Meine Saisonvorschau 09/10 (Teil 1)

Heute Abend beginnt in Wolfsburg die neue Bundesligasaison. Höchste Zeit für eine ausführliche Saisonvorschau. Auch dieses Jahr kommt sie wieder in mehreren Teilen. Heute steht dabei allein Werder im Vordergrund. Was kann man von der Mannschaft in der kommenden Spielzeit erwarten?

Tor

Auf dieser Position gibt es keine nennenswerten Veränderungen. Tim Wiese ist unumstrittene Nummer 1 mit Ambitionen auf einen Platz im WM-Kader. Bei ihm war letzte Saison ein deutlicher Aufwärtstrend erkennbar. Vor allem seine Coolness in Stresssituationen hebt ihn von der deutschen Konkurrenz ab. Verbessern sollte er noch seine Strafraumbeherrschung, dann könnte er sogar als 1. Torwart nach Südafrika fahren. Bei Werder machen ihm weder Christian Vander, noch Sebastian Mielitz den Stammplatz streitig.

Fazit: Im Tor ist Werder deutlich überdurchschnittlich besetzt.

Abwehr

Trotz 50 Gegentoren in der vergangenen Saison gab es in der Abwehr keine personellen Konsequenzen. In der Innenverteidigung spielen mit Per Mertesacker und Naldo zwei Kopfball- und Zweikampfstarke Spieler, die in Normalform zu den besten Innenverteidigerpärchen der Liga zählen. Gerade bei Naldo gab es in den letzten beiden Jahren jedoch immer wieder Phasen, in denen er diese Form nicht erreicht hat. Gegen Ende der letzten Rückrunde zeigte er aber wieder seine alten Stärken und führte Werder mit einer überragenden Leistung zum Pokalsieg. Sebastian Prödl hat sich dahinter dem Niveau der beiden langsam angenähert. Sollten Naldo und Mertesacker fit bleiben, dürfte er über den Status als Ergänzungsspieler aber nicht hinaus kommen.

Auf der rechten Außenbahn hinterließ Clemens Fritz in der Vorbereitung einen starken Eindruck. Nach der schwachen letzten Saison will er wieder an seine Glanzzeiten anknüpfen und sich erneut in den Kreis der Nationalmannschaft spielen. Der Stammplatz wird ihm vom neuen Konkurrenten Martin Harnik nicht zu nehmen sein, da dieser gerade vom Stürmer zum Außenverteidiger umgeschult wird und noch Schwächen im taktischen Bereich hat. Spannender ist es auf der linken Seite, dem traditionellen Sorgenkind der Bremer Viererkette. Sebastian Boenisch hat nach der U21-EM noch leichten Aufholbedarf, weshalb Petri Pasanen im Moment die Nase vorn hat. Vom Finnen sind keine großen Leistungssteigerungen zu erwarten, doch er füllt die Position defensiv gut aus und zeigte im Pokalspiel gegen Union Berlin, dass er auch in der Offensive Akzente setzen kann. Ich denke trotzdem, dass sich Boenisch im Laufe der Saison durchsetzen und weiterhin steigern wird. Dusko Tosic wird den Verein verlassen, da bin ich mir sicher.

Fazit: Auf beiden Außenbahnen glaube ich an eine Leistungssteigerung. Insgesamt ist die Abwehr leicht überdurchschnittlich besetzt.

Mittelfeld

Im defensiven Mittelfeld war Frank Baumann in den letzten 6 Jahren meist gesetzt. Flankiert wurde er dabei auf der rechten Seite von Torsten Frings, der nun eine zentralere Rolle einnehmen wird. Frings spielte eine insgesamt enttäuschende letzte Saison und muss sich im Jahr vor der WM dringen neu beweisen, wenn er sein Ticket nach Südafrika nicht gefährden will. Für seine physisch anspruchsvolle Spielweise benötigt er absolute körperliche Fitness. Diese ist ihm in der vergangenen Saison – wohl auch bedingt durch die langen Verletzungspausen im Jahr davor – etwas abhanden gekommen, doch scheint nun wieder da zu sein. Ich zähle Frings trotz zahlreicher anderer Stimmen noch nicht zum alten Eisen. Neben Frings steht mit Rückkehrer Tim Borowski eine große Überraschung. Nicht der Transfer selbst war unerwartet, sondern die Konsequenz mit der Borowski auf der – zumindest im Werdertrikot – ungewohnten Position im defensiven Mittelfeld bislang agiert. Viele haben ihm dies nicht zugetraut. Dabei hat Borowski eines seiner besten Spiel für Werder auf der Sechserposition gemacht (beim 1:0-Sieg gegen Chelsea 2006). Die Achse Frings – Borowski dürfte der Schlüssel zu einer erfolgreichen Saison für den SVW werden.

Leidtragender ist zunächst Peter Niemeyer, der endlich verletzungsfrei ist und sich in der Rückrunde mit respektablen Leistungen in die Stammmannschaft spielte. Nachwuchsspieler José-Alex Ikeng hat sich in der Vorbereitung leider das Kreuzband gerissen. Es bleibt abzuwarten, ob er in dieser Saison noch eine Rolle spielen kann, da es bereits die dritte Verletzung dieser Art für ihn ist. Ein großes Fragezeichen steht noch hinter Jurica Vranjes. Der Kroate gilt als Streichkandidat, könnte durch Ikengs Verletzung aber eine neue Chance erhalten.

Im offensiven Mittelfeld klafft nach Diegos Wechsel zu Juventus ein Loch. Da adäquater Ersatz für diesen Ausnahmespieler fehlt, versucht Werder erst gar nicht dieses zu stopfen. Stattdessen wird das System dem vorhandenen Spielermaterial angepasst. Mesut Özil und Marko Marin werden als Stammpersonal auf den beiden offensiven Positionen im Mittelfeld gehandelt. Zusammen sollen sie dort den Verlust von Diego kompensieren. Beide haben in der vergangenen Saison ihr großes Talent mehr als nur angedeutet. Dennoch gibt es Zweifel: Das stärkste Argument gegen die beiden ist ihr junges Alter. Weder Marin noch Özil konnten sich bislang konstant auf höchstem Niveau beweisen. Für Özil sprechen die Erfahrungen der vergangenen Saison, mit einem verlorenen und zwei gewonnenen Finals als Höhepunkt. Von ihm erwarte ich diese Saison einen weiteren Sprung, vor allem in Sachen Konstanz. Marin musste zuletzt in Gladbach und bei der U21-EM Rückschläge einstecken. Er erhält bei Werder die Chance, sich in einem guten Umfeld weiterzuentwickeln. Hier ist Papa Schaaf sicher gefordert.

Aaron Hunt kann langsam als Beispiel für einen Hochtalentierten dienen, der es nicht geschafft hat. Es hat sicher auch mit der Verletzungsanfälligkeit zu tun, aber von ihm muss deutlich mehr kommen, wenn er eine Zukunft bei Werder haben will. Daniel Jensen hat eine gebrauchte Saison erwischt. Seit über einem Jahr kämpft er nun gegen diverse Verletzungen an, ohne je wieder an die tollen Leistungen der Saison 2007/2008 anzuknüpfen, als er Torsten Frings hervorragend vertrat. Ein Spieler seiner Prägung täte der Mannschaft auch jetzt wieder gut: Technisch stark, flexibel einsetzbar und mit gutem Auge für den freien Mann. Leider habe ich aufgrund der verpassten Vorbereitung wenig Hoffnung auf ein baldiges Comeback auf Spitzenniveau. Die Überraschung der Vorbereitung heißt Philipp Bargfrede. Der 20jährige spielte sich durch engagierte und selbstbewusste Auftritte in den Mittelpunkt und kann in dieser Saison allemal als Ergänzungsspieler eine Rolle spielen.

Fazit: Werders Mittelfeld bleibt auch ohne Diego konkurrenzfähig und ist schwerer ausrechenbar. Hier gehört Werder zu den Besten der Bundesliga.

Angriff

Hier steht bislang das größte Fragezeichen. Kommt Claudio Pizarro oder kommt er nicht? Wenn er nicht kommt, kommt dann jemand anderes von ähnlichem Format? Eine Planstelle besteht im Werdersturm auf jeden Fall. Im Schatten der Transferspekulationen haben sich die vorhandenen Angreifer erstaunlich gut entwickelt. Sehr erfreut bin ich über die Auftritte von Boubacar Sanogo. Nach seiner Rückkehr aus Hoffenheim galt er als Streichkandidat – momentan dürfte er einen Stammplatz sicher haben. Ähnlich wie vor zwei Jahren kämpft Sanogo um jeden Ball, legt für Mitspieler auf und trifft auch das Tor wieder. Seine teils hölzernen Bewegungen scheinen dabei den Regeln der Physik zu trotzen. Bevor es der Rest der Liga merkt, könnte Sanogo schon wieder 10 Treffer auf dem Konto haben. Es scheint aber höchst fraglich, ob er dieses Niveau diesmal langfristig halten kann. Ebenfalls erfreulich ist die Situation bei Hugo Almeida. Schon gegen Ende der letzten Saison zeigte er gute Leistungen und scheint nun endlich den nötigen Willen aufzubringen, sein Talent vollständig auszuschöpfen. Ihm traue ich eine gute Saison zu, sehe auf Dauer ein Angriffsduo mit ihm und Sanogo jedoch kritisch.

Marcelo Moreno kam im Sommer neu aus Donezk. Der Bolivianer sollte schon vergangene Saison verpflichtet werden und verspricht eine Verstärkung zu werden. Technisch ist er beschlagen und das, was gemeinhin gerne als “Torriecher” bezeichnet wird, scheint er auch mitzubringen. Sollte er auch physisch auf Bundesliganiveau mithalten können, sehe ich ihn langfristig als festen Sturmpartner für Pizarro/Mr. X. Markus Rosenberg landete durch seine Formkrise in der Rückrunde auf dem Abstellgleis. Eine langwierige Verletzung hat ihn bislang daran gehindert, diesen Eindruck widerlegen zu können. Sollte noch ein Stürmer kommen kann Rosenberg noch ein Fall für die Transferliste werden.

Fazit: Der Werdersturm ist bislang personell nicht befriedigend besetzt. Die anhaltenden Verhandlungen um Pizarro und die Formstärke der drei aktuellen Kandidaten stimmen dennoch positiv.

Taktik

Es wird momenten viel über den Umbruch in der taktischen Ausrichtung geredet. Statt des 4-4-2 Systems mit Raute wird derzeit ein 4-4-2 mit zwei defensiven Mittelfeldspielern (Doppelsechs) und offensiven Außen gespielt. Interessant ist, was Thomas Schaaf zu dem Thema zu sagen hat:

“Es ist enorm wichtig, flexibel zu sein und auf verschiedene taktische Ausrichtungen zurückgreifen zu können. Wir versuchen alles auszuschöpfen, was der Fußball hergibt. Dabei ist die Taktik ein sehr vielseitiger Bereich. Aber es gibt nicht, wie häufig dargestellt, nur ein paar große Taktiksysteme. Viel entscheidender sind die vielen Nuancen, kleine Verschiebungen, die man vornimmt und die im Idealfall Großes bewirken.”

Aus dem Werder-Magazin Spezial. Interview: Martin Lange

Dem stimme ich uneingeschränkt zu. Werders Formationsänderung ist deshalb auch keine Revolution. Sie ist den personellen Gegebenheiten geschuldet, da Spielmachertypen von der Qualität eines Diego oder eines Johan Micoud für wenig Geld nicht mehr zu bekommen sind. Der Wechsel von der eigentlichen Raute hin zu zwei defensiven Mittelfeldspielern ist ein schleichender Prozess, der in der vergangenen Saison längst begonnen hatte. Mesut Özil ist sicherlich der offensivste Spieler, der je auf den Halbpositionen der Werder-Raute gespielt hat. Als Konsequenz hatte sein Gegenpart auf der rechten Seite, in der Regel Torsten Frings, vermehrt Aufgaben in der Defensive zu bewältigen. Die flexible Grundformation machte diese Verschiebung problemlos möglich. Es ist anzunehmen, dass unter Schaaf auch das System mit der Doppelsechs ähnlich flexibel ausgelegt wird. Die Testspiele lassen zumindest darauf schließen.

In der Defensive ändert sich auf den ersten Blick nicht viel. Naldo wird vermutlich auch weiterhin seine Ausflüge nach vorne unternehmen, während Mertesacker im Notfall auch mal den Ausputzer gibt. Die Außenverteidiger könnten durch das neue System etwas entlastet werden, wenn das Mittelfeld weniger durch die Mitte agiert. Eine Schwäche, die Werder in jedem Fall in den Griff bekommen muss, ist die Unkonzentriertheit bei gegnerischen Standards. Eine Mannschaft mit so vielen kopfballstarken Spielern, darf einfach nicht so viele Gegentore nach Ecken und Freistoßflanken bekommen. Bei eigenen Standards könnte es schwierig werden, die Ausbeute der letzten Saison zu erreichen, denn Diegos Freistöße waren grandios. Mit Özil, Marin, Almeida, Naldo, Borowski und Frings hat man aber eine ganze Reihe an Spielern, die gut mit ruhenden Bällen  aus verschiedenen Positionen umgehen können.

Fazit: Der Wechsel zum neuen System wird weitgehend reibungslos verlaufen. Werder bleibt offensiv gefährlich und defensiv verletzlich, auch wenn ich deutlich weniger Gegentore erwarte, als in der letzten Saison.

Morgen werfe ich dann einen Blick auf die restliche Liga und wage eine Prognose für die Abschlusstabelle.

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