Mikaël Silvestre: Erfahrener Haudegen oder altes Eisen?

Als ich gehört habe, dass Werder Interesse an einer Verpflichtung von Mikaël Silvestre hat, war mein erster Gedanke: Um Gottes Willen! Mein zweiter Gedanke war: Bitte nicht! Warum eigentlich? War Silvestre nicht über Jahre hinweg bei Manchester United als Linksverteidiger gesetzt? War er nicht einer der Besten in Europa auf seiner Position? Ist er nicht dazu noch flexibel einsetzbar? Kann Werders Abwehr von solch einem Spieler nicht noch eine Menge lernen?

Silvestre der Weltklassespieler

Silvestres Erfolge sprechen für sich: 275 Spiele in der Premier League, 79 in der Champions League. Seine letzten Stationen hießen Inter Mailand, Manchester United und FC Arsenal. Seit 1998 hat er in jeder Saison in der Königsklasse gespielt. 1999 gewann er mit United den Weltpokal, neun Jahre später die Champions League. Nach seiner schweren Verletzung vor drei Jahren hielt ihn Arsène Wenger noch immer für gut genug, seiner jungen Mannschaft den nötigen Rückhalt in der Abwehr zu geben.

Silvestre war nie ein spektakulärer Spieler, eher ein Arbeiter, der seinen Job auf hohem Niveau zuverlässig erledigte. Als gelernter Innenverteidiger verbrachte er den Großteil seiner Karriere auf der linken Abwehrseite. Zweikampfstark, laufstark, gutes Stellungsspiel – der Fokus lag bei ihm stets zunächst auf dem Verteidigen und erst dann auf dem Spiel nach vorne. Das heißt jedoch nicht, dass er im Offensivspiel nicht zu gebrauchen war. Seine Flanken waren ziemlich passabel und die weiten Wege eines Außenverteidigers scheute er auch nicht. Allerdings suchte er jedoch längst nicht so konsequent und häufig den Weg nach vorne, wie heutzutage Philipp Lahm, Maicon oder Dani Alves. Silvestres größtes Plus war seine Konstanz. Über die Jahre zeigte er kaum Leistungsschwankungen, weshalb er sich um seinen Stammplatz lange Zeit keine Sorgen machen musste. Erst nach der Verpflichtung von Patrice Evra und einem Kreuzbandriss wurde Silvestres Standing bei den Red Devils nach und nach immer schlechter.

Silvestre der Aushilfsspieler

Im Sommer 2008 verpflichtete der FC Arsenal Silvestre und gab ihm einen Zweijahresvertrag. Von Alex Ferguson nicht mehr regelmäßig berücksichtigt war er für Arsène Wenger genau der richtige Mann, um seiner jungen Mannschaft etwas mehr Stabilität in der Defensive zu geben. Hinter den etatmäßigen Innenverteidigern William Gallas und Kolo Touré war Silvestre Ergänzungsspieler in der Innenverteidigung. Auf der Position der Linksverteidigers war mit dem in der Vorsaison starken Gaël Clichy ebenfalls ein Spieler gesetzt. Trotzdem kam Silvestre bei den von Verletzungsprobleme geplagten Gunners zunächst regelmäßig zum Einsatz. In der Rückrunde musste er jedoch meistens auf der Bank Platz nehmen. Insgesamt absolvierte er 23 Saisonspiele für Arsenal, davon 14 in der Premier League. In der folgenden Saison wurden seine Einsatzzeiten noch weniger. Erst gegen Ende der Saison, als Arsenal erneut Verletzungssorgen in der Abwehr hatte, wurde er regelmäßig in die Startelf berufen.

Von den Fans des FC Arsenal wurde Silvestre nie wirklich akzeptiert und hatte eine schwierige Zeit in Nord-London. Zunächst wurde er kritisch beäugt, weil er vom langjährigen Konkurrenten Manchester United kam und daher einen schlechten Ruf bei den Gooners hatte. Ein solcher Wechsel zwischen den beiden Vereinen ist absolut unüblich und kommt maximal alle 10 Jahre einmal vor. Zudem fragten sich viele Beobachter, warum Alex Ferguson ihn zu einem Spottpreis zu einem direkten Konkurrenten transferieren sollte, wenn er noch die nötige Qualität besäße. Für seine Leistungen auf dem Platz wurde Silvestre ebenfalls kritisiert und erlangte schnell einen Status als Unsicherheitsfaktor in der Viererkette. Arsène Wenger setzte trotz aller Probleme weiterhin auf ihn. Silvestre sollte vor allem auch neben dem Platz ein wichtiger Spieler für ihn sein, von dem seine jungen Spieler lernen konnten. Auf dem Platz kam er jedoch nie über den Status als Ergänzungsspieler hinaus und wurde von Wenger nur dann eingesetzt, wenn Not am Mann war.

Silvestre der Unsicherheitsfaktor

Im Juni 2010 endete Silvestres Zeit beim FC Arsenal. Wenger und der nun 33-jährige Ex-Nationalspieler konnten sich nicht auf einen neuen Vertrag einigen, was vor allem auf die wenigen Einsatzzeiten des Spielers zurückzuführen ist. Zu Weihnachten hatte es noch nach einer Verlängerung des Kontrakts ausgesehen. Wenger betonte immer wieder die Wichtigkeit Silvestres für sein Team, schenkte ihm jedoch nicht sein volles Vertrauen auf dem Platz. Die Nichtberücksichtigung Silvestres für den Kader beim Spiel gegen den FC Liverpool im Februar führte zu einem Bruch zwischen Spieler und Trainer. Die Trennung im Sommer nahm immer konkretere Formen an, auch wenn Wenger betonte, Silvestre gerne ein weiteres Jahr lang behalten zu wollen.

Im für Arsenal sehr ernüchternden Saisonendspurt spielte Silvestre wieder häufiger von Anfang an, was seinen Ruf bei den eigenen Fans jedoch noch mehr ramponierte. Bei den bitteren Niederlagen gegen Barcelona und Tottenham machte er eine unglückliche Figur und wurde für mehrere Gegentore verantwortlich gemacht. Bei den Gooners hielt sich die Trauer um seinen Abschied daher stark in Grenzen. Vielmehr waren viele Fans froh den vermeintlichen Unsicherheitsfaktor endlich los zu sein. Trotz anhaltender Abwehrsorgen und mehrerer Abgänge (Gallas, Senderos, Campbell) blieb Silvestre für die Saison 2010/11 unerwünscht.

Silvestre bei Werder Bremen

Die Kritik der Arsenalfans war sicherlich nicht ganz unbegründet, doch insgesamt gesehen zu hart. Auch wenn Silvestre nicht mehr den höchsten Ansprüchen genügt, war er doch ein zumindest einigermaßen solider Backup. Für Arsenals Ansprüche war dies auf dem Platz jedoch am Ende nicht mehr ausreichend. Nun kommt Silvestre in die Bundesliga zu einem Team, das eine ähnliche Spielphilosophie verfolgt und dessen Abwehrprobleme noch größer sind. Die Reaktionen der Fans sind gemischt, allerdings mit einem Übergewicht der positiven Kommentare. Doch was verspricht sich der Verein von Silvestre und wie realistisch sind diese Ansprüche?

Erfahrung – Silvestre ist zweifellos ein sehr erfahrener Spieler, der über ein Jahrzehnt auf höchsten Niveau Fußball gespielt hat. Diese Erfahrung soll er nun – wie beim FC Arsenal – an die jüngeren Spieler weitergeben. Nun liegen Werders Abwehrprobleme nicht unbedingt an mangelnder Erfahrung: Naldo, Per Mertesacker, Clemens Fritz und Petri Pasanen sind/waren gestandene Nationalspieler, die seit vielen Jahren Profis sind und regelmäßig spielen. Als junge Abwehrspieler bleiben lediglich Sebastian Prödl und Sebastian Boenisch. Dennoch kann Silvestre hier möglicherweise noch wichtige Impulse geben. Die Erfahrungen, die er bei mehreren europäischen Top-Teams gemacht hat, sind womöglich doch noch etwas höher einzuschätzen. Fraglich ist nur, wie schnell sich der Franzose ins Team integrieren und seine Erfahrungen weitergeben kann.

Vielseitigkeit – Silvestre ist gelernter Innenverteidiger, der den Großteil seiner Karriere als linker Verteidiger gespielt hat. Dabei hat er häufig betont, dass ihm die Position in der Mitte der Abwehr besser zusagt. Klingt irgendwie bekannt. Haben wir genau diesen Spieler nicht schon in Petri Pasanen? Eine Notlösung auf links, die sich dort eigentlich nicht so richtig wohl fühlt? Nun, Silvestre hatte auf dieser Position immerhin einen Stammplatz bei Manchester United. Allerdings ist er im Alter nicht schneller geworden und spielte bei Arsenal meistens in der Innenverteidigung. Eine Ideallösung für die linke Abwehrseite sieht anders aus, auch wenn Silvestre angesichts Werders Probleme auf dieser Position sicher Chancen auf einen Stammplatz hat.

Abgeklärtheit – Dieses Attribut schreibt man älteren Spielern mit viel Erfahrung gerne pauschal zu. Silvestre hat in seiner Karriere seine Abgeklärtheit häufig unter Beweis gestellt. Bei seinem letzten Arbeitgeber gelang im dies jedoch nicht wirklich. Silvestre wirkte häufig unsicher, was in Verbindung mit fehlender Schnelligkeit zu einem großen Problem werden kann. Zudem bekam er bei Arsenal und in seiner letzten Saison bei ManUtd wenig Spielpraxis, hat in den letzten drei Jahren nur 49 Pflichtspiele bestritten. Vielleicht kann er bei Werder – wo ihm wenig Gegenwind seitens der Fans entgegen blasen wird als bei Arsenal – noch einmal an seine Zeit bei United anknüpfen. Solange bei Werder kein Umdenken im Defensivspiel stattfindet und die Angriffe der Gegner weiter so unbehelligt vom Mittelfeld auf die Viererkette zurollen, sollte nicht erwarten, dass mit Silvestres Verpflichtung die Abwehrsorgen gelöst wären.

Wirtschaftlichkeit – Die Risiken der Verpflichtung halten sich für Werder in Grenzen. Da der Franzose ablösefrei zu haben war und man von einem stark leistungsbezogenen Vertrag ausgehen kann, sind die Kosten für den Transfer überschaubar. Die Vertragslaufzeit von zwei Jahren ist bei einem 33-jährigen ebenfalls in Ordnung, auch wenn aus Werdersicht ein Einjahresvertrag mit Option auf Verlängerung besser gewesen wäre. Im schlimmsten Fall hätte Werder einen vergleichsweise geringen finanziellen Verlust gemacht, im besten Fall einen wichtigen Spieler für kleines Geld verpflichtet.

Eine gute Verpflichtung?

Was spricht also nach all diesen Argumenten gegen die Verpflichtung? Nicht viel, wenn man den Transfer isoliert betrachtet. Silvestre verstärkt den Kader in der Breite und wahrscheinlich auch in der Tiefe. Der Transfer ist jedoch auch Zeichen für ein grundsätzliches Problem bei Werder: Während für Offensivspieler inzwischen auch Ablösesummen deutlich jenseits der 5 Mio. € gezahlt werden, hält man sich bei Defensivspielern merklich zurück. Die linke Abwehrseite ist seit Jahren eine Problemposition, die trotz zahlreicher Neuverpflichtungen der mittleren Kategorie nicht nachhaltig gut besetzt werden konnte: Ob Talente, wie Boenisch und Tosic oder namhaftere Spieler, wie Nery und Womé – zu häufig wurde die Notlösung mit Petri Pasanen zur besseren (bzw. weniger schlechten) Alternative. Mit der Verpflichtung Silvestres gesteht man dieses Manko implizit ein.

Nachdem alle Bemühungen der letzten Saison mehr (Abdennour) oder weniger (Boenisch) gescheitert sind, soll nun ein anderer Weg gegangen werden. Werder scheut die große Investition, sieht für kleineres Geld jedoch keinen Spieler auf dem Markt, der für eine deutliche Verbesserung sorgen könnte. Silvestre soll die kurzfristige Stabilisierung sein, die mittelfristig aber auch dem von Schaaf und Allofs hochgelobten, zuletzt aber kritisierten Boenisch eine Perspektive bietet. Ob dieser Weg der richtige ist lässt sich selbstverständlich erst im Nachhinein beurteilen, doch das (im Vergleich zu anderen Positionen) zurückhaltende Verhalten auf dem Transfermarkt schürt nicht die Hoffnung auf eine nachhaltige Verbesserung in der Defensive. Oder – um es mit Schaaf und Allofs Worten zu sagen – regt nicht die Fantasie an.

Allerdings, das muss man den beiden zugestehen, hatten sie gerade bei älteren Spielern bislang ein sehr gutes Händchen – man denke nur an Cesar, Micoud, Davala, Reinke und Ismael. Deshalb hoffe ich sehr, dass Mikaël Silvestre mich und alle anderen Kritiker eines besseren belehren wird. Willkommen bei Werder Bremen und bonne chance!

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    7 Gedanken zu „Mikaël Silvestre: Erfahrener Haudegen oder altes Eisen?

    1. Hmm, ich bin irgendwie hin- und hergerissen. Auf der einen Seite will ich Silvestre nicht schon vor seiner Ankunft und vor seinem ersten Spiel als Fehlkauf/Notlösung abtun. Andererseits löst er aber auch nicht unbedingt Begeisterungsstürme bei mir aus. In den letzten Jahren war er ja nicht mehr wirklich gesetzt bei ManU und Arsenal.

      Das mit dem Linksverteidiger ist ja so eine Sache, da der Markt sehr klein ist und eigentlich fast jeder Verein nach einem guten LV sucht. Und gerade Spieler, die auch sofort ein Mehr an Qualität liefern können, sind halt auch nicht gerade preiswert. Wobei ich glaube, dass hier vor allem auch der Unterhalt und das Gehaltsgefüge abschreckend wirken. Ist halt nicht einfach.

      Die Frage, die sich mir stellt, ist: Was wird nun aus Boenisch. Den hat man ja mal für relativ viel Geld damals geholt und gehofft, er würde die Premium-Lösung der Zukunft. Nun aber konnte sich Boenisch lange Zeit nicht gegen Pasanen durchsetzen und man hat manchmal das Gefühl, dass er nicht wirklich in den vergangenen Jahren dazugelernt hat. Defensiv eher wackelig und nach vorne oft zu ungestüm. Wird man Silvestre ihm vorziehen? Kommt bei Boenisch noch der Sprung auf den alle hoffen und den ihm auch jeder gönnt?

    2. Mich würde mal interessieren, wie in Werders Jugendarbeit mit dem Problem Linksverteidiger umgegangen wird. Ich würde ab der B-Jugend jeden schnellen und technisch guten Mittelfeldspieler und Stürmer, ob Rechts- oder Linksfuß, hinten links testen und ausbilden. Da muss doch irgendwann einer bei raus kommen. Und ein Spieler, der sich hinten links durchsetzt ist drei Mal so viel Wert wie als Stürmer.

    3. @Johan: KLingt zwar nicht dumm, aber sollen die Jugendmanschaften dann alle mit 10 LVs spielen bzw. soll der Rest dann nur mit Graupen aufgefüllt werden?
      Du hast aber schon recht, allerdings ist der letzte vielversprechende AV ja lieber nach Nürnberg gegangen…

    4. @Conti, natürlich nicht auf einmal – das Problem scheint aber zu sein, dass Werders Jugedarbeit zu sehr auf Titel ausgerichtet ist, nicht auf die Weiterentwicklung der Spieler, bzw. auf die Spielertypen, die wir brauchen.

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