitkonkurrenten wieder einen Platz in den Top 3 zu erreichen.

Vor der abgelaufenen Saison wurde die große Zukunftsfrage gestellt: Rutscht Werder ins Mittelmaß ab oder kann man sich wieder in der Bundesligaspitze etablieren. Das Team hat die Antwort gegeben, wenn auch erst spät. Jetzt hat es sich einen positiven Ausblick auf die kommende Saison verdient. Wir werden nie ein Triple gewinnen, doch wir sind Werder Bremen und uns müsst ihr nächste Saison erstmal schlagen!

Artikel teilen

    4 Gedanken zu „Meine Saison (in a nutshell)

    1. Pizarro besser als Klose in seiner 25-Tore-Saison? und dann kamen auch noch 17 Assists oder so dazu… Ich weiß nicht, ich trauere dem heimlich immer noch ein bisschen nach. Wobei man zu Pizarros Gunsten werten muss, dass er keinen gleichwertigen Sturmpartner hat, der Assists liefern könnte und umgekehrt.
      Und was hat es mit der Bild-Kampagne auf sich? Das hab ich nicht so mitgekriegt.
      Ansonsten kann ich das alles so unterschreiben, bis auf den Ausblick, den ich (qua Naturell wahrscheinlich) eher pessimistischer sehe, da es schon an einigen Stellen Unzufriedenheit gibt, wo eigentlich kein Anlass besteht und auch die CL-Qualifikation immer die Personalplanungen verschleppt und gefährdet. Mal gucken.

    2. @Andre: Auf die eine Saison bezogen ist er nicht besser als Klose, aber Pizarros vier Jahre bei Werder insgesamt fand ich schon noch etwas besser. Er hat halt noch diesen Tick mehr Eleganz in seinem Spiel.
      Die Bild Kampagne war nach dem Gladbach-Spiel Ende Januar, mit Überschriften wie “Schaaf und Allofs machen Werder kaputt”. Hat sich zum Glück schnell erledigt, weil Werder danach in der Rückrunde ja nur noch einmal verloren hat.
      Ich bin eigentlich auch eher pessimistisch, aber das ist gerade irgendwie nicht der Zeitpunkt dafür. Erst mal abwarten, was im Sommer so passier.

      @Hamburger: Herzliches Beileid!

    Kommentare sind geschlossen.