Mutig nach Mainz?

Gegen Mainz sah Werder in den letzten Jahren selten gut aus. Tuchels Truppe schaffte es ein ums andere Mal, sich gut auf Werders Spiel einzustellen und unsere taktischen Schwachstellen aufzudecken. Das verwundert kaum, denn Mainz gehört seit dem Wiederaufstieg zu den flexibelsten Teams der Liga. Trainer Tuchel kann seine Mannschaft unglaublich gut an gegnerische Taktiken anpassen. In der Hinrunde gab es einen schmeichelhaften 2:1-Sieg für Werder, der vor allem auf Aaron Hunts Klasse zurückzuführen war (man erinnere sich an das wunderschöne Freistoßtor zum 2:1). Mainz hatte jedoch einen klar ersichtlichen Matchplan, der über weite Strecken aufging: Mit einer Raute positionierte man sich sehr zentral, stellte die Passwinkel auf Werders Dreiermittelfeld zu und lenkte das Spiel der Hausherren gezielt auf die Außenbahnen. Da Werder ohnehin meist über die Außenverteidiger eröffnet, gab es viele vertikale Pässe die Seitenlinie herunter. Auch Werders Außenstürmer wurden so gepresst, dass sie möglichst wenig Pässe ins Mittelfeld spielen sollten. Als Resultat spielte sich Werder häufig am Flügel entlang und versuchte es dann mit Flanken auf Petersen, die Mainz insgesamt recht wenig Probleme bereiteten. Wenn man von der Anzahl qualitativ hochwertiger Chancen ausgeht, hätte Mainz das Spiel gewinnen, zumindest aber einen Punkt holen müssen.

Duell der Ex-Rauten

Siebzehn Spieltage später hat sich Werders Ausrichtung leicht geändert. Man spielt insgesamt vorsichtiger, hält vorne weniger schematisch die Positionen an der Außenlinie. Was in der Hinrunde in Stein gemeißelt schien, wird nun von Woche zu Woche durcheinander geworfen: Elia, Arnautovic, Petersen, Yildirim, Ekici, De Bruyne, Junuzovic, Ignjovski – die Liste der Spieler, die sich in der Rückrunde schon als Außenstürmer versuchen durften, ist lang. Zuletzt setzte Schaaf in seiner Startaufstellung zwei mal auf eine defensive Variante mit Junuzovic und Ignjovski, die neben einer Doppelsechs zum Einsatz kamen. Hunt, Ekici, Elia und Arnautovic fanden sich auf der Bank wieder. Das Ergebnis war eine verbesserte defensive Stabilität, die auf Kosten der offensiven Durchschlagskraft ging. Was auswärts gegen Gladbach gut funktionierte, war zuhause gegen ein reaktives Greuther Fürth weitaus weniger brauchbar. In der Halbzeit stellte Schaaf daraufhin um, setzte auf mehr Offensive und direkt waren wieder die alten Defensivprobleme erkennbar. Einen gesunden Mittelweg, die viel besungene “richtige Balance”, sucht Werder weiterhin vergeblich. Das 2:2 war am Ende eher für Werder glücklich, als für die Gäste.

Mainz ist in letzter Zeit wieder von der Mittelfeldraute als Default-Formation abgewichen und agiert häufig in einem 4-2-3-1 oder flachen 4-4-2. Trotzdem ist zu erwarten, dass Mainz wieder versuchen wird, Werders Spiel früh auf die Außenbahnen zu lenken, wie sie es in dieser Saison auch wiederholt gegen andere Teams praktiziert haben. Die äußeren Mittelfeldspieler Müller und vor allem der von Werder umworbene Ivanschitz orientieren sich ohnehin eher in Richtung Zentrum und stehen gegen den Ball recht eng. Im Spielaufbau setzt Mainz auf Andreas Baumgartlinger als einrückenden Sechser und schiebt die Außenverteidiger vor, wenn auch nicht so aggressiv, wie beispielsweise Freiburg und Leverkusen. Interessant wird die Frage, ob Mainz es gegen Werders anfällige Viererkette mit einer Doppelspitze aus Parker und Szalai versuchen wird oder hinter Szalai auf einen eher gestaltenden Mittelfeldspieler (Zimling?) setzt. Gegen Werders Dreiermittelfeld würde sich eher letzteres anbieten, aber Tuchel ist für mutige Entscheidungen bekannt.

Schwierige Entscheidungen

Für Werder geht es in erster Linie darum, den richtigen Mittelweg aus den taktischen Ausrichtungen der vergangenen Wochen zu finden. In Mainz könnte man zur Not mit einem Punkt leben, kann dementsprechend zunächst auf eine Kontertaktik setzen. Zu tief sollte man sich gegen Mainz jedoch nicht hinten reinstellen. Zum einen steht bei Mainz mit Adam Szalai ein Mittelstürmer auf dem Platz, den Werder im Strafraum kaum über 90 Minuten in den Griff bekommen dürfte. Zum anderen würde man so die Möglichkeit auf hohe Ballgewinne herschenken, denn Mainz verfügt noch immer nicht über den besten Spielaufbau aus der Innenverteidigung. Ein situatives Angriffspressing sollte Werder daher im Gepäck haben. Der gegenwärtige (mentale) Zustand der Mannschaft legt einen vorsichtigen Beginn nahe, um zunächst etwas Selbstvertrauen zu sammeln und ein frühes Gegentor zu vermeiden.

Die Personalentscheidungen werden für Schaaf nicht leicht zu treffen sein. Geht er den Weg der letzten beiden Spiele weiter und setzt seine Stars weiterhin auf die Bank? Wie reagiert er auf die Ausfälle im Mittelfeld? Sokratis hat sich als Sechser gegen Fürth nicht bewährt, da ihm die Qualitäten als Ballverteiler sowie die Positionstreue im Mittelfeld abgehen. In einem Auswärtsspiel, in dem Werder nicht das Spiel machen muss, könnte dies jedoch anders aussehen. Als Kettenhund neben Trybull könnte er sich um die Läufe von Ivanschitz ins Zentrum kümmern. Durch die Verletzungen von Junuzovic, Fritz und Ignjovski sowie den langen Ausfall von Bargfrede gibt es dazu nicht viele Alternativen. Der Schlüssel zur Torgefahr dürfte dagegen mal wieder Kevin De Bruyne sein, der in den letzten Spielen als alleinige (Um-)Schaltzentrale agierte und dabei an fast allen gefährlichen Aktionen beteiligt war. Ihm kommt die verbesserte Absicherung durch die beiden Sechser zwar entgegen, doch fehlt ihm mit einer sehr defensiv-orientierten Aufstellung oft die Unterstützung bei Kontern. Auch hier wird die richtige Mischung noch gesucht.

Wegweiser für den Saisonendspurt

Nachdem man den Befreiungsschlag gegen Fürth verpasst hat, gilt es gegen Mainz und im darauffolgenden Heimspiel gegen die wiedererstarkten Schalker, nicht noch weiter in Richtung Relegationsplatz abzurutschen, bevor die Spiele gegen Düsseldorf, Wolfsburg und Hoffenheim wohl über den Bremer Saisonausgang entscheiden. Auf einen nachhaltigen Umschwung mag ich in dieser Saison nicht mehr hoffen. Es geht nur noch darum, über kleine Erfolgserlebnisse genug Selbstvertrauen zu sammeln, um nicht in eine noch tiefere, akute Krise gestürzt zu werden. Die tiefer gehende, strukturelle Krise droht sich jedoch auch über die Saison hinweg fortzusetzen.

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    3 Gedanken zu „Mutig nach Mainz?

    1. DIe Aufstellung des Abschlusstrainings scheint auf die Doppel-6 Bargfrede/Iggy schließen zu lassen. So versucht der Trainer wohl de Bruyens und Ekicis mangelnden Defensivkünste ausgleichen zu wollen, die im 4-2-3-1 wohl die Außen besetzen werden. Klingt für mich theoretisch gar nicht so übel, was die angestrebte Balance angeht. Wie es die Spieler letztlich umsetzen, werden wir in viereinhalb Stunden ja sehen…

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