Never Dreamed You’d Leave in Summer

Bundesliga, 17. Spieltag: Werder Bremen – 1. FC Kaiserslautern 1:2

Nachdem mich die letzten Wochen einigermaßen zuversichtlich stimmten, dass sich Werder auf einem guten Weg aus der Krise befände, hat die Mannschaft diese Zuversicht mit einem erneuten Offenbarungseid zum Ende der Hinrunde weggewischt. Nach der verdienten Heimniederlage gegen den Aufsteiger aus Kaiserslautern bleiben eine Menge offene Fragen, die es in der Rückrunde zu beantworten gilt.

Anhaltende Konzentrationsmängel

Es ist die ewig gleiche Mischung aus defensiver Fragilität und offensiver Einfallslosigkeit, die Werder in dieser Saison vor Probleme stellt. Es fehlt an Struktur im Spielaufbau, an Automatismen in der offensiven Mittelfeldreihe, an gefährlichen Standardsituationen. Dazu kommen die anhaltenden Personalprobleme, mit immer neuen Ausfällen, die zu ständig wechselnden Startformationen führen. Kaiserslautern hat im Weserstadion gut gespielt, immer wieder gefährlich gekontert und Werder im zentralen Mittelfeld weitgehend kontrolliert. Es wurde ihnen von Werder allerdings auch einfach gemacht.

Das Gegentor in der ersten Minute war ein weiteres Exemplar Bremer Konzentrationsschwäche, die bei Torsten Frings anfing, sich über Petri Pasanen fortsetzte und in Per Mertesacker kulminierte. Leider ist unser Abwehrturm nicht nur körperlich manchmal zu unflexibel. Als er Lakics Laufweg erkannte und darauf reagierte, war schon alles zu spät. Über weite Strecken der 1. Halbzeit fand Werder überhaupt nicht ins Spiel, was nicht allein durch Verunsicherung wegen des frühen Rückstands zu erklären ist. Weder Marin noch Hunt konnten für Impulse sorgen und das zuletzt gefestigte defensive Mittelfeld wies dieselben strukturellen Mängel auf, die schon über weite Strecken der Hinrunde Werder das Leben schwer gemacht haben.

Ausgelutscht?

Auch nach dem frühen Wechsel und der Systemumstellung tat sich Werder weiterhin schwer. Zwar gab es nach dem Ausgleich durch Hunt einige starke Minuten, in denen (meist durch Einzelaktionen) Torgefahr entstand, doch das war – wie sich schon kurz nach Wiederanpfiff zeigte – bloß ein Strohfeuer. Der erneute Rückstand war sinnbildlich für Torsten Frings Hinrunde. Zunächst traf er die falsche Entscheidung, als er statt des einfachen Balls eine Pirouette drehte, mit der er sich in eine gefährliche Situation brachte. Dann kam noch Pech dazu, weil er auf dem glatten Boden den Halt und damit auch den Ball verlor. Natürlich ist es nicht Frings Schuld, dass Sekundenbruchteile später auch noch Fritz ausrutschte, aber ein Spieler mit seiner Erfahrung sollte solche kritischen Situationen von vornherein verhindern. Alle großen Defensivspieler, die bis ins hohe Alter ihre Klasse halten konnten, verstanden sich hervorragend darin, gefährliche Situationen zu antizipieren und zu verhindern, bevor ihnen ein junger Gegenspieler ihre nachlassende Schnelligkeit um die Ohren hauen konnte. Genau dies scheint Frings nicht zu gelingen und deshalb hoffe ich sehr für ihn, dass er die Zeichen der Zeit erkennt und seine Karriere im Sommer beendet.

Ich möchte kein Frings-Bashing betreiben, denn er hat sehr viel für unseren Verein geleistet, aber es reicht einfach nicht mehr, um bei einem Verein mit Werders Ansprüchen eine Führungsrolle auszuführen. Leider. Noch reicht es aber dazu, sich in Würde zu verabschieden und vielleicht dem Verein in einer anderen Rolle weiterzuhelfen. In der letzten Rückrunde war Frings noch unsere Lebensversicherung in der Schlussphase vieler Spiele, in denen er als Antreiber und kühler Vollstrecker überzeugte. Am Samstag wurde er nicht zum ersten Mal in dieser Phase ausgewechselt. Sein Gesichtsausdruck beim Verlassen des Spielfelds war die bildliche Untermalung der Schlagzeilen, für die er unter der Woche gesorgt hatte. Für ihn kam Said Husejinovic in die Partie – nicht unbedingt ein Hoffnungsträger.

Doppelnull statt Doppelsechs

Der Wechsel war ein weiterer Ausdruck der Verzweiflung unseres Trainers. Nachdem die Umstellung in der ersten Halbzeit noch für eine gewisse Belebung gesorgt hatte, brachten die beiden Wechsel in der zweiten Halbzeit kaum einen Effekt. Mit Bargfrede und Frings nahm Schaaf beide Sechser vom Feld und brachte zwei weitere Offensivspieler. Man kann darüber diskutieren, ob es bei Werders Harakiri-Stil überhaupt noch einen Unterschied macht, ob die Positionen vor der Abwehr nominell besetzt sind oder nicht. Wenn beide Sechser so weit aufrücken, dass Abstände jenseits von Gut und Böse zwischen Viererkette und Mittelfeld entstehen, kann man auch gleich die Zone vor dem Strafraum mit dribbelstarken Kreativspielern bevölkern. Dumm nur, wenn den Innenverteidigern die kurzen Anspielstationen im Aufbau fehlen und mit Wagner und Arnautovic nur eineinhalb Spieler mit langen, hohen Bällen anspielbar sind. Ein stärkerer Gegner hätte Werder mit drei, vier präzisen Kontern eine richtige Abreibung verpasst.

Das Brechen und Würgen hätte für Werder in der Tat noch mit einem Punkt belohnt werden können, wenn Wagner den Kopfball aus kurzer Distanz am Torwart vorbei bekommen hätte. Einzelaktionen, die mit einem Anspiel auf Wagner endeten, waren an diesem Tag Werders einzige Waffe. Leider bleibt Wagner noch immer den Beweis schuldig, dass er ein guter Bundesligastürmer sein kann. Die Kritik an ihm finde ich insgesamt zu hart (immerhin ist er auf Bundesliganiveau ein Neuling und für Werder eigentlich Stürmer Nummer 4), aber außer ein paar guten Ansätzen ist noch keine Entwicklung erkennbar. Wagner kann als Stürmer eigentlich alles – irgendwie – aber nichts davon so gut, dass es ihn zu einer Bereicherung für unser Spiel machen würde.

Saisonziel: 40 Punkte

Noch vor dem Spiel sprach Klaus Allofs vom Anschluss an Platz 5. Angesichts der vielen Überraschungsmannschaften in der oberen Tabellenhälfte ist dieses Ziel nicht völlig unrealistisch. Die letzte Saison hat gezeigt, wie schnell man in dieser ausgeglichenen Liga einen Rückstand aufholen kann. Trotzdem halte ich es für ein falsches Signal, weil es die vorhandenen Probleme überspielt und suggeriert, wir wären schon wieder auf dem Weg nach oben. Es ist nicht das erste Mal, dass Allofs mit solchen Ansagen auffällt und ich würde mir wirklich wünschen, dass er sich mit damit in Zukunft etwas zurückhält. Mit 19 Punkten aus der Hinrunde heißt das erste und einzige Ziel, den Klassenerhalt zu sichern. Wenn die 40 Punkte früh erreicht werden sollten, kann man sich immer noch nach oben orientieren. Zum jetzigen Zeitpunkt wirkt es bestenfalls verzweifelt und im schlechtesten Fall wie einsetzender Realitätsverlust. Also Herr Allofs, bitte in der Winterpause etwas zurückhalten mit den Kampfansagen!

Für Thomas Schaaf geht es in der Rückrunde indes um mehr als nur den Klassenerhalt. Er muss beweisen, dass es sich bei ihm in der Hinrunde nur um eine Formkrise handelte, und er die Mannschaft wieder zurück zu alter spielerischen Klasse führen kann. Er muss beweisen, dass er noch immer talentiertes Personal weiterentwickeln und zu Spielern internationaler Klasse formen kann. Und er muss beweisen, dass er seiner Mannschaft ein geeignetes Post-Rauten-System verpassen kann.

Diese schlechte Hinrunde würden wir alle gerne vergessen. Ich erwarte von jedem einzelnen Werderaner, dass er alles dafür gibt, dass wir das schon bald guten Gewissens tun können.

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    2 Gedanken zu „Never Dreamed You’d Leave in Summer

    1. Pingback: BetzeBlog
    2. Ratlos, ratloser, Werder Bremen. Man könnte auch sagen harmlos, harmloser… Oder auch das Sprichwort mit dem Kaninchen passt ganz gut. Neben den von dir genannten Gründen fehlt mir einfach die Aggressivität (fair, nicht wie Sandro W.), die Härte im Zweikampf, das kollektive Dagegenhalten. Die Mannschaft wehrt sich einfach nicht, sie lässt sich viel zu leicht den Schneid abkaufen. Vor einem halben Jahr noch war Bremen DAS Team, das nie aufsteckte, ein Spiel immer noch umbiegen konnte, der Gegner konnte sich nie sicher sein das Spiel zu gewinnen. Heutzutage bete und bettele nach Rückstand ich um ein Glückstor, um einen Elfer oder um einen kapitalen Fehler der Hintermannschaft des Gegners, noch besser des Torhüters, am besten gleich ein Eigentor. Leider neigt das Spiel, so wie du richtig beschrieben hast, immer mehr zu einem zweiten, dritten oder viertem Gegentor, als zum Ausgleich oder gar zum Sieg. Die Klatschen gegen S04 und den VFB waren kein Zufall.
      Leider gelten die einleitenden Worte auch für mich. Ich bete und hoffe (was bleibt mir sonst) auf die Rückkehr der Verletzten und auf absolute Fitness der elf Startspieler. Wenn außerdem noch ein brauchbarer Linksverteidiger und ein Mann fürs zentrale Mittelfeld kommen sollte, wäre ich vorsichtig optimistisch gestimmt, dass man nicht unter den Strich rutscht. Vor allem auf die Attribute Antritt, Schnelligkeit, Laufstärke und Passpiel sollte bei den Neuverpflichtungen Wert gelegt werden.

      Immer noch 100% pro Thomeas Schaaf!

      Beste Grüße aus dem Saarland,
      Matzekausw

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